Manche Autofahrer verfügen einfach über viel zu viel Hupraum.

Content Creator – das kann auch jemand sein, der leere Fässer mit Jauche füllt.

Was der Unterschied ist zwischen CEO und SEO? Da gibt’s keinen – sind beides Abkürzungen.

Aus der Serie „Alles nicht so schlimm mit dem Klima“:
Klar, durch die Hitze entstehen mehr Waldbrände. Aber: Durch den Anstieg des Meeresspiegels gibt es auch mehr Löschwasser.

Neuerscheinung in der deutschen Presselandschaft: WOKE, das Empörungsmagazin aus dem Bundescancelamt.

 

Auszug aus dem Versepos „Die abenteuerlichen Ehrenrunden der Schokoladentafel Königin Camelottas“ (ca. 1156 – ca. 1341):

Da erschien ein Ritter hoch zu Ross
Auf seiner Schulter ein Albatros
Der still vor Glück die Aussicht genoss
Wohnte er doch im Erdgeschoss

 

Don’t read my diary when I’m gone. OK, I’m going to work now. When you wake up this morning, please read my diary. Look through my things, and figure me out. (Kurt Cobain: Journals)
Lust auf regelmäßige Updates oder Infos? Dann bitte schriftliche Bestätigung per Mail an ke@kurteimers.de

Update Juni 2022

Montagmorgen

montagmorgen
zeit der hoffnungslosen
zeit der überdosen
zeit der traurigkeit

montagmorgen
zeit der abgehängten
zeit der rausgedrängten
zeit der einsamkeit

montagmorgen
zeit der trüben blicke
zeit der missgeschicke
zeit der müdigkeit

montagmorgen
zeit des tristen graus
zeit der langen staus
zeit der giftigkeit

montagmorgen
zeit der langen stunden
zeit der offenen wunden
zeit der verletzlichkeit

montagmorgen
zeit, dass es dienstag wird

 

Nichts von Zeit

erzähl mir nichts von zeit
ich bin noch nicht so weit
ich will ganz einfach weitermachen
mit leben lernen lieben lachen

erzähl mir nichts von zeit
ich bin noch nicht bereit
ich hab noch einiges zu tun
kann nicht lassen kann nicht ruhn

erzähl mir nichts von zeit
sonst bekommen wir noch streit
ich will mit dir noch lange leben
die welt ist eh schon voll daneben

 

Ce vent

ce vent ce vent
bien trop souvent
bien trop longtemps
beaucoup trop vivant

mais comment mais comment
écris-je cette chanson
sur ce vent qui me rend
si content

ce vent ce vent
qui ne se vend
à personne et pourtant
pour qui il se prend

mais maintenant maintenant
je me place dans ce vent
et de toutes mes dents
je mords dedans

mais attends mais attends
que je savoure ce moment
avant que ce vent
ne tourne en ouragan

 

Musicalités Oviformes

l’œuf à la coque
n’écoute que du rock
mais sur la pelouse
il est pris par le blues
quand on le casse et le frappe
il prend cela pour du rap
quand on le traite d’être naze
il se branche sur le jazz

nota :
l’œuf à la con
n’aime que des chansons
à succès

 

 

Eine Frage der Größe

Alles begann damit, dass die Züge in Deutschland plötzlich anfingen, pünktlich zu sein.

Das wiederum fiel zuerst niemandem negativ auf, im Gegenteil, die Reisenden freuten sich, dass die Züge endlich keine Verspätung mehr hatten. Und die Leute von der Eisenbahn freuten sich auch. Endlich keine Beschwerden mehr. Obwohl, erklären konnten sie sich das mit der plötzlichen Pünktlichkeit nicht. Die Mitarbeiter vermuteten ein neues Rationalisierungsprogramm, „von oben verordnet“, wie sie sagten, aber niemand wurde entlassen, es wurde keine Arbeitszeit erhöht, und irgendetwas Schriftliches gab es schon gar nicht. Nur Gerüchte. Je höher man nachforschte in der Hierarchie, und spätestens in der Chefetage, desto öfter kam nur eine Antwort: „Alles Zufall.“

Einige Tage später stand eine Meldung auf den Titelseiten aller Zeitungen: „Passagierflugzeug stellt sensationellen Geschwindigkeitsrekord auf!“ Kann ja mal passieren, nur: Hier handelte es sich um eine ganz normale Maschine. Also keinen Concorde-Nachfolger oder so. Und dennoch hatte die Maschine den Atlantik in Rekordzeit überflogen. Die Passagiere, vor allem die ewig eiligen Geschäftsleute, waren begeistert.

Die nächste überraschende Meldung kam von den deutschen Bundesautobahnen, die seit der Einführung der LKW-Maut zu Recht zu den bestüberwachten der Welt zählten. Das elektronische LKW-Erfassungssystem vermerkte eine Veränderung: Die Lastzüge brauchten für ihre Strecken anscheinend immer weniger Zeit. Dabei war bei den Geschwindigkeitskontrollen nichts aufgefallen. Keine rasenden Trucks, nichts. Alles ganz normal. Merkwürdiges vermeldeten auch die Mautstellen in Frankreich: Bei Kontrollen am Ende der Autobahnen stellte die Polizei fest, dass sämtliche kontrollierten Fahrzeuge ihre Strecke in einer viel zu kurzen Zeit gefahren waren. Also zu schnell, viel zu schnell. Die Fahrer hingegen schworen, sie hätten die erlaubten 130 km/h kaum oder gar nicht überschritten.

Gleichzeitig stellten weltweit immer mehr Menschen fest, dass sie für ihre Wege von A nach B eine zunehmend abnehmende Menge an Zeit brauchten. Ganz gleich, ob in Hamburg der Weg von der Wohnung zum Bäcker, in Mali der Pfad vom Dorf hinunter zum Fluss, in China der Weg vom Hof zum Reisfeld, in New York die Joggingstrecke durch den Central Park, in Argentinien der Ritt von der Farm hinaus zu den Rindern in der Pampa – überall auf dem Planeten registrierte man dasselbe Phänomen.

Wieder ein paar Tage später kam es weltweit zu merkwürdigen Massenselbstmorden unter den so genannten Naturvölkern. Vom Amazonasgebiet über das Kongobecken, Südostasien und Papua-Neuguinea zog sich eine Suizidschneise, grausam und scheinbar unaufhaltsam. Ganze Stämme vernichteten sich selbst. Erklärungen: Fehlanzeige. UNO, NGOs, Regierungen und die weltweite Öffentlichkeit standen fassungslos vor einer unerklärlichen menschlichen Katastrophe. 
  
Auch unter den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines, wütete das von der Presse so getaufte „Selbstmordvirus“. Allerdings gelang es hier einem Soziologen, der seit Jahren mit einem Stamm im Outback lebte, dessen Medizinmann zu einer Stellungnahme vor laufender Kamera zu bewegen. Der Mann, sichtlich verängstigt und verstört, sprach vom Ende der Traumpfade. Wörtlich sagte er: „Wir können die Traumpfade nicht mehr gehen, sie werden immer kürzer und bald sind sie ganz verschwunden.“ Dann erzählte er noch, dass die besten Bumerangwerfer seines Clans ihr Ziel nicht mehr trafen. Sie warfen ständig zu weit.

Schließlich überschlugen sich die Ereignisse. Im Radio überboten sich die Sensationsmeldungen. Die Fernsehstationen reihten eine Sondersendung an die nächste. Die Sozialen Netzwerke kochten über. Das Internet explodierte. Inzwischen hatte man erkannt: Die Kontinente verloren an Fläche. So als hätte jemand auf einem Kopierer die Verkleinerungsfunktion eingestellt. Die Seen, Meere und Ozeane nahmen proportional dazu ab, so dass es weder zu Überschwemmungen noch zu Flutwellen kam. Es gab auch keine Verwerfungen der Erdoberfläche, wie bei einem Erdbeben oder einer normalen Verschiebung von Kontinentalplatten.
  
Alles, was sich auf der Erdoberfläche befand, also zum Beispiel Straßen und Eisenbahngleise, verkürzte bzw. verkleinerte sich einfach entsprechend. Sogar Brücken und Tunnel verkürzten sich, ohne dass es zu Statikproblemen kam. Es wurde nicht einfach alles zusammengeschoben, sondern es fand eine gigantische, planetarische Reduzierung von Ausmaßen und Distanzen statt. Nur Lebewesen und Pflanzen waren von der Schrumpfung nicht betroffen. Auch nicht Häuser und sonstige Gebäude. Die Städte und Dörfer schrumpften in der Oberfläche. Die Straßen wurden kürzer und schmaler, die Gebäude aber behielten ihre Außen- und Innenmaße. Außerdem schrumpfte es innerhalb der Städte und Dörfer wesentlich langsamer als außerhalb. Noch relativ intakte Städte und Dörfer bewegten sich so allmählich aufeinander zu.

Die Menschen in Deutschland reagierten erst einmal erstaunt. Dann ratlos. Dann bekamen sie es langsam aber sicher mit der Angst zu tun. Köln rückte Leverkusen, Frankfurt rückte Offenbach, Berlin rückte Potsdam, Nürnberg rückte Fürth, Düsseldorf rückte Neuss ganz allmählich bedrohlich nahe. Heikel war es im Ruhrgebiet. Hier gab es ja kaum freies Land zwischen den einzelnen Städten. Also kam man sich zwischen Duisburg und Dortmund immer näher. Erste Gebäude, die man rechtzeitig hatte evakuieren können, waren schon auf Kollisionskurs. Für Mannheim und Ludwigshafen war es bereits zu spät: Sie hatten schon begonnen zu verschmelzen, unter dem ohrenbetäubenden Lärm miteinander kollidierender und kollabierender Industrieanlagen und Wohngebiete, umspült von den schaumigen Fluten des Rheins.

Woanders war es nicht besser.
  
In den großen städtischen Ballungszentren des Planeten herrschte das Chaos. Die Menschen wurden zu Millionen aus den immer enger werdenden Straßenschluchten zwischen den aufeinander zu rückenden Gebäuden evakuiert. Weltweit krachten Städte ineinander, Stadtteile verschmolzen, Slums lagen plötzlich in Villenvierteln, Industriegebiete in Parks.

Die führenden Köpfe der Menschheit – allen voran Politiker und Wissenschaftler – suchten fieberhaft nach einer Erklärung. Das Phänomen war weder greifbar noch begreifbar, widersprach es doch allen Naturgesetzen. Wieso verkürzten sich nur die natürlichen Distanzen horizontal und vertikal? Warum schrumpften Brücken, aber keine Häuser? Warum wurden die Berge kleiner, die Flüsse kürzer, aber kein einziges Lebewesen? Und auch keine Pflanze? Wohin floss das ganze Wasser der sich verkleinernden Ozeane? Und was war eigentlich mit der Erdatmosphäre?

Die Wissenschaftler taten, was sie konnten. Sie untersuchten und stellten alle möglichen Vermessungen und Berechnungen an. Das Ergebnis gab keinen Anlass zur Hoffnung: Der Planet Erde wurde zusehends kleiner, und somit auch seine Oberfläche. Und weil jede natürliche Erhebung zur Oberfläche gehört, schrumpften auch die Hügel, Berge und Gebirgsketten. Straßen, Schienen, Brücken und Tunnel verkleinerten sich anscheinend deshalb mit, weil sie auf Grund ihrer Funktion irgendwie ebenfalls zur Oberfläche des Planeten gehörten. Meinten die ganz Schlauen. Häuser gehörten anscheinend nicht mehr dazu, sie ragten einfach zu sehr heraus. Das galt für die kleinste Hütte genauso wie für den höchsten Turm oder Wolkenkratzer. Das Wasser der Ozeane verschwand, niemand wusste, wohin. Die Atmosphäre passte sich der abnehmenden Fläche an. Viel war das nicht an Erkenntnis, eine richtig wissenschaftliche Erklärung war es schon gar nicht, aber mehr war anscheinend nicht drin.
  
„Wir befinden uns,“ berichtete eine Gruppe von Wissenschaftlern vor der UNO, „auf einer Kugel, deren Oberfläche sich stetig verringert. Eine Kugel, deren Oberfläche sich gegen Null entwickelt, ist eine Kugel, die immer kleiner wird. Würde sich jetzt alles in, um und auf dieser Kugel entsprechend verändern, also verkleinern, wäre eben alles kleiner, unter Beibehaltung der bestehenden Größen- und anderen Verhältnisse. Das wäre dann wie die Verkleinerungsfunktion beim Kopieren. Damit könnten alle Betroffenen erst mal leben bzw. überleben. Nur, leider,“ an dieser Stelle machten die Wissenschaftler ein besonders ratloses Gesicht, „leider funktioniert die Verkleinerungsfunktion nicht so wie bei einem normalen Kopierer. Alles Lebende, und somit auch wir Menschen, ist von dem Verkleinerungsprozess ausgeschlossen. Das heißt: Es wird langsam eng.“

Kurz nach der weltweiten, zeitgleichen Ausstrahlung dieses Berichtes über alle Fernseh- und Radiostationen sowie im Internet kam es in verschiedenen urbanen Ballungsräumen – so z.B. in Mexiko-City, in Mumbay, in Manila, aber auch in New York, Los Angeles, London, Paris und Moskau – zu Aufständen, verbunden mit Plünderungen und entsetzlichen Ausschreitungen, bei denen sich Aufständische und Ordnungskräfte   gegenseitig an Grausamkeit überboten, Der schrumpfende Planet enthemmte seine Bewohner, die Menschheit geriet außer Kontrolle.

Als schon halbe Metropolen in rauchenden Trümmern lagen, als die ersten Staatspräsidenten sich in der Öffentlichkeit verleugnen ließen, als sich unbeschreibliche Szenen vor den Weltraumbahnhöfen von Baikonur bis Cape Canaveral, von Französisch-Guayana bis Jiuquan und Tanegashima abspielten, als Millionen nur noch auf den Knien lagen und beteten, während andere Millionen in einen apokalyptischen Taumel aus Lebensgier und Wahnsinn verfielen, geschah etwas Neues:

Irgendwo im amerikanischen Mittelwesten stellte eines Mittags einer der letzten Briefträger, die noch ihre Runde machten, fest, dass er für diese Runde länger gebraucht hatte als für dieselbe Runde am Tag zuvor. Nach einer unruhigen Nacht stellte er am nächsten Mittag fest, dass die Runde wieder ein paar Minuten länger gedauert hatte. Er nahm sein Smartphone und schickte eine E-Mail an seinen direkten Vorgesetzten – und setzte ein paar Fernsehstationen auf CC.

Wenige Tage später war aus dem Trend Gewissheit geworden. Die Distanzen wurden wieder größer. Tag für Tag, Woche für Woche. Irgendjemand hatte auf dem „Kopierer“ auf „Vergrößern“ gedrückt. Als schließlich die ersten Züge wieder mit Verspätung in die Bahnhöfe rollten, atmete die Welt definitiv auf. Man war noch einmal davongekommen. Natürlich warfen sich sofort alle Wissenschaftler auf das neue Phänomen, ohne auch nur den Hauch einer Erklärung zu finden. Internationale Konferenzen wurden einberufen, Spenden flossen, Aufräumarbeiten starteten. Millionen Tote galt es zu beerdigen, noch mehr Millionen Verletzte und Obdachlose mussten versorgt werden. Vergessen schien der Wahn der letzten Wochen, die Massaker, die Exzesse. Die Menschheit hatte eine Aufgabe, und fand sich zusammen, sie zu lösen. Zum ersten Mal hatte man nicht nur eine Vision von einer besseren Welt. Man hatte auch den Willen zu deren Verwirklichung..

Dann klingelte eines Tages im Büro einer Hilfsorganisation irgendwo im Innern Brasiliens das Telefon. Es war der Chef eines Hilfskonvois, dessen Wagen wegen Benzinmangels unterwegs stehen geblieben waren. Man hatte sich irgendwie verschätzt: Die Strecke war allem Anschein nach länger, als man gedacht hatte.

 

> Zu den Kapiteln 9 + 10 bitte scrollen.
– sowas wie ein Märchen –

ERSTER TEIL

Kapitel 1: Wie alles begann

Eigentlich hätte Papa das hier aufschreiben sollen. Alles. Aber er meinte, wenn ich schon das Bild gemalt habe, das mit den kleinen Mönchen, das ihr auf dem Titel dieses Buches seht, dann, meinte Papa, könnte ich auch die ganze Geschichte erzählen.

Da sitz ich also jetzt bei uns zu Hause, oben unterm Dach im Atelier, das sich Mama, Papa und ich teilen. Wobei Mama am wenigsten teilt. Sie braucht nämlich den meisten Platz. Für ihre Bilder, Basteleien, Installationen, Illustrationen und ihren Grafikcomputer. Für ihre Bücher, Materialien und jede Menge anderen schrecklich wichtigen Kram.

Im Atelier ist es also fast so gemütlich wie in meinem Zimmer. Bis auf die Ecke von Papa. Die ist immer schrecklich aufgeräumt. Die ist aber auch ziemlich klein. Und sehr wichtig, denn da steht sein Computer. Und an dem schreib ich gerade. Wenn ich nicht an ihm schreibe oder surfe oder spiele, dann streite ich mich mit Papa um ihn. Denn Papa meint, sein Computer sei zuerst mal für ihn da. Weil Mama ja ihren eigenen Computer hat. Aber Papa hat ja schon einen Computer im Büro, da kann er den bei uns ruhig mir überlassen.

Ich sitze jetzt also bei uns zu Hause, in unserem kleinen Reihenendhaus. Da wohnen wir jetzt schon seit vier Jahren. Aber hier hat das gar nicht angefangen, das mit den kleinen Mönchen. Das liegt viel weiter zurück. In der Zeit, als wir noch in der großen Stadt wohnten. In einer schönen Altbauwohnung, nach hinten raus mit Blick auf ein Straßenbahndepot. Ein Straßenbahndepot ist ein Ort, an dem die Straßenbahnen schlafen, wenn sie abends müde sind vom vielen Herumfahren. Busse dürfen da auch schlafen, haben aber sonst nix zu melden.

Als wir die schöne, große Altbauwohnung auf der ersten Etage bezogen, war ich fünf. In den ersten Wochen nach dem Einzug kam es mir vor, als würde ich die Wohnung jeden Tag zum ersten Mal betreten. Immer gab es etwas Neues zu entdecken – es wurde ja auch noch rumgeräumt, und die Möbel wurden mal hier-, mal dorthin gestellt. An einem dieser Entdeckungstage – es war ein Sonntag, kurz nach dem Frühstück – sah ich zum ersten Mal in Ruhe aus dem Küchenfenster:
– Mama, was sind das da für Dinger auf dem Haus?
Ich sagte „Haus“, weil ich Straßenbahndepot noch nicht richtig sagen konnte. Hinten raus, aus unserem Küchenfenster, blickten wir genau drauf. Die drei „Dinger“ waren auf dem Dach von dem Straßenbahndepot und sahen komisch aus. Vor allem passten sie überhaupt nicht auf das Dach von so einem Straßenbahndepot.

Wie so oft, wenn ich Mama etwas frage, meinte Papa auch dieses Mal, er müsse mir die Welt erklären. Wichtig trat er ans Fenster und schaute kurz hinaus, um dann zu verkünden:
– Das sind Tempel. Da wohnen die kleinen Mönche!
Ich war begeistert. Das roch nach einer der Geschichten von Papa, bei denen Mama am Ende immer sagt, sie werde sich scheiden lassen, wenn er das nicht aufschreibt. Bis jetzt ist sie aber immer noch da, und Papa hat vorsichtshalber auch schon mal mit dem Aufschreiben der einen oder anderen Geschichte angefangen. Nur nicht bei dieser Geschichte. Die bleibt an mir hängen.

Jetzt sah auch Mama aus dem Küchenfenster.
– Stimmt, sagte sie, sieht ein bisschen so aus wie Pagoden.
– Was sind Padogen?, fragte ich.
– Pagode ist die europäische Bezeichnung für die turmartigen Gebäude der buddhistischen Baukunst in China, Korea, Japan und Hinterindien. Die Pagode ist ein buddhistisches Reliquiar wie der indische Stupa, jedoch in ihrer architektonischen Gestalt nur begrenzt von indischen Vorbildern abzuleiten. Die chinesische Pagode ist ein auf quadratischem, polygonalem, auch rundem Grundriss aus Stein, Backstein, Holz, auch Eisen oder Bronze errichteter Turm von 7 bis 13 Stockwerken, alle mit eigenem Vordach.
Ich sah meinen Vater fassungslos an. Er hielt mir ein dickes Buch unter die Nase und zeigte auf ein Foto:
– Siehst du, so sehen die in Groß aus.
– Das da auf dem Dach sind trotzdem keine Tempel, beruhigte mich Mama, die sehen nur so aus. Und drinnen wohnen auch keine kleinen Mönche, das hat dein Vater mal wieder nur erfunden.

Ich sah hinaus. Diese Dachdinger sollten also Tempel sein. Oder auch nicht. Sie hatten eine ganz andere Farbe als der Tempel auf dem Foto in Papas dickem Buch. Der war so rotbraun. Die da auf dem Dach waren hellblau. Sonst sahen sie schon so aus wie der Tempel in dem dicken Buch. Nur viel kleiner. Ich überlegte: Kleine hellblaue Tempel auf dem Dach vom Straßenbahndepot mitten in der großen Stadt, in denen kleine Mönche wohnen. Über den schlafenden Straßenbahnen. Mama machte ihr Soeinquatschgesicht. Papa räumte das dicke Buch wieder weg. Dann tat ich etwas für die Zukunft sehr Entscheidendes: Ich beschloss, die Geschichte zu glauben. Und genau in diesem Augenblick huschten die kleinen Mönche in unser Leben.

 

Kapitel 2: Begegnung in der Nacht

Aber erst musste noch ein ganzer Tag vergehen und eine halbe Nacht. Dann wachte ich plötzlich auf. Ich hatte irgendwas gehört. Wie ein ganz leises Zwitschern von superkleinen Vögeln. Ich riss die Augen auf, so weit ich konnte. Es war nicht ganz dunkel in meinem Zimmer, denn der Schein der Straßenlaterne warf ein wackeliges Licht durchs Fenster. Vom Bettrand aus durchforschte ich mit Adlerblick das Zimmer. Und da sah ich sie: Drei winzige, dunkle Gestalten standen auf dem schwarzen Teppichboden vor meinem Bett. (Wir hatten in der ganzen Wohnung, bis auf Küche und Bad, schwarzen Teppichboden und viele Leute wunderten sich, dass wir immer so fröhlich dabei waren.) Also: Da standen drei Männlein vor meinem Bett. Jedes etwa so groß wie ein Menschärgeredichnicht-nüppi. Und als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass sie mir zuwinkten. Verflixt, wo hatte ich bloß Mamas alte Lupe hingelegt? Die hatte ich ihr gemopst, um mir die Ameisen auf dem Balkon genauer anzuschauen. Richtig, ich hatte sie unter dem Kopfkissen versteckt. Vorsichtig beugte ich mich über die Winzlinge und sah durch das dicke, runde Glas. Oups! Die sahen aber komisch aus. Wie kleine Japaner mit Glatze. Und alle waren in so dunkelrote, dunkelbraune oder schwarze Tücher gewickelt. Die hatte ich doch schon mal irgendwo gesehen. Richtig: In Papas dickem Buch mit den Pagoden. Da waren auf den Fotos auch solche komischen Japaner zu sehen. Moment mal! Mama hatte gesagt, dass die hellblauen Tempel auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen aussahen wie Pagoden. Und Papa hatte gesagt, dass in den Tempeln auf dem Dach kleine Mönche wohnten. Wenn diese Winzlinge da also aussahen wie die Japaner vor den Pagoden in Papas dickem Buch, die Pagoden aber als hellblaue Tempel auch auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen standen, dann, ja dann mussten diese freundlich winkenden kleinen, glatzköpfigen Japaner… die kleinen Mönche sein! Wo sollten sie auch sonst herkommen. In der ganzen Wohnung gab es, soweit ich wusste, keine einzige Pagode.

Leises Zwitschern riss mich aus meinen Überlegungen. Ich sah wieder durch die Lupe. Alle drei Mönche lächelten freundlich und verneigten sich tief. Ich hielt den Atem an, aus Angst, sie beim Ausatmen weg zu pusten. Die drei verneigten sich noch einmal, zwitscherten wieder irgendwas, das sehr nett klang und flitzten hastenichgesehen aus meinem Zimmer, durch die angelehnte Tür in den Flur. Lautlos, versteht sich. Ich hinterher. Gerade noch sehe ich sie in die Küche einbiegen. Als ich durch die Küchentür komme, klettern die kleinen Mönche durch das schräg gestellte Fenster nach draußen. Als ich das Fenster erreiche, sind sie weg.

Ich war damals noch zu klein, um unser riesengroßes Küchenfenster allein öffnen zu können. Also drückte ich die Nase an die Scheibe und starrte hinaus in die Nacht, in den Garten und hinüber zum Dach des Straßenbahndepots. Plötzlich sah ich auf dem Dach einen kleinen Lichtschein, der sich auf die Tempel zu bewegte, deren Umrisse so gerade noch zu erkennen waren. Dann löste sich plötzlich ein zweiter, noch kleinerer Lichtschein vom ersten und bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Was war das jetzt? Ich hatte nur noch Augen für dieses kleine, schwache Licht, das sich vom Dach runter bewegte und durch den Garten glitt, immer näher aufs Haus zu. Da kam was zu mir zurück. Plötzlich war es verschwunden. Ich sah wieder zu den Tempeln hinüber. Da war jetzt alles dunkel. Enttäuscht wollte ich gerade zurück ins Bett, da tauchte der kleine Lichtschein draußen auf dem Fensterbrett vor mir wieder auf. Gut, dass ich die Lupe noch in der Hand hatte. Hingehalten, durchgeschaut: ein kleiner Mönch! Er kletterte in die Öffnung des „auf kipp“ gestellten Fensters und setzte sich auf den Fenstergriff wie in einen Sattel. Dann winkte er mir mit der einen Hand zu, während die andere in seinem Gewand verborgen war. Ich ließ die Lupe sinken und ging ganz vorsichtig mit dem Gesicht immer näher ran, bis dass meine Nasenspitze ihn fast berührte. Nase an Mönch, dachte ich, und schielte auf den Winzling. Der kleine Mönch schaute freundlich. Dann lächelte er und zwitscherte irgendwas in seiner Kleinemönchesprache. Lustig hörte sich das an. Schließlich zog er die Hand aus seinem Umhang, hob sie zum Mund, als wollte er mir eine Kusshand zuwerfen und blies mir eine kleine Wolke megafeinen Staubes genau in die Nase. Es kribbelte ein bisschen, der kleine Mönch verschwand und ich stand in unserer dunklen Küche am Fenster und fragte mich, was ich da mitten in der Nacht wollte.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und hatte alles vergessen. Wieso ich mich heute trotzdem erinnere, erfahrt ihr im nächsten Kapitel.

 

Kapitel 3: Hallo auf dem Klo

Vier Jahre später, es war Sommer, zogen wir weg aus der großen Stadt in eine kleinere, die direkt nebenan liegt. Da hatten Mama und Papa ein Einfamilienreihenendhaus gekauft. Aber Papa sagt immer, dass das Haus der Bank gehört, und dass die uns nur drin wohnen lässt. Egal: Als der Umzugslaster weg war, standen wir alle drei vor dem Haus und waren glücklich. Endlich ein eigener Garten, sagte Mama. Endlich Platz zum Rennradfahren, sagte Papa. Ich hab schon drei neue Freundinnen, jubelte ich.

In der ersten Nacht musste ich Pipi machen. Das hat aber nichts mit der ersten Nacht zu tun: ich muss öfter nachts Pipi machen. Neues Haus, neues Zimmer, neuer Weg zum Klo. Davon hatten wir plötzlich zwei! Ich nahm das auf der ersten Etage, wo auch mein Zimmer ist. Dieses Klo ist im Bad. Als ich da so saß auf meinem Thron im stillen Haus, hörte ich neben dem vertrauten Plitschern plötzlich noch ein zweites Geräusch. Ein leises Zwitschern, links unten hinter mir. Ich schaute nach hinten. Da war eine kleine Metalltür in der Wand, und die stand auf. Inzwischen war ich neun und wusste, das hinter der Tür irgendwelche Rohre und Schraubschalter oder so waren. Eigentlich. Ich hüpfte runter vom Klo, vergaß das Abziehen und auch sonst alles, kniete mich vor die Metalltür und sah eine winzige Gestalt, nicht größer als ein Menschärgeredichnichtnüppi. Die Gestalt winkte. Ich beugte mich zu ihr hinab, bis dass ich sie fast mit der Nasenspitze berührte. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Also, ich brauchte noch ein paar Sekunden. Bis, ja, bis die Gestalt mir eine Art Kusshand zuwarf und dabei einen glitzernden, megafeinen Staub in meine Nase blies. Da war plötzlich alles wieder da: ein kleiner Mönch! Aber wie kam der hierher? Warum war er hier bei uns im neuen Haus und nicht in den hellblauen Tempeln auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen? Während ich noch grübelte, kamen vier weitere Mönche aus der Tür geklettert und verneigten sich tief vor mir. Dann glitten alle fünf aus dem Bad durch den Flur in mein Zimmer. Ich hinterher. In meinem Zimmer herrschte noch das totale Umzugschaos. (Mama meint, das habe sich bis heute nicht geändert, aber Mütter verstehen eben nicht alles.)

Die fünf kleinen Mönche kletterten auf einen der herumstehenden Umzugskartons und ließen sich an dessen Rand nieder. Ihre Beinchen baumelten nach unten. Ich sah, dass sie an ihren nackten Füßen Sandalen trugen. Jetzt die Lupe zu finden, die ich Mama immer noch nicht zurückgegeben hatte, war völlig unmöglich. Also setzte ich mich direkt vor den Karton auf den Boden, um wieder nach der Naseanmönchmethode vorzugehen. Aber die kleinen Mönche hatten sich da anscheinend schon was überlegt. Alle fünf formten nämlich jetzt eine Kusshand und bliesen Glitzerstaub – nicht in meine Nase, sondern in die Luft, genau zwischen sich und mich. Dort formte er sich zu einem großen Ring, und als ich durch den Ring hindurch sah, waren aus den kleinen Mönchen zwar keine normal großen, aber ziemlich gut vergrößerte Mönche geworden. Funktionierte wie eine Lupe, dieser Ring. Echt praktisch, so ein Glitzerstaub. Wozu der wohl noch alles gut war?

– Guten. Abend. Karoline, sagten fünf Stimmen im Chor.
– Äh, ja, hallo, stammelte ich und kam mir ein bisschen bescheuert vor.
– Wir. Freuen. Uns. Dass. Es. Dir. Gut. Geht., wieder alle fünf im Chor.
– Ja, schön, danke, ich mich auch, ich meine, euch. Stotter, stotter, stotter. Wieso konnten wir uns überhaupt auf einmal so einfach unterhalten? Gute Frage:
– Wieso versteh‘ ich euch und ihr mich?
Zack, da war sie raus, die gute Frage. Ich war ein bisschen stolz auf mich.
– Das. Macht. Der. Kreis. Er. Dient. Der. Kommunikation.
Aha.
– Durch. Den. Kreis. Können. Wir. Mit. Den. Menschen. Sprechen.
Alles klar. Jetzt war es langsam Zeit für die alles entscheidende Frage:
– Und was macht ihr hier? Ihr gehört doch aufs Dach vom Straßenbahndepot, in eure kleinen Tempel.
Riesenseufzer. Ich hätte nie gedacht, dass, wenn fünf kleine Mönche seufzen, es so furchtbar traurig klingen würde. Aber es war so. Furchtbar traurig. Und es hörte überhaupt nicht mehr auf.
– Halt, stopp, flüsterte ich so streng ich konnte (Schließlich war es mitten in der Nacht und ich hatte überhaupt keine Lust auf meine Eltern in der Tür und…, nee, ich mochte gar nicht dran denken.). Also sagte ich noch mal Richtung Mönche:
– Wir müssen leise sein. Lei-se. Sonst wachen meine Eltern auf.
Einer der kleinen Mönche, anscheinend der Chef, sagte etwas zu den anderen, dass ich nicht verstand. Dann stellten sich alle fünf in einer Reihe auf und, oh, nein, bitte nicht schon wieder die Kusshandnummer, aber doch: Alle fünf formten eine Kusshand, bliesen hinein und, ja was war das denn jetzt?, bliesen den Glitzerring, durch den hindurch wir miteinander gesprochen hat, weiter auf, größer und größer, und dann wölbte sich plötzlich ein glitzerndes Dach über uns, eine Glitzerwand, nein, eine richtige Glitzerglocke umgab uns und trennte uns vom Rest meines Zimmers, das ich nur noch verschwommen erkennen konnte.
– So. Karoline., sagte der wichtige kleine Mönch, Jetzt. Können. Wir. In. Ruhe. Über. Alles. Sprechen. Niemand. Hört. Uns. Niemand. Stört. Uns. Nicht. Einmal. Dein. Vater.
Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, was Papa darum gäbe, das hier mitzuerleben.
– Wir. Werden., fuhr der Wichtigwinzling fort, Dir. Alles. Erzählen. Warum. Wir. Hier. Sind. Woher. Wir. Kommen. Und. Wozu. Wir. Deine. Hilfe. Brauchen.
Und dann erzählten die kleinen Mönche. Witzigerweise sprachen sie alle gleichzeitig, wie im Chor, aber es klang wie eine einzige, wunderbare, vertraute, ein wenig traurige, ein wenig tiefe Stimme. Dennoch dauerte es ziemlich lange, bis sie ihre Geschichte fertig erzählt hatten, weil sie ja immer nach jedem Wort diese kleine Pause machten. Damit ihr jetzt beim Lesen nicht wahnsinnig werdet, erzähle ich das Ganze einfach mit meinen eigenen Worten. Aber ich schwöre, dass ich nichts weg lasse oder hinzu erfinde.

 

Kapitel 4: Feuer auf dem Dach der Welt

Tief im Herzen Asiens, am nördlichen Rand des mächtigsten, höchsten Gebirges der Erde, liegt Tibet. Das mächtige Gebirge heißt Himalaja, und sein höchster Berg, der Mount Everest, ist auch der höchste Berg der Welt. 8.848 Meter ist der hoch, also fast neun Kilometer. Tibet liegt fast halb so hoch, so zwischen 4.000 und 5.000 Meter. Es ist das größte Hochland der Erde, und man nennt es auch das „Dach der Welt“. Mal zum Vergleich: Der höchste Berg Europas, der Mont Blanc in den Alpen, ist mal gerade knapp 5.000 Meter hoch. Leben kann da oben kein Mensch. Ist ja auch kein Hochland, der Mont Blanc, sondern ein spitzer Berg mit oben Schnee und Eis und dünner Luft. Aber in Tibet, da leben Menschen. Die Tibeter. Die sind an die dünne Luft, an die große Hitze im Sommer und die Affenkälte im Winter gewöhnt. Und früher waren viele von denen Mönche, die in vielen Klöstern lebten. Machte aber nichts, denn die Mönche und die anderen Tibeter kamen prima miteinander aus. Selten nur kam jemand Fremdes rauf in ihr Land. Den meisten war der Weg zu steil, die Luft zu dünn und das Klima zu rau. So hatten die Tibeter lange ihre Ruhe. Die Berge hinunter zu steigen und zu schaun, was da unten so läuft, kam ihnen nicht in den Sinn. Jedem das Seine, dachten sie. Uns das hier oben, den andern das da unten. Und da es viel mehr unten als oben gab, ging das auch viele, viele Jahre gut. Bis eines Tages aus China, einem ziemlich großen östlichen Nachbarland, die Kommunisten kamen.

Erste Zwischenfrage Karoline an die kleinen Mönche:
– Was sind Kommunisten?
Antwort der kleinen Mönche:
– Die Kommunisten waren Leute, die hatten zuerst etwas Gutes gewollt, nämlich dass alle Menschen in China die gleichen Rechte und Pflichten und Möglichkeiten haben. Sie wollten, dass nicht nur die Reichen und Mächtigen alles bestimmen, sondern das ganze Volk. Dafür hatten sie sehr lange kämpfen müssen gegen die, die das nicht wollten. Als sie schließlich gewonnen hatten, hatten sie vergessen, was sie am Anfang eigentlich wollten. Oder sie wollten es nicht mehr wissen, weil sie irgendwann selbst Lust am Bestimmen bekommen hatten. Jedenfalls war nur noch der Gedanke übrig geblieben, dass alle gleich sein sollten. Und was „gleich“ war, das bestimmten von da an nur noch die Kommunisten.
– Hm, meinte ich, klingt nach dumm gelaufen.
Die kleinen Mönche lächelten traurig und erzählten weiter:

Die Kommunisten, die aus China kamen, waren keine guten Menschen. Sie erzählten dem tibetischen Volk, dass es ab jetzt ganz anders leben müsse. Dass alles, was sie bis dahin gemacht hatten, schlecht sei. Dass ihre Art zu leben schlecht sei. Dass die Mönche und die Klöster schlecht seien. Und dass überhaupt ganz Tibet ab jetzt zu China gehöre und die Kommunisten jetzt zu bestimmen hätten. Und das taten sie dann auch: bestimmen. Vor allem bestimmen. Und wer nicht bestimmt werden wollte, dem taten sie bestimmt nichts Gutes an. Jedenfalls verschwanden oft Menschen, die sich gegen die Kommunistenbestimmer gewehrt hatten. Auch viele Mönche.

Die kleinen Mönche bekamen von all dem zu Anfang gar nichts mit. Sie lebten in einem sehr unbedeutenden, sehr kleinen Kloster in einer sehr unbedeutenden Gegend mitten in Tibet, irgendwo im Gebirge, am Ende eines langen, schmalen Tales, das sich in die Berge hinein schlängelte, höher und immer höher. Ganz am Ende, an die Felsen geklebt, das Kloster.

Und damals, als sie noch in ihrem kleinen Felsenkloster lebten, ja, da waren die kleinen Mönche gar keine kleinen Mönche. Sondern ganz normale Menschen. Also, Mönche waren sie schon, aber eben normal groß, so wie alle anderen Menschen auch. Nicht ganz so normal waren allerdings ihre Namen: Alle fünf hießen Lhasa. Wie die Hauptstadt von Tibet. Das war so Sitte im kleinen Kloster da hoch oben, dass alle Mönche Lhasa hießen, zu Ehren der Hauptstadt. Auch der Meister, also der Abt, würden wir bei uns sagen, hieß Lhasa.

Damit sie sich dennoch auseinanderhalten konnten, und auch, damit andere Leute das konnten, hatte jeder Mönch vor seinem Namen einen Buchstaben. Da es in dem Kloster nur fünf Mönche gab, hatte jeder Mönche einen Vokal vor seinem Lhasa-Namen. Bekanntlich gibt es fünf Vokale: a, u, i, o, e. Und genau die kamen bei den Mönchsnamen zum Einsatz.

Der Abt hieß Alhasa. Er ist ja schließlich der wichtigste. Und die anderen hießen Ulhasa, Ilhasa, Olhasa und Elhasa. Doch der Reihe nach! Ich stelle sie euch jetzt erst einmal vor:

Alhasa ist der Vorstand des Klosters, ein uralter, weiser Mönch, der schon viel erlebt und gesehen hat und so manches Geheimnis kennt und es meist auch für sich behielt. Er ist das Herz, die Seele und der alle anderen überragende Verstand des Klosters.

Ulhasa ist ein recht junger Mönch, der zudem ziemlich gut aussieht und sich eine Menge traut und zutraut. Im Kloster ist er vor allem für die Tiere, essbare und nicht essbare, zuständig. Ich denke, er heißt Ulhasa, weil er so besonders unternehmungslustig ist.

Der lange, hagere Ilhasa ist der Gebildetste der fünf Mönche (i für intelligent, ist doch klar), was vor allem daran liegt, dass er die Klosterbibliothek verwaltet und eine richtige Leseratte ist. Passend dazu trägt er eine kleine, runde Brille, was ihm etwas Professorhaftes verleiht. Neben der Bibliothek kümmert sich Ilhasa auch um die kleinen Felder und den Obst- und Gemüsegarten des Klosters.

Olhasa wiederum ist das komplette Gegenteil von Ilhasa: Er ist der Kleinste und Dickste. Und der Langsamste, was das Begreifen angeht. Wenn er dann endlich mal was kapiert hat, begleitet er seine Erkenntnis oft mit einem langen, staunenden „Ooooh“. Seine Mitbrüder haben ihm deshalb den Beinamen „Licht der geistigen Bescheidenheit“ verliehen, was Olhasa tatsächlich als Kompliment versteht, gilt doch im Kloster Bescheidenheit als Tugend. Wie man bei seiner Leibesfülle schon annehmen kann, ist Olhasa in der Küche tätig. Er ist aber nicht nur ein exzellenter Koch, sondern auch ein perfekter Hausmönch: putzen, waschen, spülen, aufräumen, nähen, flicken – für Olhasa das reinste Vergnügen.

Elhasa ist ein stiller, etwas verschlossener Mönch. Deshalb passt auch das e für ernst so gut zu ihm. Dabei ist er hilfsbereit und pragmatisch, auch wenn er dabei nicht viele Worte macht. Er kann gut zuhören, und wenn er mal selbst den Mund aufmacht, hat das, was raus kommt, Hand und Fuß. Aus für die anderen unerklärlichen Gründen hat der Abt gerade ihn mit den sogenannten Außenkontakten betraut: Ab und zu schickt er ihn runter ins Dorf – einkaufen, tauschen und vor allem hören, was so läuft in der Welt. Das muss er dann jedes Mal bei seiner Rückkehr sofort dem Abt berichten, und nur dem. Meister Alhasa erzählt es dann den anderen Mönchen. Oder auch nicht. Merkwürdig ist, dass sich Elhasa noch nie, nachdem er dem Abt berichtet hatte, daran erinnern konnte, was für Neuigkeiten das gewesen waren.

So lebten die fünf Mönche still und glücklich da oben in ihrem Kloster, bearbeiteten ihre winzigen Terrassenfelder und -gärten, hüteten ihre kleinen Viehherden, beteten und meditierten. Dann, eines Tages, brachte Elhasa von einem seiner Dorfgänge sehr unfreiwillig sehr ungebetenen Besuch mit: chinesische Soldaten.

Die marschierten in das Kloster ein, machten erst einmal eine Menge kaputt und ließen schließlich alle fünf Mönche im Klosterhof antreten. Ein Soldat las dann aus einem Erlass vor, viel kompliziertes Zeugs mit dazwischen gestreuten Beschimpfungen. Zum Schluss ein klarer Befehl: Am nächsten Morgen hatten sich alle Mönche mit dem Nötigsten im Gepäck vor dem Kloster einzufinden, und dann sollte es Gott weiß wohin gehen. Ulhasa – jung, gut aussehend, mutig – trat vor und fragte:
– Und wenn wir nicht wollen? Das ist schließlich unser Kloster, wir haben niemandem etwas Böses getan, aber ihr, ihr kommt einfach hierher mit eurem schlechten Karma und eurer Ungerechtigkeit!
Klasse gemacht, Ulhasa! Nutzte aber nichts, denn: Als Antwort luden die Soldaten ihre Gewehre durch und richteten die Mündungen auf die Mönche.
– Habt ihr jetzt verstanden? fragte der Anführer grimmig, morgen früh, eine Stunde nach Sonnenaufgang, und wehe, einer fehlt.
Dann bellte er ein paar kurze Befehle, die Soldaten machten kehrt und marschierten aus dem Kloster. Als der letzte durchs Tor war, wurde dieses von außen geschlossen und verriegelt. Die Mönche waren Gefangene in ihrem eigenen Kloster.

Als die Schritte der Soldaten verhallt waren, herrschte im Kloster unheimliche Stille. Keiner der Mönche wagte, etwas zu sagen. Auch nicht der junge, mutige Ulhasa. Schließlich brach der alte weise Meister das Schweigen:
– Lasst uns in den großen Saal gehen und meditieren, meine Brüder.
Da fand Ulhasa seine Stimme wieder:
– Meditieren? Die wollen uns vertreiben, verschleppen, und wir sollen meditieren? Ehrwürdiger Meister, das kann doch nicht euer Ernst sein!
Der alte weise Alhasa sah in die Augen des jungen Mönches, dann in die Runde. Er sah vier Augenpaare, die ihn alle ängstlich und fragend ansahen.
– Wir werden jetzt meditieren, sagte Alhasa nachdrücklich, damit wir die Ruhe finden. Und wenn wir die Ruhe gefunden haben, finden wir die Lösung.

Niemand widersprach. Die fünf Mönche, der Abt voran, begaben sich in den großen Saal und ließen sich im Kreis auf dem Boden nieder. Sie kreuzten die Beine zum Lotussitz und die Arme vor der Brust, schlossen die Augen und begannen zu meditieren. Kein Laut war mehr zu hören. Zeit verging. Es wurde Abend. Als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen durch die Fenster schickte, öffnete der alte Alhasa die Augen. Langsam, leise erhob er sich. Die anderen vier Mönche saßen da, meditierend, mit geschlossenen Augen, als würden sie schlafen. Der Abt ging zu einem riesigen Schrank, dessen dunkles Holz über und über mit Ornamenten verziert war. Er drückte kurz und fest auf eines der Ornamente in der Tür, und es öffnete sich eine kleine Klappe. Dahinter lag eine kleine Nische, so tief wie die Tür dick war. An der Rückwand der Nische hingen fünf winzig kleine, golden glänzende Medaillons, jedes an einer feinen goldenen Kette. Auf dem Boden der Nische lag ein kleines Holzkistchen. Vorsichtig nahm der Abt die Medaillons heraus, dann das Holzkistchen. Dann schloss er die Nische wieder. Er ging zurück zu den vier Mönchen, die immer noch da saßen und meditierten. Meister Alhasa legte vor jeden eines der kleinen Medaillons auf den Boden. Dann ging er in die Klosterküche. Dort füllte er fünf Becher mit Wasser und brachte sie in den Saal. Neben jedes Medaillon stellte er einen Becher. Nun öffnete er vorsichtig das Holzkistchen. Es enthielt einen silbrig glitzernden Staub und einen winzigen Löffel. Vorsichtig gab der Abt in jeden Becher ein Löffelchen voll Staub und rührte einmal um. Schließlich legte er den Löffel zurück ins Holzkistchen, verschloss es sorgfältig und verbarg es in einem Brustbeutel unter seinem Gewand. Dann setzte er sich wieder in den Kreis der Mönche auf den Boden.
– Es ist Zeit, sagte er laut.
Schlagartig öffneten sich vier Augenpaare und schauten fragend – erst auf den Abt, dann auf die Becher und die kleinen Amulette, dann wieder auf den Abt.
– Trinkt das jetzt in einem Zug, sagte der Abt, stellt dann die Becher hinter euch und legt die Amulette um.
Die Mönche schauten zweifelnd auf die Amulette. Wie sollten sie so etwas Winziges um den Hals tragen können? Aber sagen mochte niemand etwas. Also tranken sie. Und der Abt trank. Dann stellten sie die Becher hinter sich.
– So, sagte der Abt, und jetzt die Amulette.
Alle fünf Mönche legten sich die Amulette um den Hals. Sie passten. Verdutzt schauten sich vier Mönche an. Nur Meister Alhasa lächelte mild.
– Meister, fragten die vier wie aus einem Mund, wie habt ihr die Amulette größer gemacht?
– Die Amulette, meine Brüder, sind nicht größer geworden.
– Ja, aber…
– Seht, sagte der Abt und beschrieb mit beiden Händen einen Kreis in der Luft, seht!
Und da sahen es die Mönche. Als erstes sahen sie, dass sie in einem unermesslich großen Raum waren. Dann zuckte jeder zusammen: Sie hatten hinter sich riesige braune Dinger entdeckt, die wie Becher aussahen.
– Oh, sagte der erste der vier Mönche.
– Oh. Oh. Oh., sagten nacheinander die drei anderen. Und Ulhasa fügte hinzu:
– Meister, sind die Dinge jetzt alle so groß, oder sind wir jetzt alle so klein?
– Die Dinge größer zu machen als sie schon sind, antwortete Alhasa, würde keinen Sinn machen. Denn sie sind uns schon so über den Kopf gewachsen.
– Aber, Meister Alhasa, sagte der schlaue Ilhasa, wenn wir jetzt kleiner geworden sind, dann sind die Dinge doch zwangsläufig größer geworden.
– Nur für uns, lieber Bruder, entgegnete Alhasa, nur für uns sind die Dinge größer geworden. Aber als solche, für sich, sind sie gleich geblieben. Und eigentlich ist es auch nicht richtig zu sagen, für uns seien sie größer geworden. Es ist genau umgekehrt: Wir sind für sie kleiner geworden. Und weil wir für alle Dinge und Wesen um uns herum klein geworden sind, verschwindend klein sogar, haben wir große Vorteile gewonnen, nämlich…
– Man sieht uns nicht mehr, platzte es aus Olhasa heraus. Alle schauten ihn erstaunt an. So schnell war er doch sonst nicht.
– Sehr gut erkannt, lobte Meister Alhasa, aber dies ist nicht der einzige Vorteil.
Und dann begann er zu erklären. Dass er schon lange geahnt hatte, dass eines Tages die Soldaten kommen würden. Dass es für diesen schlimmen Tag einen Plan gab: Kleiner werden, verschwinden, eine neue Heimstatt finden und dort so lange bleiben, bis eine Rückkehr möglich werde. Meister Alhasa erzählte den Mönchen, was sie da getrunken hatten. Dass der Glitzerstaub ein Zauberstaub ist, der ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten verleiht. Sie können mit dem Staub Dinge und sogar Lebewesen verkleinern. Für Letzteres braucht man aber sehr viel Glitzerstaub, weshalb solche Sachen nur von mehreren Mönchen gemeinsam gemacht werden können. Dank des Staubes können sie mit Tieren sprechen. Und natürlich auch mit Menschen. Denn normalerweise können Menschen sie jetzt nicht mehr verstehen, weil auch ihre Stimmen klein geworden sind. Dank des Glitzerstaubes können sie aber sogar mit Menschen reden, die eine fremde Sprache sprechen. Und wenn sie etwas von dem Staub in die Nase eines Menschen pusten, dann vergisst der sofort die Begegnung. Wenn er sich wieder daran erinnern soll, bekommt er wieder Glitzerstaub in die Nase.
– Und wo bekommen wir den Glitzerstaub her, den wir dafür brauchen? fragte Ilhasa.
– Wir tragen ihn in uns, antwortete der Abt, wir haben ihn getrunken, daraus.
Der Abt zeigte auf die fünf Riesenbecher.
– Es funktioniert aber nur, wenn ihr gleichzeitig das Amulett tragt. Der Zauber ist die Macht der Kleinheit, und das Amulett ist der Schlüssel dazu. Solange ihr das Amulett tragt, seid ihr mit diesem Ort verbunden. Ganz gleich, wo ihr seid, und in welchem Zustand sich das Kloster befindet.
Der kleine, dicke Olhasa schaute seinen Meister mit großen, runden Augen an:
– Und wie geht das mit dem Zauberstaub, Meister?
– Sehr her! Meister Alhasa hob seine rechte Hand und hielt sie an seinen Mund, als wolle er dem Hausmönch eine Kusshand zuwerfen. Dann blies er leicht in die Hand. Eine kleine Wolke feinen Glitzerstaubs stob, sozusagen aus dem Nichts kommend, von seiner Handfläche und formte einen etwa 50 cm großen Ring.
– Ihr pustet den Zauberstaub aus eurer Hand, erklärte der Abt. Dabei denkt ihr, was der Staub werden oder tun soll. Es gibt vieles, was ihr mit dem Staub machen könnt. Und vieles, was ihr nicht machen dürft. Ihr werdet das alles lernen, mit der Zeit. Seht: Dies zum Beispiel ist ein Sprechring, durch ihn können wir uns mit fremden Menschen unterhalten. Durch ihn können uns die Menschen auch besser erkennen, weil wir ihnen etwas größer erscheinen.
– Und wie mache ich das rückgängig? fragte der pragmatische Elhasa.
– So, sagte der Abt und schnippte einmal kurz mit den Fingern. Weg war der Ring, weg war der Glitzerstaub.
– Ihr seht, fuhr der Meister fort, der Glitzerstaub ist sehr hilfreich. Doch nun wollen wir unsere Sachen packen. Wir haben eine lange Reise vor uns.
– Wo sollen wir denn hin, Meister? Wie kommen wir denn morgen früh an den vielen Soldaten vorbei? Müssen wir den ganzen Weg zu Fuß gehen? Werden wir jemals wiederkommen? Gibt es keine…
Statt einer Antwort blies Meister Alhasa wieder etwas Glitzerstaub in die Luft. Dieses Mal formte sich der Staub zu einer Kugel, und in der Kugel erschien ein Bild: Kleine blaue Dächer, geschwungen wie das Dach ihres Klosters, waren da zu sehen, und sie gehörten tatsächlich zu kleinen hellblauen Tempeln, die wiederum auf etwas standen, das aussah wie ein ziemlich großes Gebäude. Ja, die kleinen blauen Tempel standen auf einem grauen Dach. Aufgeregt umringten die vier Mönche die Kugel.
¬- Sind das Tempel? Wo sind die? Wie kommen wir da hin? Ist das weit?
– Ich hatte eine Vision, sprach der alte, weise Abt, und in dieser Vision sah ich diese blauen Tempel und ich wusste: Da müssen wir hin. Diese Tempel stehen in einem Land, das sehr tief liegt. Es ist weit, weit im Westen, weit, weit weg von hier. Aber ich weiß, dass wir es schaffen werden.
Der Abt schnippte mit den Fingern und die Kugel aus Glitzerstaub verschwand samt blauen Tempeln.
– Geht jetzt, sagte er, und packt eure Sachen. Jeder nur so viel, wie er tragen kann. Esst dann noch einmal gut zu Abend und geht danach schlafen. Mein Essen bringt mir Olhasa bitte in die Zelle. Morgen früh wecke ich euch rechtzeitig. Ach ja, fügte er hinzu, als er sah, wie die Mönche schon wild auseinander liefen, vergesst nicht, die Dinge zu verkleinern. Ihr müsst dazu nur denken „werde so klein wie ich“ und den Glitzerstaub aus der hohlen Hand auf den Gegenstand pusten. Und, Ulhasa, ich möchte, dass du mich morgen bei Sonnenaufgang zu den Ziegen begleitest.

Ulhasa nickte und verließ dann, wie die anderen Mönche, den großen Saal. Als er alleine war, blies der alte Meister Alhasa etwas Glitzerstaub auf die fünf riesigen Becher. Dann steckte er sie ineinander und ließ sie in einer der vielen Taschen seines Gewandes verschwinden.
– Wer weiß, wozu ich euch noch mal werde brauchen können, brummte er.
Dann ging auch er in seine Klosterzelle. Packen. Schlafen.

Am nächsten Morgen erwachten die Mönche pünktlich ein halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Aufstehen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen. Dann ging der Abt mit Ulhasa in den Ziegenstall. Dort suchte Ulhasa die klügste und kräftigste Ziege aus. Der erklärten die beiden dann, was sie vorhatten. Die Ziege war begeistert: Endlich mal ein richtiges Abenteuer!

Sämtliche Gepäckstücke der kleinen Mönche wurden mit Seilen unter dem Bauch der Ziege festgezurrt. Auf gleiche Weise wurden fünf kleine Hängematten befestigt. Dann gingen die Mönche ein letztes Mal, sozusagen zum Abschied, in den großen Saal, um zu beten und zu meditieren. Als sie fertig waren, war die Sonne vor genau einer Stunde aufgegangen. Ilhasa hätte seinem Abt gerne noch gesagt, dass ihm das mit der Ziege irgendwoher bekannt vorkam, aber da drang vom Tor her schon hässlicher Krach durch das stille Kloster.
– Los jetzt, sagte Meister Alhasa, alle in die Hängematten.
Eins, zwei, drei, vier, fünf waren die kleinen Mönche unter dem Bauch der Ziege verschwunden. Nichts war zu sehen, weder von ihnen noch von ihrem Gepäck. Tibetische Ziegen haben sehr lange, sehr dichte Haare.

Als die Soldaten in den großen Saal gestampft kamen, war das einzige lebende Wesen, das sie sahen, eine Ziege, die verängstigt meckerte.
– Schafft das Biest raus, schrie der Anführer, ich kann diese Viecher nicht riechen!
Das ließ sich die Ziege nicht zweimal sagen und trottete geschwind zwischen den Soldaten hindurch hinaus. In den Hof, durchs Tor, an dem eine Gruppe Soldaten verschlafen Wache schob, die staubige Straße hinunter und dann quer ab in die Büsche. Vom Kloster schallte noch wütendes „Wo sind sie, verdammt?!“ hinterher, aber das konnte weder die Ziege noch ihre Passagiere aufhalten. Niemand schaute zurück. Und das war auch gut so. Denn so sahen sie weder die riesige Stichflamme noch den schwarzen Rauch, der anschließend aus dem Kloster in den klaren, blauen Himmel stieg. Wie hatte noch der weise Meister gesagt: „Ihr bleibt mit diesem Ort verbunden. Ganz gleich, wo ihr seid, und in welchem Zustand sich das Kloster befindet.“

An dieser Stelle unterbrach ich die Erzählung der kleinen Mönche mit einer zweiten Zwischenfrage:
– Wann ist das denn alles passiert?
Antwort der kleinen Mönche:
– Das ist schon ein paar Jahre her. Wie lange genau wissen wir nicht. Wir haben darauf nicht so geachtet. Weißt du, Karoline, für uns vergeht die Zeit anders als für andere Menschen.
– Ja, und wie lange wart ihr dann unterwegs? Von Tibet bis aufs Straßenbahndepot, das ist eine ziemlich lange Reise – vor allem mit einer Ziege.
– Die Ziege hat uns nur während des ersten Teils unserer Reise begleitet, bis zum Fluss.
– Welcher Fluss? fragte ich.
– Geduld, antworteten die Mönche, lass uns der Reihe nach erzählen.
Und sie fuhren fort:

Kapitel 5: Ziege mit Gepäck

Von ihrem Kloster aus, das so ziemlich in der Mitte Tibets lag, gab es vier Möglichkeiten, das Land zu verlassen: nach Norden, nach Osten, nach Süden und nach Westen. Die jeweiligen Grenzen waren alle gleich weit entfernt. Tibet Richtung Süden, Westen oder Norden zu verlassen, war allerdings ziemlich schwierig, Denn da gab es entweder hohe Berge oder Wüste oder wüste hohe Berge. Außerdem wurden alle diese Grenzen sehr scharf bewacht. Bis auf die Ostgrenze. Denn hinter der lag China, und dahin wollte bestimmt niemand, der vor den Chinesen in Tibet floh. Glaubten die Chinesen.

Und das wiederum wusste der weise Meister Alhasa. Und er wusste noch mehr. Zum Beispiel, dass wenn man von der Mitte Tibets aus direkt nach Osten geht, man nach rund 500 Kilometern auf einen kleinen Fluss stößt, den die Chinesen Jangtsekiang nennen, was „Langer Fluss“ heißt. Der Lange Fluss macht seinem Namen alle Ehre, denn er fließt weit nach Osten, quer durch China bis ins Meer. Dieser Fluss, der längste Strom Asiens und der drittlängste der Welt, war das erste Ziel der Kleinen Mönche.

Die Ziege trug sie geduldig viele Tage Richtung Osten. Die meiste Zeit meditierten die Mönche. Was soll man auch anderes tun, wenn man in einer Matte unter dem Bauch einer Ziege hängt, die 10 Stunden täglich über ein wüstes, 5000 Meter hohes Land nach Osten trabt? Abends wurde angehalten für die Nacht. Dann gab es auch zu essen und zu trinken. Für die Mönche und die Ziege. Spezialnahrung, von der Mönche und Ziege nur einmal täglich essen brauchten, damit ihnen die Strapazen nichts ausmachten. (Das Rezept will mir Olhasa irgendwann einmal verraten,) Menschen und Tieren gingen sie vorsichtshalber aus dem Weg. Man wusste ja nie, so eine einsame Ziege, ganz allein unterwegs im Hochland, immer Richtung Sonnenaufgang – da konnte schon mal jemand anfangen, sich ein paar Fragen zu stellen. Sich an die Ziege zu wenden war ja Quatsch, die hätte ohnehin nicht geantwortet.

Irgendwann erreichten sie den Fluss. Und nahmen Abschied von der Ziege, die ohne Meckern kehrt machte und ungewöhnlich schnell verschwunden war. Dann machten sich die Kleinen Mönche an den zweiten Teil ihrer Reise. Und der bedurfte einiger Vorbereitung. Denn Meister Alhasa verkündete den Brüdern, dass sie mit dem Fluss weiterreisen würden.

Dem Fluss. So, so. Der Fluss, der ein paar hundert Kilometer weiter anfangen würde, „Großer Fluss“ zu heißen, dieser Fluss war hier, nicht weit von seiner Quelle, noch recht klein. Dafür aber wild und reißend.
Sehr wild. Und sehr reißend.
– Meister, Meister, rief Olhasa mit kläglicher Stimme, wie sollen wir auf dem Fluss reisen können? Er ist so wild, so nass, und ich kann so gar nicht schwimmen.
– Ich sagte nicht „auf dem Fluss“, beruhigte ihn der Meister, ich sagte „mit dem Fluss“.
Olhasa machte nicht gerade ein Gesicht, als sei er jetzt wirklich beruhigt. Und auch die anderen Mönche schauten eher nachdenklich drein. Was wollte ihnen der Meister damit bloß sagen? Mit dem Fluss. Dieser Fluss würde früher oder später zum mächtigen Strom, und als solcher würde er dann majestätisch und ein paar tausend Kilometer lang durch das Land China fließen. Mit Millionen von Chinesen rechts und links an seinen Ufern. Und in Booten, Schiffen, Dschunken auf ihm unterwegs. Tolle Vorstellung für kleine tibetische Mönche, die gerade auf der Flucht waren vor Chinesen, die ihnen das Kloster niedergebrannt hatten.

Als könne er ihre Gedanken lesen, lächelte der alte Meister Alhasa. Dann ging er zum Fluss hinunter, zu einer Stelle, an der sich ein kleiner Sandstrand gebildet hatte. Die anderen folgten neugierig, samt Gepäck. Direkt am Wasser kniete der Abt nieder und beugte sich vor, bis er mit seinen Lippen das klare, kalte Wasser berührte:
– Prusselprusselprussel.
Der Abt sprach ins Wasser hinein.
– Prusselprusselprussel. Prussel. Prusselprussel.
Dann stand er auf und schaute auf den Fluss hinaus. Der plätscherte und blubberte und floss so vor sich hin. Nichts war zu sehen. Niemand sprach ein Wort. Hoch über dem Tal, dem Fluss und den kleinen Mönchen kreiste ein Adler. Adler haben scharfe Augen. Vielleicht sogar die schärfsten überhaupt. Mal schauen, was der Adler sieht:

Ein großer Fisch kommt da den Fluss hinauf geschwommen. Jetzt ist er nur noch eine Biegung von dem kleinen Sandstrand mit den kleinen Mönchen entfernt. Jetzt steuert er auf den Strand zu. Langsam steigt er an die Oberfläche. Ein paar von den Mönchen fangen an, wild auf und ab zu hopsen. Sie haben den großen Fisch entdeckt. Schwenk runter zum Strand:
– Meister, ein Monster, ein riesiges Monster! Ein Fisch, das ist ein Fisch. Er kommt auf uns zu! Er wird uns verschlingen!
Vier kleine Mönche schrien aufgeregt durcheinander.
– Still, befahl Alhasa, das ist ein Freund.
Inzwischen hatte der Fisch das Ufer erreicht. Er legte seinen Kopf auf den Sandstrand und öffnete sein riesiges, zähnebewehrtes Maul.
– Alles einsteigen, rief der alte Meister, wir legen in wenigen Augenblicken ab!
Schnell rafften die vier anderen Mönche das Gepäck zusammen und folgten ihrem Abt, der fast schon im Maul des Fisches verschwunden war. Ilhasa murmelte noch etwas, das sich anhörte wie „Der Trick ist doch uralt“, dann waren alle fünf kleinen Mönche im Innern des Fisches verschwunden. Der Fisch drehte sich langsam um, machte ein paar kräftige Schläge mit dem Schwanz und verschwand in den Fluten. Flussabwärts.

 

Kapitel 6: Unterwegs im Fisch

– So, sagte der alte Meister, und es klang etwas dumpf, jetzt wollen wir erst einmal für etwas Beleuchtung sorgen.
Er holte sein Amulett hervor und murmelte Unverständliches. Darauf begann das Amulett zu leuchten und verbreitete alsbald ein angenehmes Licht. Da saßen sie nun im Bauch des Fisches. Fünf kleine Mönche mit Gepäck. Vier davon schauten den einen fragend an.
– Also, begann der Abt, wir sind hier im Bauch eines Lachses.
– Hm, Lachs, lecker. Olhasa leckte sich die Lippen. Ich kenne da ein Rezept, ich sage euch…
Böser Blick des alten Meisters. Olhasa verschluckte den Rest.
– Also, fuhr der Meister fort, wir sind hier im Bauch eines Lachses. Er ist unser Freund. In ihm werden wir reisen, den ganzen langen Fluss hinab, der bald zu einem mächtigen Strom anschwellen wird. Wir werden so durch ganz China reisen, ohne dass uns jemand sieht. Wir werden noch viel, viel weiter reisen. Denn Lachse können nicht nur in Flüssen und Seen, also in Süßwasser leben, sondern auch in Salzwasser, also im Meer. Unser Lachs schwimmt also mit uns bis zur Mündung des Flusses…
– Des Jangtsekiang, warf kurz der gebildete Ilhasa ein.
– Richtig, sagte Meister Alhasa, und hinter der Mündung liegt was, Ilhasa?
– Der Pazifische Ozean, Meister.
– Genau, und durch den schwimmen wir dann nach Süden, um Asien herum, durch den Indischen Ozean Richtung Afrika, hinein ins Rote Meer, dann durch den Suezkanal ins Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in den Atlantischen Ozean, dann rechts herum Richtung Norden, an Portugal, Spanien und Frankreich vorbei, rein in den Ärmelkanal, links England, rechts Frankreich, dann Belgien, dann Holland, dann hinein in die Mündung eines Flusses, der erst Waal und dann Rhein heißt, in ein Land namens Deutschland. Und in diesem Land, in dem es übrigens nur wenige, meist freundliche Chinesen gibt, die fast alle in der Gastronomie arbeiten, in diesem Land liegt die große Stadt mit den kleinen hellblauen Tempeln, die wir in der Glitzerstaubkugel gesehen haben.

Eine Weile herrschte Schweigen. Eine Reise um die halbe Welt, unter Wasser, durch drei Ozeane, ein paar Meere und zwei Flüsse, noch dazu im Bauch eines Fisch – das will erst mal verdaut sein. Irgendwann kamen dann aber doch die Fragen:
– Meister?
– Ja?
– Wovon sollen wir uns ernähren die ganze Zeit? Haben wir genug Luft? Werd‘ ich nicht seekrank? Wird es uns nicht langweilig?
– Wir werden weder essen noch trinken müssen. Wir werden atmen können. Wir werden nicht krank. Wir werden meditieren.
So sprach der Meister und blies Zauberstaub in die Luft. Der Glitzer bildete eine Glocke, in deren Mitte die kleinen Mönche saßen. Der Rand der Glocke schloss mit dem Fischbauchboden ab.
– So, sagte der Meister, diese Glitzerglocke wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen. Und das wird nicht viel sein. Und jetzt lasst uns meditieren. Wir haben 20.000 Seemeilen Zeit.

 

ZWEITER TEIL

Kapitel 7: Ankunft in der Fremde

Und der Lachs schwamm. Und schwamm. Zuerst im großen Strom Jangtsekiang durch ganz China bis zu dessen Mündung. Dann hinein in den Pazifischen Ozean. Durch den nach Süden, um Asien herum, durch den Indischen Ozean Richtung Afrika, hinein ins Rote Meer, durch den Suezkanal ins Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in den Atlantischen Ozean, dann rechts herum Richtung Norden, an Portugal, Spanien und Frankreich vorbei, rein in den Ärmelkanal, zwischen England und Frankreich hindurch, vorbei an Belgien und in Holland hinein in die Mündung des Waal, der einige Kilometer flussaufwärts anfängt, Rhein zu heißen, Da waren sie dann endlich in Deutschland. Und als im Süden die Hochhäuser, Kirch- und Fernsehtürme einer großen Stadt auftauchten, erlosch plötzlich die Glitzerstaubglocke, unter der die kleinen Mönche die ganze Zeit meditiert hatten. Langsam erwachten sie aus einem Zustand, der irgendwo zwischen Koma und Trance gelegen hatte.

– Brüder, es ist soweit, wir sind angekommen, sagte Alhasa, der weise, alte Abt.
– Wann sind wir endlich da?, fragte Olhasa und gähnte, wird Zeit, dass ich wieder mal an die frische Luft komme.
– Wirst du, mein Lieber, antwortete der Meister Aber jetzt packt erst einmal eure Sachen zusammen.
Der Lachs hatte inzwischen die letzten Flußwindungen vor der großen Stadt durchschwommen und steuerte einen Sandstrand an, am Ostufer des Rheins. Er musste sehr vorsichtig sein, denn er schwamm jetzt dicht unter der Wasseroberfläche und musste dauernd den vielen großen und kleinen Schiffen ausweichen, die den Strom rauf und runter fuhren, Tag und Nacht. Aber der Lachs war kein Anfänger, und so erreichte er sicher den Strand. Es war ein lauer Frühsommerabend, und auf der Promenade der Innenstadt hatte der Lachs viele Menschen erblickt. Hier, am Strand, etwas außerhalb, war niemand zu sehen. Die Kinder, die hier tagsüber gespielt hatten, waren längst zu Hause und freuten sich aufs Abendessen. Die Obdachlosen, die in den Zelten entlang des Ufers lebten, waren in der Stadt unterwegs, um sich was zum Leben und zum Überleben zu erbetteln. Irgendwo in den dichten Büschen schmuste und schmatzte ein Liebespaar, aber das störte nicht weiter. Ein großer, zottelfelliger grauer Straßenköter, der nicht sehr sauber aussah, trabte, die Nase am Boden, an der Wasserlinie auf und ab. Als der Kopf des riesigen Lachses genau vor ihm wie ein Schiff auf den Strand auflief, blieb der Hund stehen und wedelte mit dem Schwanz. Bellen tat er nicht. Interessiert sah er zu, wie der Fisch sein Maul öffnete und fünf Winzlinge herausgestiegen kamen. Die vier hinteren schleppten kleine Bündel, während der erste anscheinend die Verantwortung trug.
– Danke, mein Freund, sagte Alhasa zum Lachs. Wir werden es dir niemals vergessen und ich verspreche dir, dass du noch ein langes und glückliches Fischleben führen wirst.
Der Lachs schlug heftig mit dem Schwanz und wirbelte im Wasser ein Menge Sand auf. Dann warf sich mit einem Mal der mächtige Körper des Fisches hoch aus dem Wasser hinaus und klatschte mit einem satten Geräusch zurück in sein nasses Element. Noch zweimal grüßte der Lachs so die kleinen Mönche, dann verschwand er in den Fluten des Rheins. Die kleinen Mönche waren wieder allein. Oder doch nicht?
– Ich hatte euch schon gestern erwartet, sagte der Hund.
– Tut mir leid, antwortete Alhasa, wir mussten in der Biskaya einer Ölpest ausweichen. Das hat uns einen ganzen Tag gekostet.
– Hauptsache, ihr seid jetzt da. Es ist alles vorbereitet. Schau.
Der Hund legte sich auf die Seite. Er trug Seile um den Körper, an denen unter dem Bauch fünf kleine Hängematten befestigt waren. Außerdem gab es Vorrichtungen, um das Gepäck der kleinen Mönche zu verstauen.
– Gut, sehr gut, lobte der alte Meister den Hund. Und zu den anderen Mönchen gewandt:
– Macht eure Bündel fest und steigt in die Hängematten. Es geht gleich weiter.
– Sieht ja genauso aus wie bei unserer Ziege in Tibet, staunte Ulhasa. Der Hund knurrte.
– W…was hat er denn? Ulhasa sah Alhasa fragend und ein bisschen ängstlich an. Der alte Meister schaute ungewöhnlich streng:
– Du solltest einen Hund niemals mit einer Ziege vergleichen hörst du?
– Ja, aber, stammelte der junge Mönch, wenn es doch so ist?
– Still jetzt, wir brechen auf.
Zehn Minuten später trabte ein riesiger, zottelfelliger, grauer Straßenköter, der wirklich nicht sehr sauber aussah, durch die abendlichen Straßen der Stadt. Langsam wurde es dunkler und kühler. Aber noch waren auf den Straßen viele Menschen unterwegs, allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen. Zu Fuß, mit dem Rad und vor allem mit dem Auto. Das hupte, röhrte, reifenquietschte, was das Zeug hielt. Ein grauer Straßenköter fiel da nicht weiter auf. Da konnte er noch so groß sein und noch so exotische Passagiere mit sich herumtragen. Der Hund lief mit federnden Schritten zügig durch die Straßen. Irgendwann bog er in eine Einfahrt ein, überquerte einen weiten, bis auf ein paar parkende Autos leeren Hof. Hier war es sehr still und dunkel, in den Häusern gab es kaum mehr erleuchtete Fenster. Entweder waren die Menschen alle unterwegs oder im Bett. Naja, dem Hund und den kleinen Mönchen konnte das nur recht sein. Vor einer grauen Wand blieb der Hund schließlich stehen und legte sich auf die Seite. Vorsichtig lugte ein Winzling aus dem Fell hervor.
– Was gibt’s?, wisperte Meister Alhasa.
– Na, wir sind da, sagte der Hund, die letzte Strecke müsst ihr allein schaffen. Und beeilt euch bitte, ich habe noch eine Verabredung.
Schnell kamen alle kleinen Mönche samt Gepäck aus dem Fell gekrabbelt. Skeptisch sah Ulhasa die Wand hinauf:
– Da sollen wir hoch?
Während jetzt auch die übrigen Mönche die Wand hinauf starrten, unterhielt sich der Meister noch kurz leise mit dem Hund. Dann verneigte er sich vor dem Riesenköter, der wedelte freundlich mit dem Schwanz, verkniff sich ein Bellen und war mit einem Satz in der Nacht verschwunden.
– Und er erinnert mich trotzdem an unsere Ziege in Tibet, brummelte ihm Ulhasa hinterher. Wenn er kein Hund wäre…
– Was dann? unterbrach ihn Meister Alhasa, was, wenn die Ziege gar keine Ziege war, sondern ein Hund, und was, wenn es Wesen gibt, die mal Hund, mal Ziege sind, ganz so, wie sie mögen oder wie es am besten ist, was dann?
– Ja, aber, stotterte Ulhasa, während die anderen Mönche gespannt lauschten, ja, aber, (er fing sich ein wenig), was, wenn dieser Hund unsere Ziege ist, wie ist er, ich meine, sie denn dann von Tibet hierher gekommen. Doch wohl nicht zu Fuß, oder?.
– Wie sind wir denn hierher gekommen? Doch wohl nicht im Fisch, oder?
Das war die Stimme von Elhasa gewesen. Alle sahen ihn an: Er nun wieder! Meister Alhasa lächelte:
– Ich freue mich sehr, wie die Dinge euch dazu bringen, über sie nachzudenken. Doch im Augenblick sollten wir uns mit etwas Anderem beschäftigen.

Er zeigte auf die graue Mauer. Stumm schauten die vier kleinen Mönche erneut nach oben. Sehr weit nach oben. Dann ein Nicken im Chor, dann vier fragende Blicke. Meister Alhasa hob seine rechte Hand und blies etwas Glitzerstaub in die Luft.
– Schauen wir uns erst einmal an, was heute nachmittag hinter dieser Mauer geschah.
Der Glitzerstaub bildete eine Kugel, und in der war jetzt so etwas wie ein Film zu sehen – in Farbe, aber ohne Ton. (Was auch ganz gut war, sonst wären womöglich noch Leute geweckt oder aufmerksam geworden.) Und das sahen die kleinen Mönche in ihrem Glitzerstaub-TV:
Eine recht kleine, recht rundliche Frau mit lustigem Gesicht und dicken schwarzen Haaren schimpfte ganz fürchterlich mit einem kräftigen, mittelgroßen Mann mit Brille und lichten blonden Haaren. Beide gestikulierten heftig, aber es war ganz klar: Der Mann hatte schlechte Karten. Beide standen vor einem riesigen Haufen Kletterpflanzen, auf den die Frau immer wieder zeigte, um dann noch schlimmer und heftiger weiterzuschimpfen.
– Die haben aber ein schlechtes Karma, meinte Ulhasa, was ist denn da passiert, warum schimpft die Frau so mit diesem armen Kerl?
– Dieser arme Kerl ist der Mann der Frau, erklärte der alte Meister, und er ist für den Haufen Kletterpflanzen – man nennt diese Kletterpflanze hier übrigens Knöterich – verantwortlich. Er hat nämlich den ganzen Knöterich von der Mauer gerissen, ohne seine Frau zu fragen. Von dieser Mauer, genau hier, nur auf der anderen Seite.
– Und was haben wir damit zu tun?, fragte Elhasa.
– Wir, schmunzelte sein Meister, wir werden die Sache wieder in Ordnung bringen. Das hat viele Vorteile: Die Frau ist glücklich, weil ihr Knöterich wieder an der Mauer wächst. Der Mann ist glücklich, weil seine Frau glücklich ist. Der Knöterich ist glücklich, weil er wieder da ist, wo er hingehört, und weil er uns helfen kann, diese Wand hinauf zu kommen. Und wir sind glücklich, weil wir endlich zu den hellblauen Tempeln kommen, die da oben auf dem Dach des Gebäudes, an das die Mauer grenzt, auf uns warten.

Der Meister griff in die Glitzerstaubkugel. Die Bilder verschwanden. Die Hand des Meisters rührte im Glitzerstaub. Nachdem er alles gut umgerührt hatte, hob er seinen Arm und wies mit der Hand hinauf zum Rand der Mauer. Wie eine Schlange glitt der Glitzerstaub die Mauer empor, erreichte den Rand und verschwand aus dem Blickfeld der Mönche.
– Und jetzt?, fragte Elhasa.
– Abwarten, antwortete der alte Abt.
Nun ist abwarten nicht gerade die aufregendste aller Tätigkeiten. Deshalb verlassen wir jetzt auch für einen kurzen Augenblick die kleinen Mönche und düsen die Mauer hoch, der Glitzerstaubschlange hinterher. Die war nämlich inzwischen an der anderen Mauerseite wieder hinabgesaust und auf den Haufen Kletterpflanzen zu geschlängelt, auf eben jenen Knöterich, den der Mann am Nachmittag von der Mauer heruntergerissen hatte, sehr zum Ärger seiner Frau.

Der Glitzerstaub erreichte den Haufen, schoss hinein, wieder hinaus, drumherum, umgab ihn schließlich ganz und verließ ihn wieder. Und nahm beim Verlassen einen Trieb des Knöterichs mit sich, die Mauer hinauf bis zum Rand. Und dann geschah es: Blitzartig breitete sich der Knöterich über die ganze Breite und Höhe der Mauer aus, wobei der Haufen auf dem Boden immer kleiner wurde, fast könnte man sagen: der Haufen rollte sich ab wie ein zusammengelegtes Seil, immer schneller wurde die Mauer immer grüner, schöner und grüner und schöner als jemals zuvor. Ein leises Rascheln noch, dann war da kein Haufen mehr

Auf der anderen Seite der Mauer standen im dunklen Hof fünf kleine Mönche und starrten eine glatte, dunkle Wand hinauf. Dann sahen sie oben auf dem Rand ein Glitzern und dann etwas Grünes. Der Glitzerstaub sank langsam die Mauer hinab, und ein besonders kräftiger Trieb vom Knöterich wuchs ihm hinterher. Als der Knöterich den Boden erreicht hatte, begann er weitere Zweige auszutreiben, die wie Lianen aus einem Urwald aussahen. Der Glitzerstaub löste sich nach leisem Fingerschnippen des Abtes in Nichts auf.
– Stellt euch in einer Reihe auf, befahl Alhasa seinen Mitbrüdern. Stellt euer Gepäck vor euch auf den Boden. Kreuzt die Arme und lasst es mit euch geschehen.
– Was sollen wir mit uns geschehen la…, wollte Ulhasa fragen, da hatte ihn schon eine grüne Knöterichliane sanft aber fest umfasst. Eine zweite Liane kümmerte sich um sein kleines Bündel mit Habseligkeiten. Ulhasa schaute sich um: Seine Mitbrüder waren alle auch schon umschlungen, genau wie ihre kleinen Bündel und Köfferchen. Nur der alte, weise Meister Alhasa war nicht zu sehen.
– Meister, wo seid ihr?, rief Ulhasa besorgt und beunruhigt.
– Hier bin ich, hier! Die Stimme kam von oben. Ulhasa hob den Kopf. Da sah er den alten Abt hoch an der Mauerwand, fest und sicher im Griff des Knöterichs, der mit ihm stetig nach oben wuchs. Es tat einen kleinen Ruck, und schon ging es auch mit Ulhasa aufwärts. Und genauso mit Ilhasa, Olhasa und Elhasa. Und dem ganzen Gepäck. Der Knöterichaufzug leistete ganze Arbeit. Er hielt auch gar nicht erst an, als alle Mönche oben auf der Mauer angekommen waren. Nein, es ging gleich weiter, auf dem schmalen Sims bis zur Wand des Gebäudes, an das die Mauer grenzte. Hier ging es noch einmal ein Stück die Gebäudewand entlang nach oben, über die Dachkante hinweg. Noch ein Stück, dann hörte der Knöterich auf zu wachsen und gab Mönche und Material frei.
Sie waren auf dem Dach des Gebäudes. Vor ihnen erhoben sich drei hellblaue Tempel. Wunderschön im kühlen Licht des vollen Mondes.
– Wir sind da, sagte Meister Alhasa feierlich, hier werden wir erst einmal eine Weile bleiben können.
Sprach’s und war schon im ersten der drei hellblauen Tempel verschwunden. Die anderen Mönche rafften das Gepäck zusammen und folgten. Einer nach dem anderen verschwand in dem hellblauen Tempel. Nur Ilhasa, der Gärtner unter den kleinen Mönchen, drehte sich noch einmal um und verbeugte sich tief vor dem Knöterich.

 

Kapitel 8: Das neue Zuhause

Still und silbrig schien der Mond auf das Dach mit den drei kleinen, hellblauen Tempeln. Nichts rührte sich. Niemand in den Häusern um den Hof herum ahnte, dass das Dach des Straßenbahndepots ab jetzt bewohnt war. Auch wir – also Mama, Papa und ich – hatten da noch überhaupt keine Ahnung. Wir waren nämlich auch gerade erst eingezogen. In die Wohnung, die in der ersten Etage von genau dem Haus lag, in dessen Garten sich die Frau und der Mann wegen des Knöterichs gestritten hatten. Die Frau und der Mann wurden später Freunde von uns. Das nur nebenbei, falls die beiden diese Geschichte irgendwann mal lesen, dann haben sie‘s jetzt schriftlich, dass wir sie superdoll gut leiden können.

Während wir in dieser Nacht also alle tief und fest schliefen, war auf dem Dach des Straßenbahndepots noch eine Menge los. Denn die kleinen Mönche waren kein bisschen müde. Schließlich hatten sie während der langen Reise im Bauch des Lachses ausruhen und entspannen können. Jetzt galt es, sich so schnell wie möglich in den drei Tempeln einzurichten. Das Erstaunliche war: Diese drei Tempel waren wirklich perfekt getarnt – die Menschen hielten sie entweder für Lüftungsklappen oder für Kamine.

Beim Betreten der Tempel erlebten die kleinen Mönche eine weitere Überraschung (das heißt, ich bin mir nicht so sicher, ob der alte Meister wirklich so überrascht war): Es gab richtige Räume! Zwar alle leer, aber ansonsten ziemlich perfekt: sauber, mit guten Fußböden, soliden Wänden und Decken. Und jeder der drei Tempel hatte ein bestimmte Funktion: Es gab den Tempel des alltäglichen Lebens, den Tempel des Meditierens und den Tempel des Schlafens. Womit klar wäre, in welchem Tempel was gemacht wurde. Und bevor jetzt einer fragt – ja, es gab auch sowas wie Küche, Bad und Klo. Und fließendes Wasser, stellt euch vor. Doch die allergrößte Überraschung stand den kleinen Mönchen noch bevor, mit Ausnahme von Meister Alhasa natürlich. Denn der war für die Überraschung verantwortlich. Er öffnete nämlich eine Holztruhe, die zu ihrem Gepäck gehörte. Und was war darin? Der gesamte Hausrat ihres Klosters in Tibet. Von der Kücheneinrichtung bis zu den Betten, über Tische, Bänke, Stühle, Teppiche und so weiter und so fort. Alles, einfach alles, was sie brauchten, um auch hier auf dem Dach des Straßenbahndepots ein richtiges Kleinemöncheleben nach Tibeter Art führen zu können. Ach so, kleines Detail – fast vergessen: Der ganze Kram war extrem megawinzig klein, sozusagen doppelt und dreifach verkleinert. Jetzt wurde alles wieder vergrößert, bis es passend war zur Größe der kleinen Mönche und ihrer neuen Tempel.

So begann das stille, zurückgezogene, unauffällige Asylantenleben der kleinen Mönche auf dem Dach des Straßenbahndepots in einer großen Stadt am Rhein. Bis auf eine kleine nächtliche Begegnung zwischen drei kleinen Mönchen und einem kleinen Mädchen, die vor allem auf den Leichtsinn und die Abenteuerlust von Ulhasa zurückzuführen ist, gab es nichts, was hier erzählt werden müsste. Nun gut, vielleicht die Strafpredigt, die sich Ulhasa, Olhasa und Ilhasa vom alten, weisen Meister anhören mussten. Die hatte sich in der Tat gewaschen. Weder die Erklärung von Olhasa, er sei nur mitgegangen, weil er neue Kochrezepte zu finden hoffte, noch die Ausrede von Ilhasa, er habe doch nur wissenschaftliche Forschungen betreiben wollen, so wie in Tibet, und vielleicht hätten die Menschen hier ja auch etwas über Tibet gewusst, rettete sie. Vor allem Ulhasa bekam sein Fett weg, denn er hatte sich die ganze Sache schließlich ausgedacht. Einen winzigen Moment der Milde gab es lediglich, als er erzählte, wie er dem kleinen blonden Mädchen den Vergessen spendenden Glitzerstaub in die Stupsnase geblasen hatte.

Danach geschah lange Zeit nichts. Die kleinen Mönche lebten still, zurückgezogen und unauffällig. Sie beteten, meditierten und warteten. Warteten auf Nachricht aus Tibet. Auf den Tag, an dem sie ihr Asyl auf dem Dach des Straßenbahndepots würden verlassen können. Richtung Heimat. Richtung Tibet. Was sie nicht ahnten, ja, was noch nicht einmal der weise Meister Alhasa voraussah, geschah rund vier Jahre später. Und warf all ihre Pläne und Hoffnungen gründlichst über den Haufen.

 

Kapitel 9: Karoline braucht eine Pause

Es war mir zwar peinlich, aber ich konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken.
– Entschuldigt bitte, sagte ich und rieb mir die Augen, ich gähne nicht wegen eurer Geschichte, ich bin nur schrecklich müde. Wie spät ist das überhaupt?
Die kleinen Mönche wisperten miteinander.
– Du. Hast. Recht. Karoline. Es. Ist. Sehr. Spät. Geworden. Wir. Kommen. Morgen. Nacht. Wieder. Und. Dann. Erzählen. Wir. Dir. Warum. Wir. Hier. Sind.
– Ach, halt, Moment, rief ich, bevor ihr geht, hätte ich noch eine kleine Bitte.
Die kleinen Mönche sahen mich fragend an.
– Also, ich räusperte mich, es ist mir etwas unangenehm, und ich will ich auch nicht vorschreiben, wie ihr zu sein habt, aber…
– Aber…?, fragte Alhasa.
– Nun, also, wie ihr sprecht, nach jedem Wort so eine Pause, also, ich finde das sehr anstrengend, so beim Zuhören, ich mein, ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber…
Stotter, stammel, ich kam mir etwas blöd vor.
– Wir. Werden. Daran. Arbeiten., meinte Alhasa, Versprochen.
Dann hörte ich ein leise Schnipsen, worauf die Glitzerglocke verschwand. Dann kletterten die fünf flink und sehr geschickt vom Umzugskarton herunter und huschten über den Boden hinaus in den Flur ins Bad. Ich hinterher, aber ich war mal wieder nicht schnell genug. So sah ich nur noch, wie sie durch die kleine Metalltür hinter dem Klo wieder in der Wand verschwanden. Der letzte drehte sich aber noch mal um und winkte mir einen Gutenachtgruß zu.

Als ich dann endlich wieder im Bett lag und mir die Augen bleischwer zufielen, als ich schon dachte, jetzt würde ich nichts mehr denken, da, plötzlich, wurde ich schlagartig noch einmal hellwach: Die kleinen Mönche hatten mir zum Abschied keinen Zauberstaub in die Nase geblasen. Ich konnte mich noch an alles erinnern, was sie mir erzählt hatten. Ich würde am nächsten Morgen noch wissen, dass es sie gab. Da war ich sehr, sehr glücklich. Und fühlte gleichzeitig eine Verantwortung, die mich unwahrscheinlich stolz machte. Ich würde nichts verraten. Niemals. Niemandem. Auch nicht Mama und Papa. Aber da war ich eigentlich schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wusste ich tatsächlich noch alles. Große Erleichterung. Große Freude. Und immer noch ein bisschen Stolz.
– Sag mal, wieso lächelst du die ganze Zeit so ätherisch, fragte Papa beim Frühstück,
„Ätherisch“ ist eines dieser Wörter, die Papa gern benutzt, wenn er meint, ich müsse mal wieder was dazu lernen.
– Soll ich heulen?, hab ich zurück gefragt.
– Hey, hey, schon gut!, Papa hob die Arme wie ein Fußballspieler, der ein Foul begangen hat und es dann nicht gewesen sein will, war ja auch nur ne Frage.
Mama grinste, sagte nichts und dachte sich ihren Teil. Der weitere Verlauf unseres Frühstücks wie auch des gesamten Tages ist für diese Geschichte unerheblich.

Ich überspringe jetzt also rund 12 Stunden: Hops!

 

Kapitel 10: Wissenswertes über Elstern

Am Abend waren meine Eltern sehr schnell sehr müde. Um kurz vor zehn war bei ihnen im Schlafzimmer das Licht aus. Ich war natürlich noch wach. Ich wartete ja auf die kleinen Mönche. Kurz nachdem es dunkel geworden war bei Mama und Papa, zwitscherte es an meiner Zimmertür. Ich schlug die Bettdecke zurück – aus Zwecken der Tarnung hatte ich natürlich so getan, als würde ich schlafen – und öffnete. Augenblicklich kamen fünf winzige Gestalten herein gehuscht. Wie in der Nacht zuvor saßen wir bald wieder unter der Glitzerglocke.
– Also, begann ich, sagt ihr mir jetzt, wieso ihr hier seid und nicht in euren kleinen hellblauen Tempeln auf dem Dach vom Straßenbahndepot?
Der alte, weise Alhasa sah mich freundlich an, als gefalle ihm meine Ungeduld. Dann sagte er:
– Zuerst möchte ich dir mitteilen, dass wir unser kleines Sprachproblem gelöst haben, wie du unschwer hören kannst.
– Klasse, staunte ich, wie habt ihr das denn gemacht?
– Oh, antwortete Alhasa, wir mussten nur ein paar Feineinstellungen am Kommunikationsmodul vornehmen. Jetzt kannst du uns sogar ohne Glitzer und Vergrößerung gut verstehen.
Der alte Mönch überraschte einen immer wieder.
– Doch nun zu deiner Frage, fuhr er fort, kennst du dich mit Elstern aus?
Jetzt kam ich überhaupt nicht mehr mit und machte ein entsprechendes Gesicht:
– Ja, ähm, also, Elstern, das sind doch so Vögel, und die, äh,…
Der Abt seufzte und tat eine auffordernde Handbewegung:
– Ilhasa, bitte.
Ilhasa, der, wie ihr ja schon wisst, der gebildetste unter den kleinen Mönchen ist, legte los, mit seinem ganzen Klosterbibliothekswissen:
– Die Elster, lateinisch Pica pica, gehört zu den Rabenvögeln. Die Elster ist…
– Richtig, man kann sie übrigens auch essen, unterbrach in Olhasa, ich habe mal in einem alten chinesischen Kochbuch ein sehr interessantes Rezept gefunden, nach dem man Elstern in einer Mischung aus mildem Soja und Süßwein zubereitet. Nach dem Garwerden entfernt man die Federn und Beine und nimmt nur die Brust und das Kopffleisch. Mit der Brühe tut man sie in die Schüssel. Das soll sehr, sehr lecker sein.
Vier Mönche und ein Mädchen schauten ihn missbilligend an.
– Oooh, ich meinte ja nur, entschuldigte sich Olhasa.
– Ich sagte also, fuhr Ilhasa fort, dass die Elster zu den Rabenvögeln gehört. Sie unterscheidet sich von allen anderen Rabenvögeln vor allem durch ihren langen Schwanz. Dieser ist häufig so lang wie der gesamte Rest des Körpers. An diesem Schwanz und an ihrem schwarzweißen Gefieder kann man die Elster schon vom weitem gut erkennen. Ein weiteres Merkmal der Elster ist ihr Flug. Dabei flattert sie nämlich unregelmäßig, was auf den Betrachter unbeholfen und langsam wirkt. Auf dem Boden trippelt die Elster oder sie hüpft – nach vorn und auch gern zur Seite. Viele halten die Elster für einen schönen, intelligenten und interessanten Vogel. Andere wiederum sagen, sie sei eine Pest, ein Nesträuber und Vogelmörder, diebisch und geschwätzig.
– Das hab ich auch schon mal gehört, rief ich, Elstern sind ganz scharf auf alles, was blinkt oder glänzt, das klauen sie und schleppen es in ihr Nest!
– Wir nähern uns dem Problem, sagte Alhasa, bitte, Ilhasa.
Der Büchermönch fuhr fort:
– Elstern leben in einem gewissen sozialen System. Die Brutvögel bilden Paare, die ein Leben lang zusammen bleiben. Und sie besetzen ein Revier, um darin zu leben. Diejenigen Elstern, die nicht brüten, bilden größere Trupps. Zu denen gesellen sich, wenn sie mit dem Brüten und der Aufzucht ihrer Jungen fertig sind, auch die Paare.
– Ein Elsternrevier besteht also in der Regel aus mehreren Vögeln, ergänzte Meister Alhasa.
– Schön, und was hat das alles mit uns zu tun? Ich wurde jetzt doch langsam ein wenig ungeduldig. Rabenvögel, Elstern, Revier, Brüten Aufzucht, Bildung von Trupps – was sollte das alles? Nachhilfe in Bio, oder was?
– Mit uns, sagte Meister Alhasa und sah mich dabei sehr, sehr ernst an, mit uns hat das insofern zu tun, als dass unsere kleinen blauen Tempel…, er machte eine Pause und atmete einmal tief durch, … nun ja, sie stehen mitten drin in so einem Elsternrevier.
– Aber das ist noch nicht alles, platzte es aus Ulhasa heraus, sie verfolgen uns, sie jagen uns, sie wollen unsere Medaillons haben, weil die so schön glänzen.
– Aber woher wissen die das denn mit den Medaillons, fragte ich, ihr tragt die doch immer verborgen unter eurer Kleidung.
– Stimmt, antwortet Ulhasa, aber die Kleidung legen wir auch mal ab, zum Baden oder Waschen zum Beispiel, oder wenn wir unsere Sportübungen machen.
– Ich habe euch schon immer gesagt, dass diese viele Bewegung nicht gut für uns ist, sagte Olhasa.
Trotz des Ernstes der Lage mussten wir anderen wieder einmal lächeln über diesen kleinen, dicken, netten Mönch. Gerade Olhasa konnte Bewegung gut gebrauchen.
– Jedenfalls haben die Elstern irgendwann die Medaillons entdeckt, sagte Alhasa, und jetzt haben wir sie am Hals, im wahrsten Sinne des Wortes.
– Sie sind schlimm, sie machen uns das Leben zur Hölle!
Elhasa hatte bis jetzt noch gar nichts gesagt. Vielleicht lief mir deshalb bei seinen Worten ein eiskalter Schauer über den Rücken. In den Worten des stillen, sonst so schweigsamen Mönches lag Angst. Große Angst und Verzweiflung.
– Klar soweit?, fragte mich Alhasa.
Ich schluckte und nickte:
– Klar soweit.
Dann kam mir ein Gedanke:
– Sagt mal, warum benutzt ihr nicht euren Glitzerstaub? Mit dem könnt ihr doch mit allen Tieren sprechen. Oder ihr jagt mit seiner Hilfe die ganze Elsternbande einfach davon.
Ilhasa räusperte sich:
– Ich hätte da noch ein paar weitere, nicht unwichtige Informationen.
– Lass hören, sagte ich und versuchte, mich etwas entspannter hinzusetzen, was gar nicht so einfach war auf dem harten Holzfußboden in unserem neuen Haus (den dicken, schwarzen Teppichboden hatten wir nicht mitgenommen).
– Erstens: Wir können mit den Elstern nicht sprechen. Der Glitzerstaub funktioniert nicht.
Karolinengesicht wird zum Riesenfragezeichen. Ilhasa sprach weiter:
– Wir verstehen es selbst nicht. Wir haben es jeder allein und auch alle zusammen versucht. Aber diese Vögel sind immer in kleinen oder größeren Gruppen, nie allein. Zweitens: Diese Elstern verhalten sich nicht wie normale Elstern. Diese Aggressivität, mit der sie ihr Revier gegen uns, die wir für sie anscheinend Eindringlinge sind, verteidigen, ist ein Verhalten, das ich noch in keinem Buch erwähnt oder beschrieben gefunden habe. Und dass sie dermaßen gezielt hinter unseren Medaillons her sind, obwohl sie sie ja gar nicht mehr sehen können, weil wir sie seit dem ersten Angriff immer unter unserer Kleidung verborgen halten…
– Sie wissen einfach, dass die Medaillons da sind, unterbrach ihn Ulhasa.
Der alte Meister schüttelte den Kopf:
– Die Medaillons waren nur der Auslöser. Durch sie wurden die Elstern auf uns aufmerksam. Aber jetzt geht es ihnen nicht mehr um die Medaillons. Jetzt wollen sie uns.
Ich fand das alles ziemlich albern, und so ähnlich sagte ich das dann auch:
– Ich verstehe da was nicht. Das ist doch albern. Wieso könnt ihr euch nicht gegen die Elstern wehren, ihr habt doch den Glitzer, eure vielen Zaubertricks und, ja, warum hetzt ihr nicht euren großen Hund auf diese blöden Vögel? Für das Riesenvieh sind doch die paar Elstern ein Klacks. Der soll sie fertigmachen, aber so richtig!
Alhasa schüttelte traurig den Kopf:
– Ach Karoline, wenn es immer so einfach wäre. Aber den Hund auf die Elstern hetzen, das macht Lärm, und außerdem macht das der Hund nicht mit. Der Hund ist unser Freund, aber nicht unser Diener. Er würde uns natürlich jederzeit vor den Elstern beschützen, wenn die uns angreifen. Aber dazu müsste er den ganzen Tag bei uns sein, dort oben auf dem Dach des Straßenbahndepots, und dazu ist er einfach zu groß. Das würden sich die Leute sehr schnell fragen, was denn da so ein Riesenhund auf dem Dach macht. Und was unsere eigenen, durchaus vorhandenen Kräfte betrifft: Die dürfen wir nur benutzen, um Gutes zu tun. Wir dürfen sie niemals als Waffe einsetzen, auch nicht gegen noch so gemeine und böse Vögel. Wir können den Elstern dank unserer Kräfte ausweichen, aber die Bedrohung bleibt bestehen, und auch das Risiko, dass sie eines Tages doch einen von uns erwischen.
Er sah mich an:
– Verstehst du nun, Karoline, warum wir hier sind? Wir sind mit unserem Wissen, unserer Kunst am Ende. Wir verstehen diese Vögel nicht. Was meinst du, was kann das sein? Warum sind diese Elstern so anders?
Ach du meine Güte, jetzt war es raus. Diese mit unglaublichen Zauberkräften ausgestatteten Winzlinge wollten tatsächlich, dass ich ihnen half. So etwas kannte ich aus dem einen oder anderen Buch: Zauberdings verliert aus irgendeinem Grund die Macht und nur ein kleiner dummer Mensch kann helfen. Aber das hier war Wirklichkeit. Und der kleine dumme Mensch – war ich.
– Karoline? Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. Meister Alhasa sag mich fragend an:
– Willst du uns helfen?
– Na klar! (Oh nein, Karoline, halt die Klappe, was redest du da, wie willst du denen denn helfen? Also: zurückrudern!) Äh, da ist nur ein kleines, also, wirklich nur ein klitzekleines Problem: Ich habe keine Ahnung, wie.
So, jetzt hatte ich es gesagt. Gespannt sah ich die kleinen Mönche an, schaute von einem zum anderen. In keinem der kleinen, dunklen, runden Gesichter mit den schräg stehenden Augen sah ich Enttäuschung oder gar Zorn. Sie lächelten. Nicht traurig, nein, sie lächelten eigentlich fröhlich. Was war da los?
– Da haben wir schon wieder etwas gemeinsam, stellte Olhasa fröhlich fest.
Meister Alhasa erhob sich:
– Für heute Nacht soll es genug sein. Lasst uns schlafen gehen. Morgen abend um die gleiche Zeit treffen wir uns wieder. Dich, Karoline, möchte ich bitten, noch einmal in Ruhe über alles nachzudenken. Ich bin mir sicher, du wirst uns helfen können. Du weißt es nur noch nicht.
Die anderen Mönchen waren ebenfalls aufgestanden. Schnipp – die Glitzerstaubglocke verschwand. Ich ächzte meine eingeschlafenen Beine aus dem Schneidersitz. Bevor die kleinen Mönche mein Zimmer verließen, drehten sie sich in der Tür noch einmal um und verbeugten sich vor mir. Alle fünf. Als ich aus meiner ebenfalls sehr tiefen Antwortverbeugung wieder hoch kam, waren sie verschwunden.

Ein paar Minuten später lag ich im Bett und dachte nach. Über alles. So, wie es Alhasa mir gesagt hatte. Also dachte ich nach über Elstern. Mama sagte immer, dass Elstern so schick gekleidet seien. Ach, Mama, die hatte ja überhaupt keine Ahnung. Ein Satz von Papa über Elstern fiel mir nicht ein. Also dachte ich noch einmal an das, was Alhasa über die Elstern gesagt hatte: Wir verstehen diese Vögel nicht. Was meinst du, was kann das sein? Warum sind diese Elstern so anders?
Mit einem Mal saß ich aufrecht im Bett. Warum sind diese Elstern so anders? Das war es! Diese Elstern waren anders. So anders, dass die kleinen Mönche sie mit ihren Kleinemönchemitteln, die bei allen anderen Tieren funktionierten, nicht erreichen konnten. Also mussten wir heraus finden, warum diese Elstern da so anders waren. Das musste doch irgendeinen Grund haben! Ich legte mich wieder zurück und überlegte weiter. Menschen waren auch manchmal anders als normal. Wenn sie Alkohol getrunken hatten. Oder Drogen genommen. Papa war immer anders, wenn im Fernsehen Frankreich Fußball spielte. Mama war anders, wenn sie Schnecken sah. Ein Freund von uns hatte mal eine Hirnhautentzündung bekommen und war eine Zeit lang ganz anders, so verwirrt und so. Und Mamas beste Freundin war nach einem schweren Autounfall, bei dem ihr Gehirn verletzt worden war, sogar ein komplett anderer Mensch geworden, gar nicht mehr Mamas Freundin, sondern schon fast jemand Fremdes. Irgendetwas musste auch mit diesen Elstern passiert sein, etwas, dass dafür verantwortlich war, dass sie sich so benahmen. Das musste ich herausfinden. Das würde ich herausfinden. Ich fühlte mich plötzlich groß und schlau und mutig. Bevor mich die Wirklichkeit wieder auf den Boden zurückholen konnte, war ich eingeschlafen.

 

September geht es weiter mit Der Schlachtplan.