Meine Frau – sagt meine Tochter – fährt Fahrrad immer nur im ersten Gang.
Geständnisse aus einem Kleinfamilienleben.
Warnung an die Leser.

Allen treuen Fans von „Meine Frau kann – rückwärts! – einparken, die nun seufzen „Herrje, findet das denn nie ein Ende? Immer diese weinerlichen Geschichten über die Superfrau und den Nichtsupermann.“ sei hiermit gesagt: Nein, es findet noch kein Ende. Es ist noch nicht vorbei. Es geht weiter, in kleinen Variationen. So habe ich z.B. unsere Tochter hier und da mit eingebaut, obwohl sie schon längst ihr eigenes Leben führt, ferab der einstigen Kleinfamilie. Aber das ist mir egal. Denken Sie sich einfach an den entsprechenden Stellen das Präsens ins Präteritum um. So eine kleine grammatikalische Übung ist gesund und hält geistig fit.

Klar soweit? Dann kann’s ja los- bzw. weitergehen:

 

Prolog.

Meine Tochter: „Weißt du Papa, mit Mama Fahrrad fahren ist total öde.“
Ich: „Ach ja?“
Meine Tochter: „Ja, Mama fährt die ganze Zeit immer nur im ersten Gang.“
Meine Frau: „Wieso fahre ich die ganze Zeit immer nur im ersten Gang?“
Meine Tochter: „Das frage ich mich auch.“

(Gespräch im Auto, Normandie, Sommer 2008)

 

Kapitel 1: Das Auge putzt mit.

Meine Frau hat nicht nur ihren eigenen Kopf. Sondern auch ihren eigenen Eimer. Und damit bin nicht etwa ich gemeint, sondern der Eimer zum
Putzen. Dass meine Frau einen eigenen Eimer zum Putzen besitzt, was mir bis zum 13. September 2008 so nicht klar. Besser gesagt: überhaupt nicht klar. Sonst wäre ich doch niemals hingegangen und hätte mir im Waschkeller den erst besten Eimer geschnappt, um ihn im Rahmen des von mir jeden Samstag durchgeführten Treppeputzens einzusetzen. (Meine Frau putzt derweil Küche oder Bad oder beides. Dies schreibe ich hier, weil das gleich noch wichtig sein wird.) Also ging ich wie immer frisch ans Werk: Eimer geschnappt und Aufnehmer-Wasser-Seifenzeugs rein. Dann hoch damit durch die unendlichen Weiten des Reihenhauses, vor die Treppe gestellt und schnell mal aufs Klo. Kurz danach zurück – der Eimer war weg! Auf die handelsübliche Frage „Hast du meinen Eimer gesehen, und wenn ja, wo?“ kam aus der Küche erst einmal nur barsch und knapp diese Korrektur: „Das ist nicht dein Eimer!“ Auf Nachfrage wurde meine Frau dann präziser: „Das ist mein Eimer!“ Aha. Auf erneute Nachfrage wurde meine Frau noch präziser, fast schon eloquent: „Du weißt doch, dass ich Künstlerin bin. Wir Künstler sind Augenmenschen. Wir umgeben uns gern mit schönen Dingen. Vor allem, wenn wir so hässliche Sachen tun müssen wie putzen. Putzen können wir deshalb ausschließlich mit schönen Eimern. Dieser Eimer ist mein Eimer, weil er der schönste unter unseren Eimern ist. Das Auge putzt nämlich mit, verstehst du?“ Ich nickte. Dann ging ich in die Küche und schaute ich mir den Eimer meiner Frau, also meinen Ex-Eimer, genauer an. Er hatte, im Gegensatz zu unseren anderen Eimern, keinen Eisenbügel zum Tragen, sondern einen aus Plastik. Dies machte ihn in meinen Augen billig, aber nicht schön. Die – wie ich meine: fragwürdige – Ästhetik dieses Eimers bestand einzig und allein darin, dass er hellblau und transparent war. Das könnte gegebenenfalls bei der Überprüfung des Wasserstandes zu einer, sagen wir mal: mediterranen Anmutung führen. Ansonsten war dieser Eimer ein Eimer wie alle anderen auch. Langsam dämmerte mir, dass mir meine Frau nach all den Jahren doch noch in Vielem ein Rätsel war.

Und obwohl ich schon resignierend auf dem Weg in den Waschkeller war, schallte es mir noch vorwurfsvoll hinterher: „Und das Wasser ist auch ganz kalt!“

 

Kapitel 2: Sammeln am Strand.

Meine Frau geht gerne an den Strand. Voraussetzung: ein Urlaub am Meer. Ich gehe dann übrigens auch gerne an den Strand. Dies führt dazu, dass wir in der Regel zusammen an den Strand gehen. Beziehungsweise erst fahren, und dann gehen. Unsere Tochter, so sie denn mit in den Urlaub gefahren ist, kommt dann natürlich auch mit an den Strand. Bevor ich jetzt weiter erzähle, fasse ich kurz zusammen: Drei Menschen, ein Strand, viele Möglichkeiten. Meine Frau zum Beispiel geht gerne Sachen finden. Fetzen alter Fischernetze. Holzstücke. Gut erhaltene Austernsäcke. Es gibt übrigens ein Patent für den Verschluss von Austernsäcken, nachzulesen im AT Österreichisches Patentblatt 102. Jg./Nr. 4 April 2005. Dort findet man übrigens auch eines für „Vorrichtung und Zitzenbecher zum Melken von Tieren“. Doch zurück zum Austernsack. Der heißt auf Französisch „sac à huîtres“. Stellen Sie sich ein Fischernetz mit mittelkleinen Maschen aus stabilem Plastik vor, ziemlich steif und zu einem Sack zusammengebunden, wie eine riesige Einkaufstasche. Fertig ist der Austernsack. Darin befinden sich, wie der Name schon sagt, Austern. Diese Säcke mit ihren Austern liegen auf einer Art Tischen, die wiederum im Meer stehen, geflutet bei Flut, trocken bei Ebbe. Da wachsen dann die Austern, bis sie von Leuten wie mir gegessen werden. Die Austernzüchter in der Normandie, locker wie die meisten Franzosen, lassen ab und zu so einen Sack einfach am Strand liegen. Weil er kaputt ist, weil sie ihn vergessen haben oder weil sie meiner Frau eine Freude machen wollen. Und ich sage Ihnen: Die hat sich vielleicht gefreut, als sie diesen gut erhaltenen Austernsack fand. Leider sind solche Säcke immer leer. Höchstens leere Austernschalen befinden sich noch darin. Das finde ich natürlich schade. Doch glücklicherweise liegen an so einem Strand bei Ebbe auch noch intakte Austern herum. Ob die nun aus den Säcken ausgerissen sind oder natürlicherweise dort leben, weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Wenn ich so eine Auster finde, geht es ihr an die Schale. Messer raus, Spitze hinten ansetzen, vorsichtig die Auster öffnen, das Fleisch mit dem Messer lösen und guten Appetit. Meine Frau findet gerne Austern für mich, aber essen mag sie die nicht. Meine Tochter übrigens auch nicht. Die rennt dann immer kreischend davon. Komisches Kind. Ich habe ihr vorgeschlagen, sie könne ja für mich ein Stück Brot und ein Fläschchen Weißwein tragen, aber das hat sie kategorisch abgelehnt. Meine Frau auch. Und das, obwohl ich ihren blöden Austernsack den ganzen Strand rauf und runter geschleppt habe. Am Anfang war der ja noch leer. Doch dann füllte ihn meine Frau mit allerlei weiteren Fundstücken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Wer wissen will, was da am Ende alles drin war, kann gerne mal bei uns vorbei kommen und im Garten nach dem Zeug suchen. Dabei erzähle ich Ihnen dann gern, wie man sich fühlt als deutscher Tourist am ellenlangen und -breiten Normandiestrand, mit einem immer voller werdenden Austernsack, während bildhübsche Französinnen ihr „Schau mal, dieser alberne Arsch mit seinem Austernsack“ hinter einem her tuscheln.

 

Kapitel 3: Tiefspüler oder Flachspüler?

So lautete Anfang dieses Jahres eine der meistgestellten Fragen. Also bei uns daheim. Denn meine Frau und ich hatten beschlossen zu investieren. Gezielt. In zwei neue Toiletten. Und da stellte sich halt die Frage: tief oder flach, der Spüler. Oder krasser formuliert: Willst du sehen, was hinten rauskommt oder willst du eher nicht?

Unser Sanitärhandwerker meinte: Flachspüler gibt es nicht mehr. Meine Frau sagte: Gibt’s nicht gibt’s nicht. Der Handwerker seufzte. Ich grinste. Das Grinsen ist so eine Art Abhärtung, glaube ich.

Dann geschah ein paar Wochen lang nichts. Und dann stand eines Morgens der Sanitärhandwerker mit zwei Klos vor der Tür: einem Tief- und einem Flachspüler. Na bitte, meinte meine Frau, geht doch. Also machte sich der Handwerker an sein Handwerk. Erst oben im Bad: der Flachspüler. Dann unter im Gäste-WC: der Tiefspüler. Alles lief echt gut.

Zu gut. Denn:

Handwerker: Äh, können Sie mal bitte kommen?
Wir kamen.
Handwerker: Der Tiefspüler passt nicht plan an die Wand, weil wegen dem Rohr.
Wir nickten. Aha, das Rohr.
Meine Frau: Das Klo ragt jetzt aber irgendwie in den Raum rein.
Handwerker: Stimmt, aber Sie gehen ja nicht zu zweit aufs Klo.
Meine Frau: Bei Schützenfest schon.

Die Toiletten funktionieren seitdem übrigens einwandfrei. Auch bei Schützenfest.

 


Meine Frau kann – rückwärts! – einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 8: Das Dawillichnochdraustrinkenglas.

Frauen, das wird Ihnen jeder Mann bestätigen, hinterlassen ihre Spuren. Im Leben des Mannes, aber auch anderswo. Zum Beispiel bei uns zu Hause. Da hinterlässt meine Frau eine ganz eigene, um nicht zu sagen, eigenartige Spur: das „Dawillichnochdraustrinkenglas“. Für alle, die sich schwertun mit der deutschen Zusammenschreibrechtschreibung noch einmal: das „Da-will-ich-noch-draus-trinken-Glas“. Besser? Fein. Also weiter im Stück:

Meine Frau ist, wie die meisten Gesundheitsratgeber, der festen Überzeugung, dass der Mensch täglich Flüssigkeit in zweistelliger Litermenge in sich hineingießen müsse. Weil er sonst vertrocknet. Und sie natürlich auch. Also trinkt meine Frau regelmäßig Wasser. Aus einem Glas. Und da meine Frau viel im Haus unterwegs ist, mal hier, mal dort für kürzere oder längere Zeit zu tun hat, platziert sie an ihren wichtigsten Aufenthaltsorten ein Glas, aus dem sie trinkt. In der Regel verteilt sie so täglich an die drei Gläser im Haus. Sobald ich eines dieser Gläser sehe – oft ist es leer, oft noch halb voll –, will ich es wegräumen. (Ein Ordnungsdrang, den meine Frau gern anprangert.) Denn was soll das: ein Glas, einfach so, stundenlang rumstehend, irgendwo, irgendwie, mit nichts oder mit irgendwas drin, das auch schon nicht mehr richtig lecker aussieht, schon schmutzig, angelaufen? Ist das etwa schön? Also greife ich mir das Glas, nehme schon Kurs auf Küche und Spülmaschine, da ertönt der Ruf meiner Frau: „Halt, da will ich noch draus trinken!“

Natürlich versuche ich, dagegen anzuargumentieren. Spreche von Hygiene. Oder davon, dass ein solches Anlegen kleiner Feuchtbiotope im Innern eines Einfamilienhauses nicht artgerecht ist. Und mit Naturschutz nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Und was macht meine Frau? Geht in die Küche, schnappt sich eine Flasche Wasser, holt ein frisches Glas aus dem Schrank und sagt: „Ich geh jetzt nach oben.“


Meine Frau kann – rückwärts!– einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 7: Maschase-Praxis.

Meine Frau hat manchmal Verspannungen. Dann sagt sie gern: „Hmm, jetzt eine Maschase.“ Meine Frau sagt „Maschase“, obwohl sie natürlich „Massage“ meint und „Massage“ auch fehlerfrei sprechen kann. Meine Frau verdreht nur gern Worte. Sie sagt auch „Frisöse“ und nicht ‚“Friteuse“, aber ich verstehe sie trotzdem. Allerdings, als unsere Tochter letztens meinte, dass heiße jetzt nach neuer deutscher Rechtschreibung „Frisörin“, da war ich doch etwas verwirrt.

Jedenfalls: Immer, wenn meine Frau „Hmm, jetzt eine Maschase.“ sagt, schaut sie mich traurig an, fügt noch ein „Aber du willst ja nicht.“ hinzu, um schließlich im finalen Quittungsschuss der Frau-Mann-Beziehung zu kulminieren: „Du hast mich eben nicht mehr lieb genug.“ Diesem Vorwurf spontan zu widersprechen, ist zwar naheliegend, wäre aber fatal.

Dies würde nämlich die Warummassierstdumichdanntrotzdemnichtdiskussion auslösen. Einmal habe ich es mit dem Vorschlag versucht, eine junge Vietnamesin als Hausmasseurin einzustellen. Das war auch keine gute Idee. Wobei ich nicht genau verstanden habe, was meine Frau jetzt ausgerechnet gegen Vietnamesinnen hat. Aber ich hatte auch keine Lust, bei uns eine Rassismusdebatte loszutreten. Stattdessen kam mir eine geniale Idee: Ich massiere meine Frau, während ich im Fernsehen Fußball gucke. Habe ich ihr gleich vorgeschlagen.

Seitdem erzählt mir meine Frau keine Verspannungen mehr. Schade eigentlich.

 

 


Das Gleichnis von den sechs Ingenieuren

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Das Gleichnis von den sechs Ingenieuren

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Es waren einmal sechs Ingenieure. Sie praktizierten alle sechs in einer kleinen Stadt. Diese kleine Stadt lag am Fuße einer mächtigen Staumauer, die vor sehr, sehr langer Zeit erbaut worden war, man wusste nicht mehr, von wem. Die Einwohner der Stadt profitierten seit Generationen von der Staumauer und dem dahinter liegenden großen See: Strom, Wasser, Freizeitvergnügen aller Art. Partys an den Ufern, Riesenevents auf der Staumauer, Tanz, Konzerte, alles, was ging – immer öfter, immer mehr. Einer der sechs Ingenieure warnte jahrzehntelang davor, es mit der Benutzung und Belastung der Staumauer nicht zu übertreiben. Erklärte die Gefahren und ihre Ursachen. Machte immer wieder Vorschläge, wie man es besser machen könnte. Den anderen fünf Ingenieuren (und den meisten Menschen in der Stadt) ging das mehr oder weniger am Arsch vorbei. Dann, eines Tages, tauchte der erste Riss in der Staumauer auf. Und allmählich wurden die Risse zahlreicher – und größer. Und plötzlich ging den meisten Bewohnern der Arsch mehr oder weniger auf Grundeis.

Und für alle stand eine Frage im Raum: Welcher der sechs Ingenieure kann uns jetzt am besten helfen?

 

 

Eine Frage der Größe

Alles begann damit, dass die Züge in Deutschland plötzlich anfingen, pünktlich zu sein.

Das wiederum fiel zuerst niemandem negativ auf, im Gegenteil, die Reisenden freuten sich, dass die Züge endlich keine Verspätung mehr hatten. Und die Leute von der Eisenbahn freuten sich auch. Endlich keine Beschwerden mehr. Obwohl, erklären konnten sie sich das mit der plötzlichen Pünktlichkeit nicht. Die Mitarbeiter vermuteten ein neues Rationalisierungsprogramm, „von oben verordnet“, wie sie sagten, aber niemand wurde entlassen, es wurde keine Arbeitszeit erhöht, und irgendetwas Schriftliches gab es schon gar nicht. Nur Gerüchte. Je höher man nachforschte in der Hierarchie, und spätestens in der Chefetage, desto öfter kam nur eine Antwort: „Alles Zufall.“

Einige Tage später stand eine Meldung auf den Titelseiten aller Zeitungen: „Passagierflugzeug stellt sensationellen Geschwindigkeitsrekord auf!“ Kann ja mal passieren, nur: Hier handelte es sich um eine ganz normale Maschine. Also keinen Concorde-Nachfolger oder so. Und dennoch hatte die Maschine den Atlantik in Rekordzeit überflogen. Die Passagiere, vor allem die ewig eiligen Geschäftsleute, waren begeistert.

Die nächste überraschende Meldung kam von den deutschen Bundesautobahnen, die seit der Einführung der LKW-Maut zu Recht zu den bestüberwachten der Welt zählten. Das elektronische LKW-Erfassungssystem vermerkte eine Veränderung: Die Lastzüge brauchten für ihre Strecken anscheinend immer weniger Zeit. Dabei war bei den Geschwindigkeitskontrollen nichts aufgefallen. Keine rasenden Trucks, nichts. Alles ganz normal. Merkwürdiges vermeldeten auch die Mautstellen in Frankreich: Bei Kontrollen am Ende der Autobahnen stellte die Polizei fest, dass sämtliche kontrollierten Fahrzeuge ihre Strecke in einer viel zu kurzen Zeit gefahren waren. Also zu schnell, viel zu schnell. Die Fahrer hingegen schworen, sie hätten die erlaubten 130 km/h kaum oder gar nicht überschritten.

Gleichzeitig stellten weltweit immer mehr Menschen fest, dass sie für ihre Wege von A nach B eine zunehmend abnehmende Menge an Zeit brauchten. Ganz gleich, ob in Hamburg der Weg von der Wohnung zum Bäcker, in Mali der Pfad vom Dorf hinunter zum Fluss, in China der Weg vom Hof zum Reisfeld, in New York die Joggingstrecke durch den Central Park, in Argentinien der Ritt von der Farm hinaus zu den Rindern in der Pampa – überall auf dem Planeten registrierte man dasselbe Phänomen.

Wieder ein paar Tage später kam es weltweit zu merkwürdigen Massenselbstmorden unter den so genannten Naturvölkern. Vom Amazonasgebiet über das Kongobecken, Südostasien und Papua-Neuguinea zog sich eine Suizidschneise, grausam und scheinbar unaufhaltsam. Ganze Stämme vernichteten sich selbst. Erklärungen: Fehlanzeige. UNO, NGOs, Regierungen und die weltweite Öffentlichkeit standen fassungslos vor einer unerklärlichen menschlichen Katastrophe. 
  
Auch unter den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines, wütete das von der Presse so getaufte „Selbstmordvirus“. Allerdings gelang es hier einem Soziologen, der seit Jahren mit einem Stamm im Outback lebte, dessen Medizinmann zu einer Stellungnahme vor laufender Kamera zu bewegen. Der Mann, sichtlich verängstigt und verstört, sprach vom Ende der Traumpfade. Wörtlich sagte er: „Wir können die Traumpfade nicht mehr gehen, sie werden immer kürzer und bald sind sie ganz verschwunden.“ Dann erzählte er noch, dass die besten Bumerangwerfer seines Clans ihr Ziel nicht mehr trafen. Sie warfen ständig zu weit.

Schließlich überschlugen sich die Ereignisse. Im Radio überboten sich die Sensationsmeldungen. Die Fernsehstationen reihten eine Sondersendung an die nächste. Die Sozialen Netzwerke kochten über. Das Internet explodierte. Inzwischen hatte man erkannt: Die Kontinente verloren an Fläche. So als hätte jemand auf einem Kopierer die Verkleinerungsfunktion eingestellt. Die Seen, Meere und Ozeane nahmen proportional dazu ab, so dass es weder zu Überschwemmungen noch zu Flutwellen kam. Es gab auch keine Verwerfungen der Erdoberfläche, wie bei einem Erdbeben oder einer normalen Verschiebung von Kontinentalplatten.
  
Alles, was sich auf der Erdoberfläche befand, also zum Beispiel Straßen und Eisenbahngleise, verkürzte bzw. verkleinerte sich einfach entsprechend. Sogar Brücken und Tunnel verkürzten sich, ohne dass es zu Statikproblemen kam. Es wurde nicht einfach alles zusammengeschoben, sondern es fand eine gigantische, planetarische Reduzierung von Ausmaßen und Distanzen statt. Nur Lebewesen und Pflanzen waren von der Schrumpfung nicht betroffen. Auch nicht Häuser und sonstige Gebäude. Die Städte und Dörfer schrumpften in der Oberfläche. Die Straßen wurden kürzer und schmaler, die Gebäude aber behielten ihre Außen- und Innenmaße. Außerdem schrumpfte es innerhalb der Städte und Dörfer wesentlich langsamer als außerhalb. Noch relativ intakte Städte und Dörfer bewegten sich so allmählich aufeinander zu.

Die Menschen in Deutschland reagierten erst einmal erstaunt. Dann ratlos. Dann bekamen sie es langsam aber sicher mit der Angst zu tun. Köln rückte Leverkusen, Frankfurt rückte Offenbach, Berlin rückte Potsdam, Nürnberg rückte Fürth, Düsseldorf rückte Neuss ganz allmählich bedrohlich nahe. Heikel war es im Ruhrgebiet. Hier gab es ja kaum freies Land zwischen den einzelnen Städten. Also kam man sich zwischen Duisburg und Dortmund immer näher. Erste Gebäude, die man rechtzeitig hatte evakuieren können, waren schon auf Kollisionskurs. Für Mannheim und Ludwigshafen war es bereits zu spät: Sie hatten schon begonnen zu verschmelzen, unter dem ohrenbetäubenden Lärm miteinander kollidierender und kollabierender Industrieanlagen und Wohngebiete, umspült von den schaumigen Fluten des Rheins.

Woanders war es nicht besser.
  
In den großen städtischen Ballungszentren des Planeten herrschte das Chaos. Die Menschen wurden zu Millionen aus den immer enger werdenden Straßenschluchten zwischen den aufeinander zu rückenden Gebäuden evakuiert. Weltweit krachten Städte ineinander, Stadtteile verschmolzen, Slums lagen plötzlich in Villenvierteln, Industriegebiete in Parks.

Die führenden Köpfe der Menschheit – allen voran Politiker und Wissenschaftler – suchten fieberhaft nach einer Erklärung. Das Phänomen war weder greifbar noch begreifbar, widersprach es doch allen Naturgesetzen. Wieso verkürzten sich nur die natürlichen Distanzen horizontal und vertikal? Warum schrumpften Brücken, aber keine Häuser? Warum wurden die Berge kleiner, die Flüsse kürzer, aber kein einziges Lebewesen? Und auch keine Pflanze? Wohin floss das ganze Wasser der sich verkleinernden Ozeane? Und was war eigentlich mit der Erdatmosphäre?

Die Wissenschaftler taten, was sie konnten. Sie untersuchten und stellten alle möglichen Vermessungen und Berechnungen an. Das Ergebnis gab keinen Anlass zur Hoffnung: Der Planet Erde wurde zusehends kleiner, und somit auch seine Oberfläche. Und weil jede natürliche Erhebung zur Oberfläche gehört, schrumpften auch die Hügel, Berge und Gebirgsketten. Straßen, Schienen, Brücken und Tunnel verkleinerten sich anscheinend deshalb mit, weil sie auf Grund ihrer Funktion irgendwie ebenfalls zur Oberfläche des Planeten gehörten. Meinten die ganz Schlauen. Häuser gehörten anscheinend nicht mehr dazu, sie ragten einfach zu sehr heraus. Das galt für die kleinste Hütte genauso wie für den höchsten Turm oder Wolkenkratzer. Das Wasser der Ozeane verschwand, niemand wusste, wohin. Die Atmosphäre passte sich der abnehmenden Fläche an. Viel war das nicht an Erkenntnis, eine richtig wissenschaftliche Erklärung war es schon gar nicht, aber mehr war anscheinend nicht drin.
  
„Wir befinden uns,“ berichtete eine Gruppe von Wissenschaftlern vor der UNO, „auf einer Kugel, deren Oberfläche sich stetig verringert. Eine Kugel, deren Oberfläche sich gegen Null entwickelt, ist eine Kugel, die immer kleiner wird. Würde sich jetzt alles in, um und auf dieser Kugel entsprechend verändern, also verkleinern, wäre eben alles kleiner, unter Beibehaltung der bestehenden Größen- und anderen Verhältnisse. Das wäre dann wie die Verkleinerungsfunktion beim Kopieren. Damit könnten alle Betroffenen erst mal leben bzw. überleben. Nur, leider,“ an dieser Stelle machten die Wissenschaftler ein besonders ratloses Gesicht, „leider funktioniert die Verkleinerungsfunktion nicht so wie bei einem normalen Kopierer. Alles Lebende, und somit auch wir Menschen, ist von dem Verkleinerungsprozess ausgeschlossen. Das heißt: Es wird langsam eng.“

Kurz nach der weltweiten, zeitgleichen Ausstrahlung dieses Berichtes über alle Fernseh- und Radiostationen sowie im Internet kam es in verschiedenen urbanen Ballungsräumen – so z.B. in Mexiko-City, in Mumbay, in Manila, aber auch in New York, Los Angeles, London, Paris und Moskau – zu Aufständen, verbunden mit Plünderungen und entsetzlichen Ausschreitungen, bei denen sich Aufständische und Ordnungskräfte   gegenseitig an Grausamkeit überboten, Der schrumpfende Planet enthemmte seine Bewohner, die Menschheit geriet außer Kontrolle.

Als schon halbe Metropolen in rauchenden Trümmern lagen, als die ersten Staatspräsidenten sich in der Öffentlichkeit verleugnen ließen, als sich unbeschreibliche Szenen vor den Weltraumbahnhöfen von Baikonur bis Cape Canaveral, von Französisch-Guayana bis Jiuquan und Tanegashima abspielten, als Millionen nur noch auf den Knien lagen und beteten, während andere Millionen in einen apokalyptischen Taumel aus Lebensgier und Wahnsinn verfielen, geschah etwas Neues:

Irgendwo im amerikanischen Mittelwesten stellte eines Mittags einer der letzten Briefträger, die noch ihre Runde machten, fest, dass er für diese Runde länger gebraucht hatte als für dieselbe Runde am Tag zuvor. Nach einer unruhigen Nacht stellte er am nächsten Mittag fest, dass die Runde wieder ein paar Minuten länger gedauert hatte. Er nahm sein Smartphone und schickte eine E-Mail an seinen direkten Vorgesetzten – und setzte ein paar Fernsehstationen auf CC.

Wenige Tage später war aus dem Trend Gewissheit geworden. Die Distanzen wurden wieder größer. Tag für Tag, Woche für Woche. Irgendjemand hatte auf dem „Kopierer“ auf „Vergrößern“ gedrückt. Als schließlich die ersten Züge wieder mit Verspätung in die Bahnhöfe rollten, atmete die Welt definitiv auf. Man war noch einmal davongekommen. Natürlich warfen sich sofort alle Wissenschaftler auf das neue Phänomen, ohne auch nur den Hauch einer Erklärung zu finden. Internationale Konferenzen wurden einberufen, Spenden flossen, Aufräumarbeiten starteten. Millionen Tote galt es zu beerdigen, noch mehr Millionen Verletzte und Obdachlose mussten versorgt werden. Vergessen schien der Wahn der letzten Wochen, die Massaker, die Exzesse. Die Menschheit hatte eine Aufgabe, und fand sich zusammen, sie zu lösen. Zum ersten Mal hatte man nicht nur eine Vision von einer besseren Welt. Man hatte auch den Willen zu deren Verwirklichung..

Dann klingelte eines Tages im Büro einer Hilfsorganisation irgendwo im Innern Brasiliens das Telefon. Es war der Chef eines Hilfskonvois, dessen Wagen wegen Benzinmangels unterwegs stehen geblieben waren. Man hatte sich irgendwie verschätzt: Die Strecke war allem Anschein nach länger, als man gedacht hatte.


Meine Frau kann – rückwärts!– einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 6: Die Nudeln sind kalt.

Falls ich es noch nicht erwähnt habe, sage ich es jetzt: Bei uns zu Hause bin ich der Koch. Und zwar nicht von der Art Ehemannfreizeitkoch, der nach Schaffung eines mehrgängigen, stark präpositionslastigen Menüs in der Küche ein Schlachtfeld hinterlässt.

Nein: Ich koche täglich, nach der Arbeit, das früher familiäre und jetzt eheliche Abendessen. Und die Küche bleibt sauber. Und meist ist Frau (und war Tochter) glücklich. Und ich auch. Jedoch: Ein Problem trübt die Idylle. Das Problem ist ein Satz. Den Satz sagt – wer sonst? – meine Frau. Der Satz lautet: „Die Nudeln sind kalt.“ Dann könnte ich jedes Mal ausrasten.

Denn die Nudeln sind nur deshalb nur noch warm – und ich sage bewusst warm und nicht kalt, denn der Begriff „kalt“ ist eine böse, üble Übertreibung meiner Frau –, also nur deshalb nur noch warm, weil meine Frau wünscht, dass Nudeln und Soße g-e-t-r-e-n-n-t serviert werden. Das heißt konkret: Zwischen dem letzten Kontakt mit dem heißen Topf und dem ersten Kontakt mit dem Mund meiner Frau verbringen die Nudeln eine gewisse Zeit in einer temperatursenkenden Umgebung. Sie liegen quasi draußen – auf einem kalten Teller. Und Nudeln halten die Hitze nun mal nicht besonders gut. Vor allem nicht, wenn sie auf einem kalten Teller auf die heiße Soße warten müssen!

Und da ich nun mal erst die Nudeln und dann erst die Soße servieren darf, und meine Frau nicht wartet, bis dass die heiße Soße die warmen (warmen!) Nudeln wieder auf eine höhere Temperatur gebracht hat, sondern sich direkt über die kalttellerbedingt nur noch warmen Nudeln hermacht, kommt es Nudelgericht für Nudelgericht zu dem klagenden, um nicht zu sagen: anklagenden Ausspruch, den ich wegen seiner sachlichen Ungenauigkeit nicht noch einmal wiederholen möchte.


Meine Frau kann – rückwärts! – einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 5: Grünes Programm.

„Grünes Programm“ ist ein medialer Fachbegriff, den meine Frau
 erfunden hat. „Grünes Programm!“ ruft meine Frau jedes Mal, wenn 
ich im Fernsehen Fußball gucke. Sie ruft es also mindestens einmal
 pro Woche, immer wieder samstags, wenn die Sportschau läuft. Sie
 ruft es auch alle 14 Tage, dienstags, mittwochs oder donnerstags,
wobei man die drei „oder“ auch durch drei „und“ ersetzen kann. Das
 hängt davon ab, wer in welchem europäischen Wettbewerb gerade 
spielt. Weitere, unregelmäßigere Anlässe für ein „Grünes
 Programm!“-Rufen sind Länderspiele und die Spiele im DFB-Pokal. Und die diversen EMs und WMs.
Das ist soweit so gut. Ich habe mich längst daran gewöhnt, dass
 meine Frau das immer ruft. Einerseits. Andererseits: Dass sie das
 aber immer noch ruft, nach all den Jahren, zeigt, dass sie sich immer
 noch nicht daran gewöhnt hat. Und das finde ich, ehrlich gesagt, ein 
bisschen schade. Vor allem, weil meine Frau nicht konsequent ist in 
ihren medialen Begrifflichkeiten. Golf zum Beispiel ist kein „Grünes 
Programm“, sondern Golf. Schwimmen ist Schwimmen, und beileibe 
kein „Nasses Programm“. Dabei ist meine Frau immer für eine 
Überraschung gut: Einmal, bei irgendeiner Tennis-Open – es spielten 
zwei Damen, die ich hier lieber nicht nenne – meinte sie am Telefon zu unserer 
Tochter: „Dein Vater schaut wieder knackigen, leicht bekleideten
 Frauen beim Stöhnen zu.“
Ja, was sollte ich denn sonst machen, mitten in der Bundesliga-
Winterpause?