Mai 2021

Meine Frau kann – rückwärts!– einparken.

(Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Geständnis 3: In der Heimwerkerabteilung.

Manchmal nimmt mich meine Frau mit, wenn sie in den Baumarkt geht, in die Heimwerkerabteilung. Heimwerkerabteilungen machen mir Angst. Irgendwie. Besonders die Bohrmaschinen. Was da so losgeht auf den leichtesten Fingerdruck, das Geräusch, die Vibration, der stahlige Bohrer, ach nein, irgendwie nichts für mich. Das heißt, wenn ich ein paar Mal drauf gedrückt habe, macht es schon Spaß. So eine Bohrmaschine hat für mich was von einem Colt. Sie wissen schon, der Sechsschüsser aus den Western, schwer im Halfter liegend dräut er rechts oder links unter der locker herab hängenden Schusshand. Es soll tausende von Handys geben, die ähnlich getragen werden. Naja, bevor ich den ultimativen Clint Eastwood gebe, nimmt mir meine Frau die Bohrmaschine wieder aus der Hand.

Dann kommt der Verkäufer. Ein typischer Vertreter aus der Zunft der Baumarktheimwerkerabteilungsfachverkäufer. Langweilig gekleidet, mit einer Ausdünstung, die knapp am Ungepflegtsein vorbei schrammt. Eine Mischung aus kaltem Zigarettenqualm, schlecht verdunstetem Schweiß und einem Rasierwasser, das den Begriff Eau de Toilette gründlich missverstanden hat.

Zielstrebig kommt dieser Mensch auf mich zu – mich! – und fängt an zu erzählen. Watt, Volt, Umdrehung, Schlagbohrer, automatische Umschaltelektronik… Halt! Ich hebe die Hand. Dann das Geständnis: „Erklären Sie das bitte meiner Frau. Die ist bei uns der Handwerker. Ich habe keine Ahnung.“ Staunen, Lächeln (etwas herablassend, oder nur irritiert?). Dann das ganze nochmal in Frau. Das geht zwei Minuten gut. Zu Beginn der dritten Erklärungsminute redet der gute Mann wieder auf mich ein. Ich sage: siehe oben. Reaktion des Baumarkters: siehe oben.

Am Ende hatte der Verkäufer alles mindestens zweimal erklärt. Wir hatten alles mindestens zweimal gehört. Und ich hatte immer noch nichts kapiert. Meine Frau hat sich dann einmal gezielt entschieden und gekauft. Dann fuhren wir nach Hause. Mit der Bohrmaschine. Und die Angst fuhr mit. Irgendwie.


April 2021

Meine Frau kann – rückwärts!– einparken.

(Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

 

Geständnis 2: Das Beifahrerpflaster.

Meine Frau kann gut Auto fahren. Sehr gut sogar. Es ist eine wahre Freude, meine Frau Auto fahren zu sehen. Auch von außen. Es gibt ja Frauen, die sehen einfach attraktiv aus in einem Automobil. Meine Frau ist so ein Typ. Ich könnte meiner Frau stundenlang von außen beim Autofahren zusehen.

Meist sehe ich ihr aber von innen zu. Und da würde ich mir oft wünschen, dass meine Frau früher rauf schaltet. Also in den nächst höheren Gang. Das spart Sprit, weil dann führe sie untertourig. Sag ich auch immer. Aber was macht sie? 60 Sachen im 3. Gang! Ich sag dann: „Hallo? Startbahn West?“

Außerdem: Wenn meine Frau früher schaltete, würde sie viel gelassener dahingleiten. Da hätte sie mehr Zeit zum Schauen und natürlich führe sie dann auch viel vorausschauender. Wie der Walther Röhrl. Der ist früher Rallyes gefahren. Danach schrieb er lange Zeit – ich nehme an, aus Reue – meine Lieblingskolumne in der ADAC Mitgliederzeitung. Und fast jedes Mal schrieb er da, dass wir – also auch meine Frau und ich – vorausschauend Auto fahren sollen.

Ich sage meiner Frau deshalb immer: Sei doch mal ein bisschen so wie der Walther Röhrl. Vorausschauend. Aber nein, da fährt meine Frau noch hunderte von Metern auf einer Spur, obwohl schon vor 200 Metern ein Schild gesagt hat: „Achtung! Diese Spur ist gleich zu Ende. Bitte auf die andere Spur wechseln!“ Oder meine Frau wechselt viel, aber dann wirklich viel zu früh die Fahrspur. Also fast schon, bevor sie das Schild überhaupt sieht. Ich sag dann immer: „Hey, du hast noch zighundert Meter Zeit. Lass die Hektik aus dem Verkehr, das sagt auch der Walther Röhrl.“

Außerdem fährt meine Frau viel, also wirklich viel zu langsam und unentschlossen von der Beschleunigungsspur auf die Autobahn. Ich sag dann immer „Nun gib doch mal Gummi, gleich landen wir auf dem Standstreifen.“ Noch schlimmer ist das Beschleunigen beim Überholen. Jeder Überholvorgang wird bei meiner Frau viel, aber wirklich viel zu zögerlich angegangen. Da ist kein Punch, kein Kickdown, kein Wille zum Sieg! Ich sag dann immer: „Denk doch mal bitte an den Walther Röhrl: Zügig überholen. Züüüüüüüü-gig!“

Irgendwann ist meine Frau mit mir zu einer Apotheke gefahren. „Kommst du mit rein?“, hat sie gefragt. „Klar“, hab ich gesagt. In der Apotheke hat meine Frau dann die Apothekerin gefragt: „Haben Sie Beifahrerpflaster?“.

Frauen sind echt undankbar.

 

 

Klassik für Fortgeschrittene oder: Ein Tag der ernsten Musik.

1. Allegro vivace.

Wieder einmal stand Mendels Sohn wie Waldi im Beet Hovens auf dem Griegsfuß mit dem Fischer aus Dieskau. „Gib mir sofort meinen Schuh, Mann!“, rief er zornig und warf voller Liszt einen Bernstein in den Bach. Es machte „Gluck“, und er hatte einen Haydnspaß. „So was kriegen selbst die Maler von Moz Art nicht gehändelt“, meinte er und lief den Schönberg hinab nach Stockhausen. Unterwegs kaufte er noch einen schönen Strauß, weil er die Mutter von Karl-Maria, dem einzigen Weber im Ort, zum Essen bei Rossini einladen wollte. Damit hatte er den Nigel auf den Kopf getroffen. „Helf Gott!“, rief die Mutter, „kenn i di? Egal, erst mal einen Chopin Wein! Wer die Mutter nicht ehrt, geigt im Leben verkehrt. Komm’ also flugs in meinen Karajan, da ziehen wir das Gewand aus und machen unser eigenes Orchester. Oho, ich sehe, du hast den Bogen raus…“

2. Allegretto.

Einige Takte später – Mendels Sohn war völlig cello, aber quietschfidelio eingeschlafen – spielte die Mutter mit ihrer Carrerasbahn, als ihr plötzlich ein Gedanke kam: „Heute ist doch Domingo,“ dachte sie, „da haben alle prey, da geh’ ich doch lieber mit Otello ins Moor und stech’ ein bißchen Orff. Und nachher essen wir bei Placido noch ein paar Varotti.“ Am liebsten hätte sie ihre Schwester Carmina mitgenommen, doch die litt an einer verschleppten Burana.
Dieses Leiden hatte sie sich auf Lohengrins Nachen zugezogen, als sie gerade das Brahmssegel setzte, um bei Reuth noch pünktlich Anker zu werfen. Eigentlich sollte es ja in die Neue Welt gehen, aber ihr Mann Richard hatte sie dann so trist angesehen, dass sie zu ihm sprach:
„Liebster, du hast mich nie belungen, das ist wahr. Lass’ uns nach Nürnberg gehn’, zum Meister Sänger, dem Bruder von Eva Rienzi. Der hat eine Zauberflöte, auf der will ich dir blasen, dass du aus deiner Götterdämmerung erwachst. Dann bauen wir mit dem ganzen Rheingold an der Mosel aus Tannhäusern eine Feriensiedlung und vermieten sie an fliegende Holländer.“
„Quatsch keine Opern,“ zürnte Richard, „ich will nach Sevilla, da gibt es einen Barbier, der macht in seinem Laden die besten Cosi fan tutte der Welt.“ „Die besten gibt’s bei Don Giovanni,“ schwärmte Carmina, „mit ganz viel Papageno drauf, köstlich. Übrigens,“ fügte sie schnippisch hinzu, „Samson und Delilah gehen da auch immer hin.“ „Ja, ja, ich weiß,“ giftete Richard zurück, „und deine lieben Freundinnen Tosca und Aida höchstwahrscheinlich auch.“ „Also bitte, Richard, nicht wieder diese Arie!“

Daraufhin hatte Richard begonnen, nervös mit einem Nussknacker zu spielen, den er am Ufer des Schwanensees gefunden hatte. „Richard,“ sagte seine Frau leise und schüttelte traurig den Kopf, „Ach Richard, lass es doch, du hast es einfach vergeigt.“

3. Andante.

Von diesen eintönigen Erinnerungen dirigiert, machte die Mutter den ganzen Nachmittag den Faun, während Mendels Sohn längst nach Bucco unterwegs war, weil dort um 20 Uhr Zarathustra „Also“ sprach. Carmina, ihre Schwester, traf sich derweil am Offenbach mit Jacques, der sie einst aus dem Serail entführt hatte. Jetzt behauptete er allerdings schon seit Monaten, er sei in Wirklichkeit ein Zar und Zimmermann. Aber da war er gewaltig auf dem Holstweg.

Der Tag schloss mit einem Paukenschlag. Die Mutter saß zu Hause und plante schon die nächste Party-Tour, als sie vor lauter Freude Götterfunken schlug und unvollendet den Feuervogel gab.

 


März 2021

Meine Frau kann – rückwärts!– einparken.

(Acht Geständnisse aus einer geglückten Ehe.)

Klarstellung.

Meine Frau kann einparken. Und zwar nicht nur vorwärts, wie es die meisten Frauen und Männer können. Wenn ich vorwärts einparken sage, meine ich: vorwärts in eine Parkbucht auf dem Parkplatz oder im Parkhaus oder vorwärts in die Garage. Ich meine nicht: vorwärts in eine seitliche Parklücke auf der Straße. Vorwärts in eine seitliche Lücke einparken ist für mich gar kein Einparken. Das ist ein Bordstein schrappendes, hilfloses, Menschen und oft auch vorbei kommende Fahrradfahrer verachtendes Herumgewürge. Das würde meine Frau nie tun, denn sie weiß, da muss man rückwärts rein. Wobei es sehr unterhaltsam sein kann, dabei zuzusehen, wie jemand vorwärts in eine seitliche Parklücke auf der Straße einparkt. Das ist aber dann nicht meine Frau. Das ist dann eher noch ein Mann. Oder ein Frührentner.

Um es noch einmal klar zu sagen: Vorwärts in eine seitliche Parklücke einparken ist so ziemlich das Allerletzte, fast schon ein Verstoß gegen die Genfer Konvention.

Vorwärts in eine Parkplatz- oder Parkhauslücke einparken ist meist der Hinweis auf eine Person am Steuer, die sich zwar vorstellen kann, wie schwierig es ist, rückwärts in die besagte Lücke einzuparken, deren Phantasie aber komplett abschmiert, wenn es daraum geht, die Probleme zu antizipieren, die man bekommt, wenn man rückwärts aus einer Parklücke rausfahren will.

Meine Frau jedenfalls fährt in alles rückwärts rein. Garage, Parkbucht, Parklücke. Perfekt. Und zack – wieder raus. Und falls sie doch mal vorwärts eingeparkt hat – so wie meine Frau rückwärts fährt, kommt sie auch da wieder raus. Ruckzuck. Und das bei dem Verkehr.

Geständnis 1: Haufenbildung.

„Von meiner Frau hat unsere Tochter die Haufenbildungsgene. Von mir dagegen hat sie einen Haufen Bildungsgene.“ Mit diesem kleinen, bescheidenen Wortspiel pflege ich in der Regel meine Auslassungen über den Ordnungssinn meiner Frau einzuleiten. Um dann fortzufahren:

Meine Frau ist ein ordentlicher Mensch. Kann man so sagen. Bis auf die Haufenbildung. Wobei meine Frau der Meinung ist, gerade diese Haufenbildung sei der perfekte Ausdruck ihrer Ordnungsliebe. Denn anstatt die Dinge – ihre Dinge! – überall im Hause zu verstreuen, würden sie in einigen wenigen Haufen konzentriert. (Wobei: Verstreuen kann meine Frau auch; siehe hierzu Geständnis 8, „Das Dawillichnochdraustrinkenglas“.) Jedenfalls ist es immer die gleiche Geschichte: Meine Frau hält sich, warum auch immer, und oft auch aus gutem Grund, für eine gewisse Zeit regelmäßig am selben Ort auf. In Nullkommanix entsteht an diesem Ort ein Haufen, bestehend aus allen möglichen Dingen, die meine Frau als unabdingbar bezeichnet für ihren angenehmen Aufenthalt an besagtem Ort. Meine Frau unterscheidet dabei zwischen zwei Haufenarten: dem Themenhaufen und dem ortsgebundenen Haufen. Zu den Themenhaufen zählen: Umziehhaufen, Malhaufen, Bastelhaufen, Handwerkshaufen u.ä. Typische ortsgebundene Haufen sind: Badhaufen, Betthaufen, Wohnzimmerhaufen, Gartenhaufen. Themenhaufen und ortsgebundene Haufen lassen sich beliebig miteinander kombinieren. Da ist meine Frau sehr kreativ.

Prinzipiell gibt es drei Haufenzustände: entstehender Haufen (der einzige, bei dem ich noch eine gewisse Chance habe), zunehmender Haufen, Wanderhaufen. Einen weiteren gibt es quasi virtuell: den abnehmenden Haufen. Der existiert vor allem in der Vorstellung meiner Frau. Ich bin allerdings der Meinung, dass es sich bei einem von meiner Frau als „abnehmend“ bezeichneten Haufen im Grunde um eine Variante des Wanderhaufens handelt, die ich als Übergangshaufen bezeichne. Der echte Wanderhaufen wandert als Ganzes; in der Variante Übergangshaufen nimmt ein Haufen an einer Stelle ab, während gleichzeitig woanders aus dem abgenommenen Material ein neuer entsteht.

Zum Schluss noch ein ganz besonders seltenes Exemplar: der verschwundene Haufen. Den bekommt man so gut wie nie zu Gesicht. Meine Frau behauptet dennoch unbeirrt, dass es ihn gibt. Dass sie auch dafür einen Haufen Argumente hat, versteht sich von selbst.

 


Die kleine Ahnung

(Ein wissenschaftlicher Bericht)

Es gibt, irgendwo an der deutschsprachigen Meeresküste, eine Insel, die mit einer sehr schmalen Landzunge mit dem Festland verbunden ist. Sie ist also eigentlich eine Halbinsel. Die Kleine Ahnung hat es bis heute geschafft, von den Geografen und Kartografen und Landbaronen nicht entdeckt worden zu sein. Deshalb konnte sich auf der Kleinen Ahnung eine Zivilisation entwickeln, die weltweit ihresgleichen sucht.

Die Menschen, die Die Kleine Ahnung bevölkern, wohnen in Orten, die da heißen: Weissenoch, Willsedenn, Weissenich, Kannerdoch, Hassemal, Willernich, Kommsemal, Abersonst, Sonstnoch, Kleinlaut, Großlaut, Mittellaut, Widersinn, Lernreich, Dachtesie oder Wusstichnich.

So weit der aktuelle Stand der Forschung.


Schmuddel und Hügiäne

(Eine Legende aus der Zukunft.)

Schmuddel und Hügiäne waren die einzigen Überlebenden einer globalen Katastrophe, in Gang gesetzt von den vereinigten zornigen Göttern der Welt, um die Menschheit endgültig zu bestrafen für alle ihre Untaten.

Aber, wie gesagt, zwei blieben übrig. Ein Mann: Schmuddel. Eine Frau: Hügiäne. Zu zweit und schrecklich allein. Und sehr, sehr traurig. Da erbarmten sich die Götter und beschlossen, der Menschheit eine zweite Chance zu geben. Alles auf Anfang. Neustart. Menschheit 2.0. Also sandten sie einen Boten: Meister Propper.

Meister Propper sprach folgendermaßen zu Schmuddel und Hügiäne:

– Seht ihr dort die vielen Spülschwämmchen liegen? Geht hin, lest sie auf und werft sie hinter euch. Aber dreht euch nicht um dabei!

Schmuddel und Hügiäne taten, wie ihnen geheißen. Sie lasen alle Spülschwämmchen auf, warfen sie hinter sich und drehten sich nicht um dabei. Kein einziges Mal.

Die Spülschwämmchen, die mit der rauen Seite nach oben landeten, wurden zu Männern. Die Spülschwämmchen, die mit der weichen Seite nach oben landeten, wurden zu Frauen. So entstand eine neue Menschheit.

Schmuddel und Hügiäne jedoch verschwanden noch am selben auf Nimmerwiedersehen im Hauptwaschgang.