Meine Frau – sagt meine Tochter – fährt Fahrrad immer nur im ersten Gang.
Geständnisse aus einem Kleinfamilienleben.
Warnung an die Leser.

Allen treuen Fans von „Meine Frau kann – rückwärts! – einparken, die nun seufzen „Herrje, findet das denn nie ein Ende? Immer diese weinerlichen Geschichten über die Superfrau und den Nichtsupermann.“ sei hiermit gesagt: Nein, es findet noch kein Ende. Es ist noch nicht vorbei. Es geht weiter, in kleinen Variationen. So habe ich z.B. unsere Tochter hier und da mit eingebaut, obwohl sie schon längst ihr eigenes Leben führt, ferab der einstigen Kleinfamilie. Aber das ist mir egal. Denken Sie sich einfach an den entsprechenden Stellen das Präsens ins Präteritum um. So eine kleine grammatikalische Übung ist gesund und hält geistig fit.

Klar soweit? Dann kann’s ja los- bzw. weitergehen:

 

Prolog.

Meine Tochter: „Weißt du Papa, mit Mama Fahrrad fahren ist total öde.“
Ich: „Ach ja?“
Meine Tochter: „Ja, Mama fährt die ganze Zeit immer nur im ersten Gang.“
Meine Frau: „Wieso fahre ich die ganze Zeit immer nur im ersten Gang?“
Meine Tochter: „Das frage ich mich auch.“

(Gespräch im Auto, Normandie, Sommer 2008)

 

Kapitel 1: Das Auge putzt mit.

Meine Frau hat nicht nur ihren eigenen Kopf. Sondern auch ihren eigenen Eimer. Und damit bin nicht etwa ich gemeint, sondern der Eimer zum
Putzen. Dass meine Frau einen eigenen Eimer zum Putzen besitzt, was mir bis zum 13. September 2008 so nicht klar. Besser gesagt: überhaupt nicht klar. Sonst wäre ich doch niemals hingegangen und hätte mir im Waschkeller den erst besten Eimer geschnappt, um ihn im Rahmen des von mir jeden Samstag durchgeführten Treppeputzens einzusetzen. (Meine Frau putzt derweil Küche oder Bad oder beides. Dies schreibe ich hier, weil das gleich noch wichtig sein wird.) Also ging ich wie immer frisch ans Werk: Eimer geschnappt und Aufnehmer-Wasser-Seifenzeugs rein. Dann hoch damit durch die unendlichen Weiten des Reihenhauses, vor die Treppe gestellt und schnell mal aufs Klo. Kurz danach zurück – der Eimer war weg! Auf die handelsübliche Frage „Hast du meinen Eimer gesehen, und wenn ja, wo?“ kam aus der Küche erst einmal nur barsch und knapp diese Korrektur: „Das ist nicht dein Eimer!“ Auf Nachfrage wurde meine Frau dann präziser: „Das ist mein Eimer!“ Aha. Auf erneute Nachfrage wurde meine Frau noch präziser, fast schon eloquent: „Du weißt doch, dass ich Künstlerin bin. Wir Künstler sind Augenmenschen. Wir umgeben uns gern mit schönen Dingen. Vor allem, wenn wir so hässliche Sachen tun müssen wie putzen. Putzen können wir deshalb ausschließlich mit schönen Eimern. Dieser Eimer ist mein Eimer, weil er der schönste unter unseren Eimern ist. Das Auge putzt nämlich mit, verstehst du?“ Ich nickte. Dann ging ich in die Küche und schaute ich mir den Eimer meiner Frau, also meinen Ex-Eimer, genauer an. Er hatte, im Gegensatz zu unseren anderen Eimern, keinen Eisenbügel zum Tragen, sondern einen aus Plastik. Dies machte ihn in meinen Augen billig, aber nicht schön. Die – wie ich meine: fragwürdige – Ästhetik dieses Eimers bestand einzig und allein darin, dass er hellblau und transparent war. Das könnte gegebenenfalls bei der Überprüfung des Wasserstandes zu einer, sagen wir mal: mediterranen Anmutung führen. Ansonsten war dieser Eimer ein Eimer wie alle anderen auch. Langsam dämmerte mir, dass mir meine Frau nach all den Jahren doch noch in Vielem ein Rätsel war.

Und obwohl ich schon resignierend auf dem Weg in den Waschkeller war, schallte es mir noch vorwurfsvoll hinterher: „Und das Wasser ist auch ganz kalt!“

 

Kapitel 2: Sammeln am Strand.

Meine Frau geht gerne an den Strand. Voraussetzung: ein Urlaub am Meer. Ich gehe dann übrigens auch gerne an den Strand. Dies führt dazu, dass wir in der Regel zusammen an den Strand gehen. Beziehungsweise erst fahren, und dann gehen. Unsere Tochter, so sie denn mit in den Urlaub gefahren ist, kommt dann natürlich auch mit an den Strand. Bevor ich jetzt weiter erzähle, fasse ich kurz zusammen: Drei Menschen, ein Strand, viele Möglichkeiten. Meine Frau zum Beispiel geht gerne Sachen finden. Fetzen alter Fischernetze. Holzstücke. Gut erhaltene Austernsäcke. Es gibt übrigens ein Patent für den Verschluss von Austernsäcken, nachzulesen im AT Österreichisches Patentblatt 102. Jg./Nr. 4 April 2005. Dort findet man übrigens auch eines für „Vorrichtung und Zitzenbecher zum Melken von Tieren“. Doch zurück zum Austernsack. Der heißt auf Französisch „sac à huîtres“. Stellen Sie sich ein Fischernetz mit mittelkleinen Maschen aus stabilem Plastik vor, ziemlich steif und zu einem Sack zusammengebunden, wie eine riesige Einkaufstasche. Fertig ist der Austernsack. Darin befinden sich, wie der Name schon sagt, Austern. Diese Säcke mit ihren Austern liegen auf einer Art Tischen, die wiederum im Meer stehen, geflutet bei Flut, trocken bei Ebbe. Da wachsen dann die Austern, bis sie von Leuten wie mir gegessen werden. Die Austernzüchter in der Normandie, locker wie die meisten Franzosen, lassen ab und zu so einen Sack einfach am Strand liegen. Weil er kaputt ist, weil sie ihn vergessen haben oder weil sie meiner Frau eine Freude machen wollen. Und ich sage Ihnen: Die hat sich vielleicht gefreut, als sie diesen gut erhaltenen Austernsack fand. Leider sind solche Säcke immer leer. Höchstens leere Austernschalen befinden sich noch darin. Das finde ich natürlich schade. Doch glücklicherweise liegen an so einem Strand bei Ebbe auch noch intakte Austern herum. Ob die nun aus den Säcken ausgerissen sind oder natürlicherweise dort leben, weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Wenn ich so eine Auster finde, geht es ihr an die Schale. Messer raus, Spitze hinten ansetzen, vorsichtig die Auster öffnen, das Fleisch mit dem Messer lösen und guten Appetit. Meine Frau findet gerne Austern für mich, aber essen mag sie die nicht. Meine Tochter übrigens auch nicht. Die rennt dann immer kreischend davon. Komisches Kind. Ich habe ihr vorgeschlagen, sie könne ja für mich ein Stück Brot und ein Fläschchen Weißwein tragen, aber das hat sie kategorisch abgelehnt. Meine Frau auch. Und das, obwohl ich ihren blöden Austernsack den ganzen Strand rauf und runter geschleppt habe. Am Anfang war der ja noch leer. Doch dann füllte ihn meine Frau mit allerlei weiteren Fundstücken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Wer wissen will, was da am Ende alles drin war, kann gerne mal bei uns vorbei kommen und im Garten nach dem Zeug suchen. Dabei erzähle ich Ihnen dann gern, wie man sich fühlt als deutscher Tourist am ellenlangen und -breiten Normandiestrand, mit einem immer voller werdenden Austernsack, während bildhübsche Französinnen ihr „Schau mal, dieser alberne Arsch mit seinem Austernsack“ hinter einem her tuscheln.

 


Meine Frau kann – rückwärts! – einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 8: Das Dawillichnochdraustrinkenglas.

Frauen, das wird Ihnen jeder Mann bestätigen, hinterlassen ihre Spuren. Im Leben des Mannes, aber auch anderswo. Zum Beispiel bei uns zu Hause. Da hinterlässt meine Frau eine ganz eigene, um nicht zu sagen, eigenartige Spur: das „Dawillichnochdraustrinkenglas“. Für alle, die sich schwertun mit der deutschen Zusammenschreibrechtschreibung noch einmal: das „Da-will-ich-noch-draus-trinken-Glas“. Besser? Fein. Also weiter im Stück:

Meine Frau ist, wie die meisten Gesundheitsratgeber, der festen Überzeugung, dass der Mensch täglich Flüssigkeit in zweistelliger Litermenge in sich hineingießen müsse. Weil er sonst vertrocknet. Und sie natürlich auch. Also trinkt meine Frau regelmäßig Wasser. Aus einem Glas. Und da meine Frau viel im Haus unterwegs ist, mal hier, mal dort für kürzere oder längere Zeit zu tun hat, platziert sie an ihren wichtigsten Aufenthaltsorten ein Glas, aus dem sie trinkt. In der Regel verteilt sie so täglich an die drei Gläser im Haus. Sobald ich eines dieser Gläser sehe – oft ist es leer, oft noch halb voll –, will ich es wegräumen. (Ein Ordnungsdrang, den meine Frau gern anprangert.) Denn was soll das: ein Glas, einfach so, stundenlang rumstehend, irgendwo, irgendwie, mit nichts oder mit irgendwas drin, das auch schon nicht mehr richtig lecker aussieht, schon schmutzig, angelaufen? Ist das etwa schön? Also greife ich mir das Glas, nehme schon Kurs auf Küche und Spülmaschine, da ertönt der Ruf meiner Frau: „Halt, da will ich noch draus trinken!“

Natürlich versuche ich, dagegen anzuargumentieren. Spreche von Hygiene. Oder davon, dass ein solches Anlegen kleiner Feuchtbiotope im Innern eines Einfamilienhauses nicht artgerecht ist. Und mit Naturschutz nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Und was macht meine Frau? Geht in die Küche, schnappt sich eine Flasche Wasser, holt ein frisches Glas aus dem Schrank und sagt: „Ich geh jetzt nach oben.“


Meine Frau kann – rückwärts!– einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 7: Maschase-Praxis.

Meine Frau hat manchmal Verspannungen. Dann sagt sie gern: „Hmm, jetzt eine Maschase.“ Meine Frau sagt „Maschase“, obwohl sie natürlich „Massage“ meint und „Massage“ auch fehlerfrei sprechen kann. Meine Frau verdreht nur gern Worte. Sie sagt auch „Frisöse“ und nicht ‚“Friteuse“, aber ich verstehe sie trotzdem. Allerdings, als unsere Tochter letztens meinte, dass heiße jetzt nach neuer deutscher Rechtschreibung „Frisörin“, da war ich doch etwas verwirrt.

Jedenfalls: Immer, wenn meine Frau „Hmm, jetzt eine Maschase.“ sagt, schaut sie mich traurig an, fügt noch ein „Aber du willst ja nicht.“ hinzu, um schließlich im finalen Quittungsschuss der Frau-Mann-Beziehung zu kulminieren: „Du hast mich eben nicht mehr lieb genug.“ Diesem Vorwurf spontan zu widersprechen, ist zwar naheliegend, wäre aber fatal.

Dies würde nämlich die Warummassierstdumichdanntrotzdemnichtdiskussion auslösen. Einmal habe ich es mit dem Vorschlag versucht, eine junge Vietnamesin als Hausmasseurin einzustellen. Das war auch keine gute Idee. Wobei ich nicht genau verstanden habe, was meine Frau jetzt ausgerechnet gegen Vietnamesinnen hat. Aber ich hatte auch keine Lust, bei uns eine Rassismusdebatte loszutreten. Stattdessen kam mir eine geniale Idee: Ich massiere meine Frau, während ich im Fernsehen Fußball gucke. Habe ich ihr gleich vorgeschlagen.

Seitdem erzählt mir meine Frau keine Verspannungen mehr. Schade eigentlich.

 

 


Das Gleichnis von den sechs Ingenieuren

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Das Gleichnis von den sechs Ingenieuren

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Es waren einmal sechs Ingenieure. Sie praktizierten alle sechs in einer kleinen Stadt. Diese kleine Stadt lag am Fuße einer mächtigen Staumauer, die vor sehr, sehr langer Zeit erbaut worden war, man wusste nicht mehr, von wem. Die Einwohner der Stadt profitierten seit Generationen von der Staumauer und dem dahinter liegenden großen See: Strom, Wasser, Freizeitvergnügen aller Art. Partys an den Ufern, Riesenevents auf der Staumauer, Tanz, Konzerte, alles, was ging – immer öfter, immer mehr. Einer der sechs Ingenieure warnte jahrzehntelang davor, es mit der Benutzung und Belastung der Staumauer nicht zu übertreiben. Erklärte die Gefahren und ihre Ursachen. Machte immer wieder Vorschläge, wie man es besser machen könnte. Den anderen fünf Ingenieuren (und den meisten Menschen in der Stadt) ging das mehr oder weniger am Arsch vorbei. Dann, eines Tages, tauchte der erste Riss in der Staumauer auf. Und allmählich wurden die Risse zahlreicher – und größer. Und plötzlich ging den meisten Bewohnern der Arsch mehr oder weniger auf Grundeis.

Und für alle stand eine Frage im Raum: Welcher der sechs Ingenieure kann uns jetzt am besten helfen?


Meine Frau kann – rückwärts!– einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 6: Die Nudeln sind kalt.

Falls ich es noch nicht erwähnt habe, sage ich es jetzt: Bei uns zu Hause bin ich der Koch. Und zwar nicht von der Art Ehemannfreizeitkoch, der nach Schaffung eines mehrgängigen, stark präpositionslastigen Menüs in der Küche ein Schlachtfeld hinterlässt.

Nein: Ich koche täglich, nach der Arbeit, das früher familiäre und jetzt eheliche Abendessen. Und die Küche bleibt sauber. Und meist ist Frau (und war Tochter) glücklich. Und ich auch. Jedoch: Ein Problem trübt die Idylle. Das Problem ist ein Satz. Den Satz sagt – wer sonst? – meine Frau. Der Satz lautet: „Die Nudeln sind kalt.“ Dann könnte ich jedes Mal ausrasten.

Denn die Nudeln sind nur deshalb nur noch warm – und ich sage bewusst warm und nicht kalt, denn der Begriff „kalt“ ist eine böse, üble Übertreibung meiner Frau –, also nur deshalb nur noch warm, weil meine Frau wünscht, dass Nudeln und Soße g-e-t-r-e-n-n-t serviert werden. Das heißt konkret: Zwischen dem letzten Kontakt mit dem heißen Topf und dem ersten Kontakt mit dem Mund meiner Frau verbringen die Nudeln eine gewisse Zeit in einer temperatursenkenden Umgebung. Sie liegen quasi draußen – auf einem kalten Teller. Und Nudeln halten die Hitze nun mal nicht besonders gut. Vor allem nicht, wenn sie auf einem kalten Teller auf die heiße Soße warten müssen!

Und da ich nun mal erst die Nudeln und dann erst die Soße servieren darf, und meine Frau nicht wartet, bis dass die heiße Soße die warmen (warmen!) Nudeln wieder auf eine höhere Temperatur gebracht hat, sondern sich direkt über die kalttellerbedingt nur noch warmen Nudeln hermacht, kommt es Nudelgericht für Nudelgericht zu dem klagenden, um nicht zu sagen: anklagenden Ausspruch, den ich wegen seiner sachlichen Ungenauigkeit nicht noch einmal wiederholen möchte.


Meine Frau kann – rückwärts! – einparken. (Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 5: Grünes Programm.

„Grünes Programm“ ist ein medialer Fachbegriff, den meine Frau
 erfunden hat. „Grünes Programm!“ ruft meine Frau jedes Mal, wenn 
ich im Fernsehen Fußball gucke. Sie ruft es also mindestens einmal
 pro Woche, immer wieder samstags, wenn die Sportschau läuft. Sie
 ruft es auch alle 14 Tage, dienstags, mittwochs oder donnerstags,
wobei man die drei „oder“ auch durch drei „und“ ersetzen kann. Das
 hängt davon ab, wer in welchem europäischen Wettbewerb gerade 
spielt. Weitere, unregelmäßigere Anlässe für ein „Grünes
 Programm!“-Rufen sind Länderspiele und die Spiele im DFB-Pokal. Und die diversen EMs und WMs.
Das ist soweit so gut. Ich habe mich längst daran gewöhnt, dass
 meine Frau das immer ruft. Einerseits. Andererseits: Dass sie das
 aber immer noch ruft, nach all den Jahren, zeigt, dass sie sich immer
 noch nicht daran gewöhnt hat. Und das finde ich, ehrlich gesagt, ein 
bisschen schade. Vor allem, weil meine Frau nicht konsequent ist in 
ihren medialen Begrifflichkeiten. Golf zum Beispiel ist kein „Grünes 
Programm“, sondern Golf. Schwimmen ist Schwimmen, und beileibe 
kein „Nasses Programm“. Dabei ist meine Frau immer für eine 
Überraschung gut: Einmal, bei irgendeiner Tennis-Open – es spielten 
zwei Damen, die ich hier lieber nicht nenne – meinte sie am Telefon zu unserer 
Tochter: „Dein Vater schaut wieder knackigen, leicht bekleideten
 Frauen beim Stöhnen zu.“
Ja, was sollte ich denn sonst machen, mitten in der Bundesliga-
Winterpause?