Als der Weiße Riese noch klein war…

als der weiße riese noch klein war
als die wäsche nicht nur sauber sondern rein war
als unsere welt noch scheinbar
funktionierte

da gab es keine zweifel
da gab es formel 1 in der eifel
da gab es unbegrenztes immer mehr
und die autos waren groß und schwer
und sind es immer noch

als der weiße wirbelwind durchs haus fegte
als sich glanz auf alle möbel legte
als man man sich über vieles noch nicht aufregte
hätte man besser mal

doch die autobahnen wurden immer breiter
und die reisen führten immer weiter
und der himmel wurde immer voller
und wir trieben es noch immer toller
wohin treiben wir

als die ganze weiße welt noch groß war
als das ganze machen machen machen einfach nur famos war
als wir einander zunehmend unnahbar
wie stehen wir nun heute da

winzlinge im größenwahn
mit perfektem selbstvernichtungsplan
die menetekel an der zukunft weißer wand
stammen nicht von geisterhand
wir schreiben selbst

als der weiße riese noch klein war
als unser gewissen noch gut und rein war
als alles noch mit allem vereinbar

waren wir es schon längst nicht mehr

 

Don’t read my diary when I’m gone. OK, I’m going to work now. When you wake up this morning, please read my diary. Look through my things, and figure me out. (Kurt Cobain: Journals)
Lust auf regelmäßige Updates oder Infos? Dann bitte schriftliche Bestätigung per Mail an ke@kurteimers.de

Infrastrukturnotiz

unter allen straßen
kanäle labyrinthe
ungesehenes überlebenswichtiges
zivilisationsgedärm

kabel rohre leitungen
wasser gas und strom
i – n – t- e – r – n – e – t
und sehr sehr viel fäkalien

es mäandert im verborgenen
es zischt es summt es rauscht
ab und zu ein blubbern und ein platschen
wie aus einer anderen welt

doch manchmal fällt brutal ein licht
in als dies warme dunkel
dann reißt der mensch das alles auf

staunend stehe ich am grubenrand
und schreibe heimlich mit

 

 

Blindes Glück

herzlichen dank! sagte
der mann mit den drei punkten
und dem weißen stock
als ich an der ampel
neben ihm losfahrend
es ist grün! rief
er konnte mein lächeln danach
nicht sehen
schade eigentlich

 

 

 

Die Wölfe
(Eine Ballade)

grau und struppig ist ihr pelz
bernsteinaugen brennen löcher in die nacht
In schnellem trott geht‘s über sand und fels
jeder tritt geschmeidig, wohlbedacht

auf achtzig leisen pfoten jagt das rudel durch den wald
der schwarz und drohend nackte arme in den himmel reckt
der wind bläst eisig und die luft wird kalt
als langgezogenes heulen längst vergessene ängste weckt

die große, alte wölfin, die das rudel führt
und die den menschen hasst und fürchtet wie die pest
sie hat das loch im zaun des schäfers aufgespürt
und gibt den ihren heute nacht ein blutig-schönes fest

als endlich dann im dorf die fackeln brennen
ein andres rudel wütend nach vergeltung schreit
hilft alles suchen nicht und alles rennen
der himmel was parteiisch, das land ist tief verschneit

 

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Mag sein, aber ohne Worte wüsste das keine Mensch.

Ich würde gerne mehr Gedanken produzieren, jedoch, meine Lieferkette ist unterbrochen.

Wenn man alles täte, was man könnte – man käme zu nichts mehr.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Mag sein, aber ohne Worte wüsste das keine Mensch.

Versetz dich doch bitte mal in meinen Kopf! – Geht nicht, ich habe Angst vor leeren Räumen.

Fußballweisheit: Es geht nicht darum, den Ball als Erster zu haben. Sondern als Letzter.

 

 

> Zu Kapitel 12 bitte scrollen.
– sowas wie ein Märchen –

ERSTER TEIL

Kapitel 1: Wie alles begann

Eigentlich hätte Papa das hier aufschreiben sollen. Alles. Aber er meinte, wenn ich schon das Bild gemalt habe, das mit den kleinen Mönchen, das ihr auf dem Titel dieses Buches seht, dann, meinte Papa, könnte ich auch die ganze Geschichte erzählen.

Da sitz ich also jetzt bei uns zu Hause, oben unterm Dach im Atelier, das sich Mama, Papa und ich teilen. Wobei Mama am wenigsten teilt. Sie braucht nämlich den meisten Platz. Für ihre Bilder, Basteleien, Installationen, Illustrationen und ihren Grafikcomputer. Für ihre Bücher, Materialien und jede Menge anderen schrecklich wichtigen Kram.

Im Atelier ist es also fast so gemütlich wie in meinem Zimmer. Bis auf die Ecke von Papa. Die ist immer schrecklich aufgeräumt. Die ist aber auch ziemlich klein. Und sehr wichtig, denn da steht sein Computer. Und an dem schreib ich gerade. Wenn ich nicht an ihm schreibe oder surfe oder spiele, dann streite ich mich mit Papa um ihn. Denn Papa meint, sein Computer sei zuerst mal für ihn da. Weil Mama ja ihren eigenen Computer hat. Aber Papa hat ja schon einen Computer im Büro, da kann er den bei uns ruhig mir überlassen.

Ich sitze jetzt also bei uns zu Hause, in unserem kleinen Reihenendhaus. Da wohnen wir jetzt schon seit vier Jahren. Aber hier hat das gar nicht angefangen, das mit den kleinen Mönchen. Das liegt viel weiter zurück. In der Zeit, als wir noch in der großen Stadt wohnten. In einer schönen Altbauwohnung, nach hinten raus mit Blick auf ein Straßenbahndepot. Ein Straßenbahndepot ist ein Ort, an dem die Straßenbahnen schlafen, wenn sie abends müde sind vom vielen Herumfahren. Busse dürfen da auch schlafen, haben aber sonst nix zu melden.

Als wir die schöne, große Altbauwohnung auf der ersten Etage bezogen, war ich fünf. In den ersten Wochen nach dem Einzug kam es mir vor, als würde ich die Wohnung jeden Tag zum ersten Mal betreten. Immer gab es etwas Neues zu entdecken – es wurde ja auch noch rumgeräumt, und die Möbel wurden mal hier-, mal dorthin gestellt. An einem dieser Entdeckungstage – es war ein Sonntag, kurz nach dem Frühstück – sah ich zum ersten Mal in Ruhe aus dem Küchenfenster:
– Mama, was sind das da für Dinger auf dem Haus?
Ich sagte „Haus“, weil ich Straßenbahndepot noch nicht richtig sagen konnte. Hinten raus, aus unserem Küchenfenster, blickten wir genau drauf. Die drei „Dinger“ waren auf dem Dach von dem Straßenbahndepot und sahen komisch aus. Vor allem passten sie überhaupt nicht auf das Dach von so einem Straßenbahndepot.

Wie so oft, wenn ich Mama etwas frage, meinte Papa auch dieses Mal, er müsse mir die Welt erklären. Wichtig trat er ans Fenster und schaute kurz hinaus, um dann zu verkünden:
– Das sind Tempel. Da wohnen die kleinen Mönche!
Ich war begeistert. Das roch nach einer der Geschichten von Papa, bei denen Mama am Ende immer sagt, sie werde sich scheiden lassen, wenn er das nicht aufschreibt. Bis jetzt ist sie aber immer noch da, und Papa hat vorsichtshalber auch schon mal mit dem Aufschreiben der einen oder anderen Geschichte angefangen. Nur nicht bei dieser Geschichte. Die bleibt an mir hängen.

Jetzt sah auch Mama aus dem Küchenfenster.
– Stimmt, sagte sie, sieht ein bisschen so aus wie Pagoden.
– Was sind Padogen?, fragte ich.
– Pagode ist die europäische Bezeichnung für die turmartigen Gebäude der buddhistischen Baukunst in China, Korea, Japan und Hinterindien. Die Pagode ist ein buddhistisches Reliquiar wie der indische Stupa, jedoch in ihrer architektonischen Gestalt nur begrenzt von indischen Vorbildern abzuleiten. Die chinesische Pagode ist ein auf quadratischem, polygonalem, auch rundem Grundriss aus Stein, Backstein, Holz, auch Eisen oder Bronze errichteter Turm von 7 bis 13 Stockwerken, alle mit eigenem Vordach.
Ich sah meinen Vater fassungslos an. Er hielt mir ein dickes Buch unter die Nase und zeigte auf ein Foto:
– Siehst du, so sehen die in Groß aus.
– Das da auf dem Dach sind trotzdem keine Tempel, beruhigte mich Mama, die sehen nur so aus. Und drinnen wohnen auch keine kleinen Mönche, das hat dein Vater mal wieder nur erfunden.

Ich sah hinaus. Diese Dachdinger sollten also Tempel sein. Oder auch nicht. Sie hatten eine ganz andere Farbe als der Tempel auf dem Foto in Papas dickem Buch. Der war so rotbraun. Die da auf dem Dach waren hellblau. Sonst sahen sie schon so aus wie der Tempel in dem dicken Buch. Nur viel kleiner. Ich überlegte: Kleine hellblaue Tempel auf dem Dach vom Straßenbahndepot mitten in der großen Stadt, in denen kleine Mönche wohnen. Über den schlafenden Straßenbahnen. Mama machte ihr Soeinquatschgesicht. Papa räumte das dicke Buch wieder weg. Dann tat ich etwas für die Zukunft sehr Entscheidendes: Ich beschloss, die Geschichte zu glauben. Und genau in diesem Augenblick huschten die kleinen Mönche in unser Leben.

 

Kapitel 2: Begegnung in der Nacht

Aber erst musste noch ein ganzer Tag vergehen und eine halbe Nacht. Dann wachte ich plötzlich auf. Ich hatte irgendwas gehört. Wie ein ganz leises Zwitschern von superkleinen Vögeln. Ich riss die Augen auf, so weit ich konnte. Es war nicht ganz dunkel in meinem Zimmer, denn der Schein der Straßenlaterne warf ein wackeliges Licht durchs Fenster. Vom Bettrand aus durchforschte ich mit Adlerblick das Zimmer. Und da sah ich sie: Drei winzige, dunkle Gestalten standen auf dem schwarzen Teppichboden vor meinem Bett. (Wir hatten in der ganzen Wohnung, bis auf Küche und Bad, schwarzen Teppichboden und viele Leute wunderten sich, dass wir immer so fröhlich dabei waren.) Also: Da standen drei Männlein vor meinem Bett. Jedes etwa so groß wie ein Menschärgeredichnicht-nüppi. Und als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass sie mir zuwinkten. Verflixt, wo hatte ich bloß Mamas alte Lupe hingelegt? Die hatte ich ihr gemopst, um mir die Ameisen auf dem Balkon genauer anzuschauen. Richtig, ich hatte sie unter dem Kopfkissen versteckt. Vorsichtig beugte ich mich über die Winzlinge und sah durch das dicke, runde Glas. Oups! Die sahen aber komisch aus. Wie kleine Japaner mit Glatze. Und alle waren in so dunkelrote, dunkelbraune oder schwarze Tücher gewickelt. Die hatte ich doch schon mal irgendwo gesehen. Richtig: In Papas dickem Buch mit den Pagoden. Da waren auf den Fotos auch solche komischen Japaner zu sehen. Moment mal! Mama hatte gesagt, dass die hellblauen Tempel auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen aussahen wie Pagoden. Und Papa hatte gesagt, dass in den Tempeln auf dem Dach kleine Mönche wohnten. Wenn diese Winzlinge da also aussahen wie die Japaner vor den Pagoden in Papas dickem Buch, die Pagoden aber als hellblaue Tempel auch auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen standen, dann, ja dann mussten diese freundlich winkenden kleinen, glatzköpfigen Japaner… die kleinen Mönche sein! Wo sollten sie auch sonst herkommen. In der ganzen Wohnung gab es, soweit ich wusste, keine einzige Pagode.

Leises Zwitschern riss mich aus meinen Überlegungen. Ich sah wieder durch die Lupe. Alle drei Mönche lächelten freundlich und verneigten sich tief. Ich hielt den Atem an, aus Angst, sie beim Ausatmen weg zu pusten. Die drei verneigten sich noch einmal, zwitscherten wieder irgendwas, das sehr nett klang und flitzten hastenichgesehen aus meinem Zimmer, durch die angelehnte Tür in den Flur. Lautlos, versteht sich. Ich hinterher. Gerade noch sehe ich sie in die Küche einbiegen. Als ich durch die Küchentür komme, klettern die kleinen Mönche durch das schräg gestellte Fenster nach draußen. Als ich das Fenster erreiche, sind sie weg.

Ich war damals noch zu klein, um unser riesengroßes Küchenfenster allein öffnen zu können. Also drückte ich die Nase an die Scheibe und starrte hinaus in die Nacht, in den Garten und hinüber zum Dach des Straßenbahndepots. Plötzlich sah ich auf dem Dach einen kleinen Lichtschein, der sich auf die Tempel zu bewegte, deren Umrisse so gerade noch zu erkennen waren. Dann löste sich plötzlich ein zweiter, noch kleinerer Lichtschein vom ersten und bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Was war das jetzt? Ich hatte nur noch Augen für dieses kleine, schwache Licht, das sich vom Dach runter bewegte und durch den Garten glitt, immer näher aufs Haus zu. Da kam was zu mir zurück. Plötzlich war es verschwunden. Ich sah wieder zu den Tempeln hinüber. Da war jetzt alles dunkel. Enttäuscht wollte ich gerade zurück ins Bett, da tauchte der kleine Lichtschein draußen auf dem Fensterbrett vor mir wieder auf. Gut, dass ich die Lupe noch in der Hand hatte. Hingehalten, durchgeschaut: ein kleiner Mönch! Er kletterte in die Öffnung des „auf kipp“ gestellten Fensters und setzte sich auf den Fenstergriff wie in einen Sattel. Dann winkte er mir mit der einen Hand zu, während die andere in seinem Gewand verborgen war. Ich ließ die Lupe sinken und ging ganz vorsichtig mit dem Gesicht immer näher ran, bis dass meine Nasenspitze ihn fast berührte. Nase an Mönch, dachte ich, und schielte auf den Winzling. Der kleine Mönch schaute freundlich. Dann lächelte er und zwitscherte irgendwas in seiner Kleinemönchesprache. Lustig hörte sich das an. Schließlich zog er die Hand aus seinem Umhang, hob sie zum Mund, als wollte er mir eine Kusshand zuwerfen und blies mir eine kleine Wolke megafeinen Staubes genau in die Nase. Es kribbelte ein bisschen, der kleine Mönch verschwand und ich stand in unserer dunklen Küche am Fenster und fragte mich, was ich da mitten in der Nacht wollte.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und hatte alles vergessen. Wieso ich mich heute trotzdem erinnere, erfahrt ihr im nächsten Kapitel.

 

Kapitel 3: Hallo auf dem Klo

Vier Jahre später, es war Sommer, zogen wir weg aus der großen Stadt in eine kleinere, die direkt nebenan liegt. Da hatten Mama und Papa ein Einfamilienreihenendhaus gekauft. Aber Papa sagt immer, dass das Haus der Bank gehört, und dass die uns nur drin wohnen lässt. Egal: Als der Umzugslaster weg war, standen wir alle drei vor dem Haus und waren glücklich. Endlich ein eigener Garten, sagte Mama. Endlich Platz zum Rennradfahren, sagte Papa. Ich hab schon drei neue Freundinnen, jubelte ich.

In der ersten Nacht musste ich Pipi machen. Das hat aber nichts mit der ersten Nacht zu tun: ich muss öfter nachts Pipi machen. Neues Haus, neues Zimmer, neuer Weg zum Klo. Davon hatten wir plötzlich zwei! Ich nahm das auf der ersten Etage, wo auch mein Zimmer ist. Dieses Klo ist im Bad. Als ich da so saß auf meinem Thron im stillen Haus, hörte ich neben dem vertrauten Plitschern plötzlich noch ein zweites Geräusch. Ein leises Zwitschern, links unten hinter mir. Ich schaute nach hinten. Da war eine kleine Metalltür in der Wand, und die stand auf. Inzwischen war ich neun und wusste, das hinter der Tür irgendwelche Rohre und Schraubschalter oder so waren. Eigentlich. Ich hüpfte runter vom Klo, vergaß das Abziehen und auch sonst alles, kniete mich vor die Metalltür und sah eine winzige Gestalt, nicht größer als ein Menschärgeredichnichtnüppi. Die Gestalt winkte. Ich beugte mich zu ihr hinab, bis dass ich sie fast mit der Nasenspitze berührte. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Also, ich brauchte noch ein paar Sekunden. Bis, ja, bis die Gestalt mir eine Art Kusshand zuwarf und dabei einen glitzernden, megafeinen Staub in meine Nase blies. Da war plötzlich alles wieder da: ein kleiner Mönch! Aber wie kam der hierher? Warum war er hier bei uns im neuen Haus und nicht in den hellblauen Tempeln auf dem Dach über den schlafenden Straßenbahnen? Während ich noch grübelte, kamen vier weitere Mönche aus der Tür geklettert und verneigten sich tief vor mir. Dann glitten alle fünf aus dem Bad durch den Flur in mein Zimmer. Ich hinterher. In meinem Zimmer herrschte noch das totale Umzugschaos. (Mama meint, das habe sich bis heute nicht geändert, aber Mütter verstehen eben nicht alles.)

Die fünf kleinen Mönche kletterten auf einen der herumstehenden Umzugskartons und ließen sich an dessen Rand nieder. Ihre Beinchen baumelten nach unten. Ich sah, dass sie an ihren nackten Füßen Sandalen trugen. Jetzt die Lupe zu finden, die ich Mama immer noch nicht zurückgegeben hatte, war völlig unmöglich. Also setzte ich mich direkt vor den Karton auf den Boden, um wieder nach der Naseanmönchmethode vorzugehen. Aber die kleinen Mönche hatten sich da anscheinend schon was überlegt. Alle fünf formten nämlich jetzt eine Kusshand und bliesen Glitzerstaub – nicht in meine Nase, sondern in die Luft, genau zwischen sich und mich. Dort formte er sich zu einem großen Ring, und als ich durch den Ring hindurch sah, waren aus den kleinen Mönchen zwar keine normal großen, aber ziemlich gut vergrößerte Mönche geworden. Funktionierte wie eine Lupe, dieser Ring. Echt praktisch, so ein Glitzerstaub. Wozu der wohl noch alles gut war?

– Guten. Abend. Karoline, sagten fünf Stimmen im Chor.
– Äh, ja, hallo, stammelte ich und kam mir ein bisschen bescheuert vor.
– Wir. Freuen. Uns. Dass. Es. Dir. Gut. Geht., wieder alle fünf im Chor.
– Ja, schön, danke, ich mich auch, ich meine, euch. Stotter, stotter, stotter. Wieso konnten wir uns überhaupt auf einmal so einfach unterhalten? Gute Frage:
– Wieso versteh‘ ich euch und ihr mich?
Zack, da war sie raus, die gute Frage. Ich war ein bisschen stolz auf mich.
– Das. Macht. Der. Kreis. Er. Dient. Der. Kommunikation.
Aha.
– Durch. Den. Kreis. Können. Wir. Mit. Den. Menschen. Sprechen.
Alles klar. Jetzt war es langsam Zeit für die alles entscheidende Frage:
– Und was macht ihr hier? Ihr gehört doch aufs Dach vom Straßenbahndepot, in eure kleinen Tempel.
Riesenseufzer. Ich hätte nie gedacht, dass, wenn fünf kleine Mönche seufzen, es so furchtbar traurig klingen würde. Aber es war so. Furchtbar traurig. Und es hörte überhaupt nicht mehr auf.
– Halt, stopp, flüsterte ich so streng ich konnte (Schließlich war es mitten in der Nacht und ich hatte überhaupt keine Lust auf meine Eltern in der Tür und…, nee, ich mochte gar nicht dran denken.). Also sagte ich noch mal Richtung Mönche:
– Wir müssen leise sein. Lei-se. Sonst wachen meine Eltern auf.
Einer der kleinen Mönche, anscheinend der Chef, sagte etwas zu den anderen, dass ich nicht verstand. Dann stellten sich alle fünf in einer Reihe auf und, oh, nein, bitte nicht schon wieder die Kusshandnummer, aber doch: Alle fünf formten eine Kusshand, bliesen hinein und, ja was war das denn jetzt?, bliesen den Glitzerring, durch den hindurch wir miteinander gesprochen hat, weiter auf, größer und größer, und dann wölbte sich plötzlich ein glitzerndes Dach über uns, eine Glitzerwand, nein, eine richtige Glitzerglocke umgab uns und trennte uns vom Rest meines Zimmers, das ich nur noch verschwommen erkennen konnte.
– So. Karoline., sagte der wichtige kleine Mönch, Jetzt. Können. Wir. In. Ruhe. Über. Alles. Sprechen. Niemand. Hört. Uns. Niemand. Stört. Uns. Nicht. Einmal. Dein. Vater.
Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, was Papa darum gäbe, das hier mitzuerleben.
– Wir. Werden., fuhr der Wichtigwinzling fort, Dir. Alles. Erzählen. Warum. Wir. Hier. Sind. Woher. Wir. Kommen. Und. Wozu. Wir. Deine. Hilfe. Brauchen.
Und dann erzählten die kleinen Mönche. Witzigerweise sprachen sie alle gleichzeitig, wie im Chor, aber es klang wie eine einzige, wunderbare, vertraute, ein wenig traurige, ein wenig tiefe Stimme. Dennoch dauerte es ziemlich lange, bis sie ihre Geschichte fertig erzählt hatten, weil sie ja immer nach jedem Wort diese kleine Pause machten. Damit ihr jetzt beim Lesen nicht wahnsinnig werdet, erzähle ich das Ganze einfach mit meinen eigenen Worten. Aber ich schwöre, dass ich nichts weg lasse oder hinzu erfinde.

 

Kapitel 4: Feuer auf dem Dach der Welt

Tief im Herzen Asiens, am nördlichen Rand des mächtigsten, höchsten Gebirges der Erde, liegt Tibet. Das mächtige Gebirge heißt Himalaja, und sein höchster Berg, der Mount Everest, ist auch der höchste Berg der Welt. 8.848 Meter ist der hoch, also fast neun Kilometer. Tibet liegt fast halb so hoch, so zwischen 4.000 und 5.000 Meter. Es ist das größte Hochland der Erde, und man nennt es auch das „Dach der Welt“. Mal zum Vergleich: Der höchste Berg Europas, der Mont Blanc in den Alpen, ist mal gerade knapp 5.000 Meter hoch. Leben kann da oben kein Mensch. Ist ja auch kein Hochland, der Mont Blanc, sondern ein spitzer Berg mit oben Schnee und Eis und dünner Luft. Aber in Tibet, da leben Menschen. Die Tibeter. Die sind an die dünne Luft, an die große Hitze im Sommer und die Affenkälte im Winter gewöhnt. Und früher waren viele von denen Mönche, die in vielen Klöstern lebten. Machte aber nichts, denn die Mönche und die anderen Tibeter kamen prima miteinander aus. Selten nur kam jemand Fremdes rauf in ihr Land. Den meisten war der Weg zu steil, die Luft zu dünn und das Klima zu rau. So hatten die Tibeter lange ihre Ruhe. Die Berge hinunter zu steigen und zu schaun, was da unten so läuft, kam ihnen nicht in den Sinn. Jedem das Seine, dachten sie. Uns das hier oben, den andern das da unten. Und da es viel mehr unten als oben gab, ging das auch viele, viele Jahre gut. Bis eines Tages aus China, einem ziemlich großen östlichen Nachbarland, die Kommunisten kamen.

Erste Zwischenfrage Karoline an die kleinen Mönche:
– Was sind Kommunisten?
Antwort der kleinen Mönche:
– Die Kommunisten waren Leute, die hatten zuerst etwas Gutes gewollt, nämlich dass alle Menschen in China die gleichen Rechte und Pflichten und Möglichkeiten haben. Sie wollten, dass nicht nur die Reichen und Mächtigen alles bestimmen, sondern das ganze Volk. Dafür hatten sie sehr lange kämpfen müssen gegen die, die das nicht wollten. Als sie schließlich gewonnen hatten, hatten sie vergessen, was sie am Anfang eigentlich wollten. Oder sie wollten es nicht mehr wissen, weil sie irgendwann selbst Lust am Bestimmen bekommen hatten. Jedenfalls war nur noch der Gedanke übrig geblieben, dass alle gleich sein sollten. Und was „gleich“ war, das bestimmten von da an nur noch die Kommunisten.
– Hm, meinte ich, klingt nach dumm gelaufen.
Die kleinen Mönche lächelten traurig und erzählten weiter:

Die Kommunisten, die aus China kamen, waren keine guten Menschen. Sie erzählten dem tibetischen Volk, dass es ab jetzt ganz anders leben müsse. Dass alles, was sie bis dahin gemacht hatten, schlecht sei. Dass ihre Art zu leben schlecht sei. Dass die Mönche und die Klöster schlecht seien. Und dass überhaupt ganz Tibet ab jetzt zu China gehöre und die Kommunisten jetzt zu bestimmen hätten. Und das taten sie dann auch: bestimmen. Vor allem bestimmen. Und wer nicht bestimmt werden wollte, dem taten sie bestimmt nichts Gutes an. Jedenfalls verschwanden oft Menschen, die sich gegen die Kommunistenbestimmer gewehrt hatten. Auch viele Mönche.

Die kleinen Mönche bekamen von all dem zu Anfang gar nichts mit. Sie lebten in einem sehr unbedeutenden, sehr kleinen Kloster in einer sehr unbedeutenden Gegend mitten in Tibet, irgendwo im Gebirge, am Ende eines langen, schmalen Tales, das sich in die Berge hinein schlängelte, höher und immer höher. Ganz am Ende, an die Felsen geklebt, das Kloster.

Und damals, als sie noch in ihrem kleinen Felsenkloster lebten, ja, da waren die kleinen Mönche gar keine kleinen Mönche. Sondern ganz normale Menschen. Also, Mönche waren sie schon, aber eben normal groß, so wie alle anderen Menschen auch. Nicht ganz so normal waren allerdings ihre Namen: Alle fünf hießen Lhasa. Wie die Hauptstadt von Tibet. Das war so Sitte im kleinen Kloster da hoch oben, dass alle Mönche Lhasa hießen, zu Ehren der Hauptstadt. Auch der Meister, also der Abt, würden wir bei uns sagen, hieß Lhasa.

Damit sie sich dennoch auseinanderhalten konnten, und auch, damit andere Leute das konnten, hatte jeder Mönch vor seinem Namen einen Buchstaben. Da es in dem Kloster nur fünf Mönche gab, hatte jeder Mönche einen Vokal vor seinem Lhasa-Namen. Bekanntlich gibt es fünf Vokale: a, u, i, o, e. Und genau die kamen bei den Mönchsnamen zum Einsatz.

Der Abt hieß Alhasa. Er ist ja schließlich der wichtigste. Und die anderen hießen Ulhasa, Ilhasa, Olhasa und Elhasa. Doch der Reihe nach! Ich stelle sie euch jetzt erst einmal vor:

Alhasa ist der Vorstand des Klosters, ein uralter, weiser Mönch, der schon viel erlebt und gesehen hat und so manches Geheimnis kennt und es meist auch für sich behielt. Er ist das Herz, die Seele und der alle anderen überragende Verstand des Klosters.

Ulhasa ist ein recht junger Mönch, der zudem ziemlich gut aussieht und sich eine Menge traut und zutraut. Im Kloster ist er vor allem für die Tiere, essbare und nicht essbare, zuständig. Ich denke, er heißt Ulhasa, weil er so besonders unternehmungslustig ist.

Der lange, hagere Ilhasa ist der Gebildetste der fünf Mönche (i für intelligent, ist doch klar), was vor allem daran liegt, dass er die Klosterbibliothek verwaltet und eine richtige Leseratte ist. Passend dazu trägt er eine kleine, runde Brille, was ihm etwas Professorhaftes verleiht. Neben der Bibliothek kümmert sich Ilhasa auch um die kleinen Felder und den Obst- und Gemüsegarten des Klosters.

Olhasa wiederum ist das komplette Gegenteil von Ilhasa: Er ist der Kleinste und Dickste. Und der Langsamste, was das Begreifen angeht. Wenn er dann endlich mal was kapiert hat, begleitet er seine Erkenntnis oft mit einem langen, staunenden „Ooooh“. Seine Mitbrüder haben ihm deshalb den Beinamen „Licht der geistigen Bescheidenheit“ verliehen, was Olhasa tatsächlich als Kompliment versteht, gilt doch im Kloster Bescheidenheit als Tugend. Wie man bei seiner Leibesfülle schon annehmen kann, ist Olhasa in der Küche tätig. Er ist aber nicht nur ein exzellenter Koch, sondern auch ein perfekter Hausmönch: putzen, waschen, spülen, aufräumen, nähen, flicken – für Olhasa das reinste Vergnügen.

Elhasa ist ein stiller, etwas verschlossener Mönch. Deshalb passt auch das e für ernst so gut zu ihm. Dabei ist er hilfsbereit und pragmatisch, auch wenn er dabei nicht viele Worte macht. Er kann gut zuhören, und wenn er mal selbst den Mund aufmacht, hat das, was raus kommt, Hand und Fuß. Aus für die anderen unerklärlichen Gründen hat der Abt gerade ihn mit den sogenannten Außenkontakten betraut: Ab und zu schickt er ihn runter ins Dorf – einkaufen, tauschen und vor allem hören, was so läuft in der Welt. Das muss er dann jedes Mal bei seiner Rückkehr sofort dem Abt berichten, und nur dem. Meister Alhasa erzählt es dann den anderen Mönchen. Oder auch nicht. Merkwürdig ist, dass sich Elhasa noch nie, nachdem er dem Abt berichtet hatte, daran erinnern konnte, was für Neuigkeiten das gewesen waren.

So lebten die fünf Mönche still und glücklich da oben in ihrem Kloster, bearbeiteten ihre winzigen Terrassenfelder und -gärten, hüteten ihre kleinen Viehherden, beteten und meditierten. Dann, eines Tages, brachte Elhasa von einem seiner Dorfgänge sehr unfreiwillig sehr ungebetenen Besuch mit: chinesische Soldaten.

Die marschierten in das Kloster ein, machten erst einmal eine Menge kaputt und ließen schließlich alle fünf Mönche im Klosterhof antreten. Ein Soldat las dann aus einem Erlass vor, viel kompliziertes Zeugs mit dazwischen gestreuten Beschimpfungen. Zum Schluss ein klarer Befehl: Am nächsten Morgen hatten sich alle Mönche mit dem Nötigsten im Gepäck vor dem Kloster einzufinden, und dann sollte es Gott weiß wohin gehen. Ulhasa – jung, gut aussehend, mutig – trat vor und fragte:
– Und wenn wir nicht wollen? Das ist schließlich unser Kloster, wir haben niemandem etwas Böses getan, aber ihr, ihr kommt einfach hierher mit eurem schlechten Karma und eurer Ungerechtigkeit!
Klasse gemacht, Ulhasa! Nutzte aber nichts, denn: Als Antwort luden die Soldaten ihre Gewehre durch und richteten die Mündungen auf die Mönche.
– Habt ihr jetzt verstanden? fragte der Anführer grimmig, morgen früh, eine Stunde nach Sonnenaufgang, und wehe, einer fehlt.
Dann bellte er ein paar kurze Befehle, die Soldaten machten kehrt und marschierten aus dem Kloster. Als der letzte durchs Tor war, wurde dieses von außen geschlossen und verriegelt. Die Mönche waren Gefangene in ihrem eigenen Kloster.

Als die Schritte der Soldaten verhallt waren, herrschte im Kloster unheimliche Stille. Keiner der Mönche wagte, etwas zu sagen. Auch nicht der junge, mutige Ulhasa. Schließlich brach der alte weise Meister das Schweigen:
– Lasst uns in den großen Saal gehen und meditieren, meine Brüder.
Da fand Ulhasa seine Stimme wieder:
– Meditieren? Die wollen uns vertreiben, verschleppen, und wir sollen meditieren? Ehrwürdiger Meister, das kann doch nicht euer Ernst sein!
Der alte weise Alhasa sah in die Augen des jungen Mönches, dann in die Runde. Er sah vier Augenpaare, die ihn alle ängstlich und fragend ansahen.
– Wir werden jetzt meditieren, sagte Alhasa nachdrücklich, damit wir die Ruhe finden. Und wenn wir die Ruhe gefunden haben, finden wir die Lösung.

Niemand widersprach. Die fünf Mönche, der Abt voran, begaben sich in den großen Saal und ließen sich im Kreis auf dem Boden nieder. Sie kreuzten die Beine zum Lotussitz und die Arme vor der Brust, schlossen die Augen und begannen zu meditieren. Kein Laut war mehr zu hören. Zeit verging. Es wurde Abend. Als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen durch die Fenster schickte, öffnete der alte Alhasa die Augen. Langsam, leise erhob er sich. Die anderen vier Mönche saßen da, meditierend, mit geschlossenen Augen, als würden sie schlafen. Der Abt ging zu einem riesigen Schrank, dessen dunkles Holz über und über mit Ornamenten verziert war. Er drückte kurz und fest auf eines der Ornamente in der Tür, und es öffnete sich eine kleine Klappe. Dahinter lag eine kleine Nische, so tief wie die Tür dick war. An der Rückwand der Nische hingen fünf winzig kleine, golden glänzende Medaillons, jedes an einer feinen goldenen Kette. Auf dem Boden der Nische lag ein kleines Holzkistchen. Vorsichtig nahm der Abt die Medaillons heraus, dann das Holzkistchen. Dann schloss er die Nische wieder. Er ging zurück zu den vier Mönchen, die immer noch da saßen und meditierten. Meister Alhasa legte vor jeden eines der kleinen Medaillons auf den Boden. Dann ging er in die Klosterküche. Dort füllte er fünf Becher mit Wasser und brachte sie in den Saal. Neben jedes Medaillon stellte er einen Becher. Nun öffnete er vorsichtig das Holzkistchen. Es enthielt einen silbrig glitzernden Staub und einen winzigen Löffel. Vorsichtig gab der Abt in jeden Becher ein Löffelchen voll Staub und rührte einmal um. Schließlich legte er den Löffel zurück ins Holzkistchen, verschloss es sorgfältig und verbarg es in einem Brustbeutel unter seinem Gewand. Dann setzte er sich wieder in den Kreis der Mönche auf den Boden.
– Es ist Zeit, sagte er laut.
Schlagartig öffneten sich vier Augenpaare und schauten fragend – erst auf den Abt, dann auf die Becher und die kleinen Amulette, dann wieder auf den Abt.
– Trinkt das jetzt in einem Zug, sagte der Abt, stellt dann die Becher hinter euch und legt die Amulette um.
Die Mönche schauten zweifelnd auf die Amulette. Wie sollten sie so etwas Winziges um den Hals tragen können? Aber sagen mochte niemand etwas. Also tranken sie. Und der Abt trank. Dann stellten sie die Becher hinter sich.
– So, sagte der Abt, und jetzt die Amulette.
Alle fünf Mönche legten sich die Amulette um den Hals. Sie passten. Verdutzt schauten sich vier Mönche an. Nur Meister Alhasa lächelte mild.
– Meister, fragten die vier wie aus einem Mund, wie habt ihr die Amulette größer gemacht?
– Die Amulette, meine Brüder, sind nicht größer geworden.
– Ja, aber…
– Seht, sagte der Abt und beschrieb mit beiden Händen einen Kreis in der Luft, seht!
Und da sahen es die Mönche. Als erstes sahen sie, dass sie in einem unermesslich großen Raum waren. Dann zuckte jeder zusammen: Sie hatten hinter sich riesige braune Dinger entdeckt, die wie Becher aussahen.
– Oh, sagte der erste der vier Mönche.
– Oh. Oh. Oh., sagten nacheinander die drei anderen. Und Ulhasa fügte hinzu:
– Meister, sind die Dinge jetzt alle so groß, oder sind wir jetzt alle so klein?
– Die Dinge größer zu machen als sie schon sind, antwortete Alhasa, würde keinen Sinn machen. Denn sie sind uns schon so über den Kopf gewachsen.
– Aber, Meister Alhasa, sagte der schlaue Ilhasa, wenn wir jetzt kleiner geworden sind, dann sind die Dinge doch zwangsläufig größer geworden.
– Nur für uns, lieber Bruder, entgegnete Alhasa, nur für uns sind die Dinge größer geworden. Aber als solche, für sich, sind sie gleich geblieben. Und eigentlich ist es auch nicht richtig zu sagen, für uns seien sie größer geworden. Es ist genau umgekehrt: Wir sind für sie kleiner geworden. Und weil wir für alle Dinge und Wesen um uns herum klein geworden sind, verschwindend klein sogar, haben wir große Vorteile gewonnen, nämlich…
– Man sieht uns nicht mehr, platzte es aus Olhasa heraus. Alle schauten ihn erstaunt an. So schnell war er doch sonst nicht.
– Sehr gut erkannt, lobte Meister Alhasa, aber dies ist nicht der einzige Vorteil.
Und dann begann er zu erklären. Dass er schon lange geahnt hatte, dass eines Tages die Soldaten kommen würden. Dass es für diesen schlimmen Tag einen Plan gab: Kleiner werden, verschwinden, eine neue Heimstatt finden und dort so lange bleiben, bis eine Rückkehr möglich werde. Meister Alhasa erzählte den Mönchen, was sie da getrunken hatten. Dass der Glitzerstaub ein Zauberstaub ist, der ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten verleiht. Sie können mit dem Staub Dinge und sogar Lebewesen verkleinern. Für Letzteres braucht man aber sehr viel Glitzerstaub, weshalb solche Sachen nur von mehreren Mönchen gemeinsam gemacht werden können. Dank des Staubes können sie mit Tieren sprechen. Und natürlich auch mit Menschen. Denn normalerweise können Menschen sie jetzt nicht mehr verstehen, weil auch ihre Stimmen klein geworden sind. Dank des Glitzerstaubes können sie aber sogar mit Menschen reden, die eine fremde Sprache sprechen. Und wenn sie etwas von dem Staub in die Nase eines Menschen pusten, dann vergisst der sofort die Begegnung. Wenn er sich wieder daran erinnern soll, bekommt er wieder Glitzerstaub in die Nase.
– Und wo bekommen wir den Glitzerstaub her, den wir dafür brauchen? fragte Ilhasa.
– Wir tragen ihn in uns, antwortete der Abt, wir haben ihn getrunken, daraus.
Der Abt zeigte auf die fünf Riesenbecher.
– Es funktioniert aber nur, wenn ihr gleichzeitig das Amulett tragt. Der Zauber ist die Macht der Kleinheit, und das Amulett ist der Schlüssel dazu. Solange ihr das Amulett tragt, seid ihr mit diesem Ort verbunden. Ganz gleich, wo ihr seid, und in welchem Zustand sich das Kloster befindet.
Der kleine, dicke Olhasa schaute seinen Meister mit großen, runden Augen an:
– Und wie geht das mit dem Zauberstaub, Meister?
– Sehr her! Meister Alhasa hob seine rechte Hand und hielt sie an seinen Mund, als wolle er dem Hausmönch eine Kusshand zuwerfen. Dann blies er leicht in die Hand. Eine kleine Wolke feinen Glitzerstaubs stob, sozusagen aus dem Nichts kommend, von seiner Handfläche und formte einen etwa 50 cm großen Ring.
– Ihr pustet den Zauberstaub aus eurer Hand, erklärte der Abt. Dabei denkt ihr, was der Staub werden oder tun soll. Es gibt vieles, was ihr mit dem Staub machen könnt. Und vieles, was ihr nicht machen dürft. Ihr werdet das alles lernen, mit der Zeit. Seht: Dies zum Beispiel ist ein Sprechring, durch ihn können wir uns mit fremden Menschen unterhalten. Durch ihn können uns die Menschen auch besser erkennen, weil wir ihnen etwas größer erscheinen.
– Und wie mache ich das rückgängig? fragte der pragmatische Elhasa.
– So, sagte der Abt und schnippte einmal kurz mit den Fingern. Weg war der Ring, weg war der Glitzerstaub.
– Ihr seht, fuhr der Meister fort, der Glitzerstaub ist sehr hilfreich. Doch nun wollen wir unsere Sachen packen. Wir haben eine lange Reise vor uns.
– Wo sollen wir denn hin, Meister? Wie kommen wir denn morgen früh an den vielen Soldaten vorbei? Müssen wir den ganzen Weg zu Fuß gehen? Werden wir jemals wiederkommen? Gibt es keine…
Statt einer Antwort blies Meister Alhasa wieder etwas Glitzerstaub in die Luft. Dieses Mal formte sich der Staub zu einer Kugel, und in der Kugel erschien ein Bild: Kleine blaue Dächer, geschwungen wie das Dach ihres Klosters, waren da zu sehen, und sie gehörten tatsächlich zu kleinen hellblauen Tempeln, die wiederum auf etwas standen, das aussah wie ein ziemlich großes Gebäude. Ja, die kleinen blauen Tempel standen auf einem grauen Dach. Aufgeregt umringten die vier Mönche die Kugel.
¬- Sind das Tempel? Wo sind die? Wie kommen wir da hin? Ist das weit?
– Ich hatte eine Vision, sprach der alte, weise Abt, und in dieser Vision sah ich diese blauen Tempel und ich wusste: Da müssen wir hin. Diese Tempel stehen in einem Land, das sehr tief liegt. Es ist weit, weit im Westen, weit, weit weg von hier. Aber ich weiß, dass wir es schaffen werden.
Der Abt schnippte mit den Fingern und die Kugel aus Glitzerstaub verschwand samt blauen Tempeln.
– Geht jetzt, sagte er, und packt eure Sachen. Jeder nur so viel, wie er tragen kann. Esst dann noch einmal gut zu Abend und geht danach schlafen. Mein Essen bringt mir Olhasa bitte in die Zelle. Morgen früh wecke ich euch rechtzeitig. Ach ja, fügte er hinzu, als er sah, wie die Mönche schon wild auseinander liefen, vergesst nicht, die Dinge zu verkleinern. Ihr müsst dazu nur denken „werde so klein wie ich“ und den Glitzerstaub aus der hohlen Hand auf den Gegenstand pusten. Und, Ulhasa, ich möchte, dass du mich morgen bei Sonnenaufgang zu den Ziegen begleitest.

Ulhasa nickte und verließ dann, wie die anderen Mönche, den großen Saal. Als er alleine war, blies der alte Meister Alhasa etwas Glitzerstaub auf die fünf riesigen Becher. Dann steckte er sie ineinander und ließ sie in einer der vielen Taschen seines Gewandes verschwinden.
– Wer weiß, wozu ich euch noch mal werde brauchen können, brummte er.
Dann ging auch er in seine Klosterzelle. Packen. Schlafen.

Am nächsten Morgen erwachten die Mönche pünktlich ein halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Aufstehen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen. Dann ging der Abt mit Ulhasa in den Ziegenstall. Dort suchte Ulhasa die klügste und kräftigste Ziege aus. Der erklärten die beiden dann, was sie vorhatten. Die Ziege war begeistert: Endlich mal ein richtiges Abenteuer!

Sämtliche Gepäckstücke der kleinen Mönche wurden mit Seilen unter dem Bauch der Ziege festgezurrt. Auf gleiche Weise wurden fünf kleine Hängematten befestigt. Dann gingen die Mönche ein letztes Mal, sozusagen zum Abschied, in den großen Saal, um zu beten und zu meditieren. Als sie fertig waren, war die Sonne vor genau einer Stunde aufgegangen. Ilhasa hätte seinem Abt gerne noch gesagt, dass ihm das mit der Ziege irgendwoher bekannt vorkam, aber da drang vom Tor her schon hässlicher Krach durch das stille Kloster.
– Los jetzt, sagte Meister Alhasa, alle in die Hängematten.
Eins, zwei, drei, vier, fünf waren die kleinen Mönche unter dem Bauch der Ziege verschwunden. Nichts war zu sehen, weder von ihnen noch von ihrem Gepäck. Tibetische Ziegen haben sehr lange, sehr dichte Haare.

Als die Soldaten in den großen Saal gestampft kamen, war das einzige lebende Wesen, das sie sahen, eine Ziege, die verängstigt meckerte.
– Schafft das Biest raus, schrie der Anführer, ich kann diese Viecher nicht riechen!
Das ließ sich die Ziege nicht zweimal sagen und trottete geschwind zwischen den Soldaten hindurch hinaus. In den Hof, durchs Tor, an dem eine Gruppe Soldaten verschlafen Wache schob, die staubige Straße hinunter und dann quer ab in die Büsche. Vom Kloster schallte noch wütendes „Wo sind sie, verdammt?!“ hinterher, aber das konnte weder die Ziege noch ihre Passagiere aufhalten. Niemand schaute zurück. Und das war auch gut so. Denn so sahen sie weder die riesige Stichflamme noch den schwarzen Rauch, der anschließend aus dem Kloster in den klaren, blauen Himmel stieg. Wie hatte noch der weise Meister gesagt: „Ihr bleibt mit diesem Ort verbunden. Ganz gleich, wo ihr seid, und in welchem Zustand sich das Kloster befindet.“

An dieser Stelle unterbrach ich die Erzählung der kleinen Mönche mit einer zweiten Zwischenfrage:
– Wann ist das denn alles passiert?
Antwort der kleinen Mönche:
– Das ist schon ein paar Jahre her. Wie lange genau wissen wir nicht. Wir haben darauf nicht so geachtet. Weißt du, Karoline, für uns vergeht die Zeit anders als für andere Menschen.
– Ja, und wie lange wart ihr dann unterwegs? Von Tibet bis aufs Straßenbahndepot, das ist eine ziemlich lange Reise – vor allem mit einer Ziege.
– Die Ziege hat uns nur während des ersten Teils unserer Reise begleitet, bis zum Fluss.
– Welcher Fluss? fragte ich.
– Geduld, antworteten die Mönche, lass uns der Reihe nach erzählen.
Und sie fuhren fort:

Kapitel 5: Ziege mit Gepäck

Von ihrem Kloster aus, das so ziemlich in der Mitte Tibets lag, gab es vier Möglichkeiten, das Land zu verlassen: nach Norden, nach Osten, nach Süden und nach Westen. Die jeweiligen Grenzen waren alle gleich weit entfernt. Tibet Richtung Süden, Westen oder Norden zu verlassen, war allerdings ziemlich schwierig, Denn da gab es entweder hohe Berge oder Wüste oder wüste hohe Berge. Außerdem wurden alle diese Grenzen sehr scharf bewacht. Bis auf die Ostgrenze. Denn hinter der lag China, und dahin wollte bestimmt niemand, der vor den Chinesen in Tibet floh. Glaubten die Chinesen.

Und das wiederum wusste der weise Meister Alhasa. Und er wusste noch mehr. Zum Beispiel, dass wenn man von der Mitte Tibets aus direkt nach Osten geht, man nach rund 500 Kilometern auf einen kleinen Fluss stößt, den die Chinesen Jangtsekiang nennen, was „Langer Fluss“ heißt. Der Lange Fluss macht seinem Namen alle Ehre, denn er fließt weit nach Osten, quer durch China bis ins Meer. Dieser Fluss, der längste Strom Asiens und der drittlängste der Welt, war das erste Ziel der Kleinen Mönche.

Die Ziege trug sie geduldig viele Tage Richtung Osten. Die meiste Zeit meditierten die Mönche. Was soll man auch anderes tun, wenn man in einer Matte unter dem Bauch einer Ziege hängt, die 10 Stunden täglich über ein wüstes, 5000 Meter hohes Land nach Osten trabt? Abends wurde angehalten für die Nacht. Dann gab es auch zu essen und zu trinken. Für die Mönche und die Ziege. Spezialnahrung, von der Mönche und Ziege nur einmal täglich essen brauchten, damit ihnen die Strapazen nichts ausmachten. (Das Rezept will mir Olhasa irgendwann einmal verraten,) Menschen und Tieren gingen sie vorsichtshalber aus dem Weg. Man wusste ja nie, so eine einsame Ziege, ganz allein unterwegs im Hochland, immer Richtung Sonnenaufgang – da konnte schon mal jemand anfangen, sich ein paar Fragen zu stellen. Sich an die Ziege zu wenden war ja Quatsch, die hätte ohnehin nicht geantwortet.

Irgendwann erreichten sie den Fluss. Und nahmen Abschied von der Ziege, die ohne Meckern kehrt machte und ungewöhnlich schnell verschwunden war. Dann machten sich die Kleinen Mönche an den zweiten Teil ihrer Reise. Und der bedurfte einiger Vorbereitung. Denn Meister Alhasa verkündete den Brüdern, dass sie mit dem Fluss weiterreisen würden.

Dem Fluss. So, so. Der Fluss, der ein paar hundert Kilometer weiter anfangen würde, „Großer Fluss“ zu heißen, dieser Fluss war hier, nicht weit von seiner Quelle, noch recht klein. Dafür aber wild und reißend.
Sehr wild. Und sehr reißend.
– Meister, Meister, rief Olhasa mit kläglicher Stimme, wie sollen wir auf dem Fluss reisen können? Er ist so wild, so nass, und ich kann so gar nicht schwimmen.
– Ich sagte nicht „auf dem Fluss“, beruhigte ihn der Meister, ich sagte „mit dem Fluss“.
Olhasa machte nicht gerade ein Gesicht, als sei er jetzt wirklich beruhigt. Und auch die anderen Mönche schauten eher nachdenklich drein. Was wollte ihnen der Meister damit bloß sagen? Mit dem Fluss. Dieser Fluss würde früher oder später zum mächtigen Strom, und als solcher würde er dann majestätisch und ein paar tausend Kilometer lang durch das Land China fließen. Mit Millionen von Chinesen rechts und links an seinen Ufern. Und in Booten, Schiffen, Dschunken auf ihm unterwegs. Tolle Vorstellung für kleine tibetische Mönche, die gerade auf der Flucht waren vor Chinesen, die ihnen das Kloster niedergebrannt hatten.

Als könne er ihre Gedanken lesen, lächelte der alte Meister Alhasa. Dann ging er zum Fluss hinunter, zu einer Stelle, an der sich ein kleiner Sandstrand gebildet hatte. Die anderen folgten neugierig, samt Gepäck. Direkt am Wasser kniete der Abt nieder und beugte sich vor, bis er mit seinen Lippen das klare, kalte Wasser berührte:
– Prusselprusselprussel.
Der Abt sprach ins Wasser hinein.
– Prusselprusselprussel. Prussel. Prusselprussel.
Dann stand er auf und schaute auf den Fluss hinaus. Der plätscherte und blubberte und floss so vor sich hin. Nichts war zu sehen. Niemand sprach ein Wort. Hoch über dem Tal, dem Fluss und den kleinen Mönchen kreiste ein Adler. Adler haben scharfe Augen. Vielleicht sogar die schärfsten überhaupt. Mal schauen, was der Adler sieht:

Ein großer Fisch kommt da den Fluss hinauf geschwommen. Jetzt ist er nur noch eine Biegung von dem kleinen Sandstrand mit den kleinen Mönchen entfernt. Jetzt steuert er auf den Strand zu. Langsam steigt er an die Oberfläche. Ein paar von den Mönchen fangen an, wild auf und ab zu hopsen. Sie haben den großen Fisch entdeckt. Schwenk runter zum Strand:
– Meister, ein Monster, ein riesiges Monster! Ein Fisch, das ist ein Fisch. Er kommt auf uns zu! Er wird uns verschlingen!
Vier kleine Mönche schrien aufgeregt durcheinander.
– Still, befahl Alhasa, das ist ein Freund.
Inzwischen hatte der Fisch das Ufer erreicht. Er legte seinen Kopf auf den Sandstrand und öffnete sein riesiges, zähnebewehrtes Maul.
– Alles einsteigen, rief der alte Meister, wir legen in wenigen Augenblicken ab!
Schnell rafften die vier anderen Mönche das Gepäck zusammen und folgten ihrem Abt, der fast schon im Maul des Fisches verschwunden war. Ilhasa murmelte noch etwas, das sich anhörte wie „Der Trick ist doch uralt“, dann waren alle fünf kleinen Mönche im Innern des Fisches verschwunden. Der Fisch drehte sich langsam um, machte ein paar kräftige Schläge mit dem Schwanz und verschwand in den Fluten. Flussabwärts.

 

Kapitel 6: Unterwegs im Fisch

– So, sagte der alte Meister, und es klang etwas dumpf, jetzt wollen wir erst einmal für etwas Beleuchtung sorgen.
Er holte sein Amulett hervor und murmelte Unverständliches. Darauf begann das Amulett zu leuchten und verbreitete alsbald ein angenehmes Licht. Da saßen sie nun im Bauch des Fisches. Fünf kleine Mönche mit Gepäck. Vier davon schauten den einen fragend an.
– Also, begann der Abt, wir sind hier im Bauch eines Lachses.
– Hm, Lachs, lecker. Olhasa leckte sich die Lippen. Ich kenne da ein Rezept, ich sage euch…
Böser Blick des alten Meisters. Olhasa verschluckte den Rest.
– Also, fuhr der Meister fort, wir sind hier im Bauch eines Lachses. Er ist unser Freund. In ihm werden wir reisen, den ganzen langen Fluss hinab, der bald zu einem mächtigen Strom anschwellen wird. Wir werden so durch ganz China reisen, ohne dass uns jemand sieht. Wir werden noch viel, viel weiter reisen. Denn Lachse können nicht nur in Flüssen und Seen, also in Süßwasser leben, sondern auch in Salzwasser, also im Meer. Unser Lachs schwimmt also mit uns bis zur Mündung des Flusses…
– Des Jangtsekiang, warf kurz der gebildete Ilhasa ein.
– Richtig, sagte Meister Alhasa, und hinter der Mündung liegt was, Ilhasa?
– Der Pazifische Ozean, Meister.
– Genau, und durch den schwimmen wir dann nach Süden, um Asien herum, durch den Indischen Ozean Richtung Afrika, hinein ins Rote Meer, dann durch den Suezkanal ins Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in den Atlantischen Ozean, dann rechts herum Richtung Norden, an Portugal, Spanien und Frankreich vorbei, rein in den Ärmelkanal, links England, rechts Frankreich, dann Belgien, dann Holland, dann hinein in die Mündung eines Flusses, der erst Waal und dann Rhein heißt, in ein Land namens Deutschland. Und in diesem Land, in dem es übrigens nur wenige, meist freundliche Chinesen gibt, die fast alle in der Gastronomie arbeiten, in diesem Land liegt die große Stadt mit den kleinen hellblauen Tempeln, die wir in der Glitzerstaubkugel gesehen haben.

Eine Weile herrschte Schweigen. Eine Reise um die halbe Welt, unter Wasser, durch drei Ozeane, ein paar Meere und zwei Flüsse, noch dazu im Bauch eines Fisch – das will erst mal verdaut sein. Irgendwann kamen dann aber doch die Fragen:
– Meister?
– Ja?
– Wovon sollen wir uns ernähren die ganze Zeit? Haben wir genug Luft? Werd‘ ich nicht seekrank? Wird es uns nicht langweilig?
– Wir werden weder essen noch trinken müssen. Wir werden atmen können. Wir werden nicht krank. Wir werden meditieren.
So sprach der Meister und blies Zauberstaub in die Luft. Der Glitzer bildete eine Glocke, in deren Mitte die kleinen Mönche saßen. Der Rand der Glocke schloss mit dem Fischbauchboden ab.
– So, sagte der Meister, diese Glitzerglocke wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen. Und das wird nicht viel sein. Und jetzt lasst uns meditieren. Wir haben 20.000 Seemeilen Zeit.

 

ZWEITER TEIL

Kapitel 7: Ankunft in der Fremde

Und der Lachs schwamm. Und schwamm. Zuerst im großen Strom Jangtsekiang durch ganz China bis zu dessen Mündung. Dann hinein in den Pazifischen Ozean. Durch den nach Süden, um Asien herum, durch den Indischen Ozean Richtung Afrika, hinein ins Rote Meer, durch den Suezkanal ins Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in den Atlantischen Ozean, dann rechts herum Richtung Norden, an Portugal, Spanien und Frankreich vorbei, rein in den Ärmelkanal, zwischen England und Frankreich hindurch, vorbei an Belgien und in Holland hinein in die Mündung des Waal, der einige Kilometer flussaufwärts anfängt, Rhein zu heißen, Da waren sie dann endlich in Deutschland. Und als im Süden die Hochhäuser, Kirch- und Fernsehtürme einer großen Stadt auftauchten, erlosch plötzlich die Glitzerstaubglocke, unter der die kleinen Mönche die ganze Zeit meditiert hatten. Langsam erwachten sie aus einem Zustand, der irgendwo zwischen Koma und Trance gelegen hatte.

– Brüder, es ist soweit, wir sind angekommen, sagte Alhasa, der weise, alte Abt.
– Wann sind wir endlich da?, fragte Olhasa und gähnte, wird Zeit, dass ich wieder mal an die frische Luft komme.
– Wirst du, mein Lieber, antwortete der Meister Aber jetzt packt erst einmal eure Sachen zusammen.
Der Lachs hatte inzwischen die letzten Flußwindungen vor der großen Stadt durchschwommen und steuerte einen Sandstrand an, am Ostufer des Rheins. Er musste sehr vorsichtig sein, denn er schwamm jetzt dicht unter der Wasseroberfläche und musste dauernd den vielen großen und kleinen Schiffen ausweichen, die den Strom rauf und runter fuhren, Tag und Nacht. Aber der Lachs war kein Anfänger, und so erreichte er sicher den Strand. Es war ein lauer Frühsommerabend, und auf der Promenade der Innenstadt hatte der Lachs viele Menschen erblickt. Hier, am Strand, etwas außerhalb, war niemand zu sehen. Die Kinder, die hier tagsüber gespielt hatten, waren längst zu Hause und freuten sich aufs Abendessen. Die Obdachlosen, die in den Zelten entlang des Ufers lebten, waren in der Stadt unterwegs, um sich was zum Leben und zum Überleben zu erbetteln. Irgendwo in den dichten Büschen schmuste und schmatzte ein Liebespaar, aber das störte nicht weiter. Ein großer, zottelfelliger grauer Straßenköter, der nicht sehr sauber aussah, trabte, die Nase am Boden, an der Wasserlinie auf und ab. Als der Kopf des riesigen Lachses genau vor ihm wie ein Schiff auf den Strand auflief, blieb der Hund stehen und wedelte mit dem Schwanz. Bellen tat er nicht. Interessiert sah er zu, wie der Fisch sein Maul öffnete und fünf Winzlinge herausgestiegen kamen. Die vier hinteren schleppten kleine Bündel, während der erste anscheinend die Verantwortung trug.
– Danke, mein Freund, sagte Alhasa zum Lachs. Wir werden es dir niemals vergessen und ich verspreche dir, dass du noch ein langes und glückliches Fischleben führen wirst.
Der Lachs schlug heftig mit dem Schwanz und wirbelte im Wasser ein Menge Sand auf. Dann warf sich mit einem Mal der mächtige Körper des Fisches hoch aus dem Wasser hinaus und klatschte mit einem satten Geräusch zurück in sein nasses Element. Noch zweimal grüßte der Lachs so die kleinen Mönche, dann verschwand er in den Fluten des Rheins. Die kleinen Mönche waren wieder allein. Oder doch nicht?
– Ich hatte euch schon gestern erwartet, sagte der Hund.
– Tut mir leid, antwortete Alhasa, wir mussten in der Biskaya einer Ölpest ausweichen. Das hat uns einen ganzen Tag gekostet.
– Hauptsache, ihr seid jetzt da. Es ist alles vorbereitet. Schau.
Der Hund legte sich auf die Seite. Er trug Seile um den Körper, an denen unter dem Bauch fünf kleine Hängematten befestigt waren. Außerdem gab es Vorrichtungen, um das Gepäck der kleinen Mönche zu verstauen.
– Gut, sehr gut, lobte der alte Meister den Hund. Und zu den anderen Mönchen gewandt:
– Macht eure Bündel fest und steigt in die Hängematten. Es geht gleich weiter.
– Sieht ja genauso aus wie bei unserer Ziege in Tibet, staunte Ulhasa. Der Hund knurrte.
– W…was hat er denn? Ulhasa sah Alhasa fragend und ein bisschen ängstlich an. Der alte Meister schaute ungewöhnlich streng:
– Du solltest einen Hund niemals mit einer Ziege vergleichen hörst du?
– Ja, aber, stammelte der junge Mönch, wenn es doch so ist?
– Still jetzt, wir brechen auf.
Zehn Minuten später trabte ein riesiger, zottelfelliger, grauer Straßenköter, der wirklich nicht sehr sauber aussah, durch die abendlichen Straßen der Stadt. Langsam wurde es dunkler und kühler. Aber noch waren auf den Straßen viele Menschen unterwegs, allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen. Zu Fuß, mit dem Rad und vor allem mit dem Auto. Das hupte, röhrte, reifenquietschte, was das Zeug hielt. Ein grauer Straßenköter fiel da nicht weiter auf. Da konnte er noch so groß sein und noch so exotische Passagiere mit sich herumtragen. Der Hund lief mit federnden Schritten zügig durch die Straßen. Irgendwann bog er in eine Einfahrt ein, überquerte einen weiten, bis auf ein paar parkende Autos leeren Hof. Hier war es sehr still und dunkel, in den Häusern gab es kaum mehr erleuchtete Fenster. Entweder waren die Menschen alle unterwegs oder im Bett. Naja, dem Hund und den kleinen Mönchen konnte das nur recht sein. Vor einer grauen Wand blieb der Hund schließlich stehen und legte sich auf die Seite. Vorsichtig lugte ein Winzling aus dem Fell hervor.
– Was gibt’s?, wisperte Meister Alhasa.
– Na, wir sind da, sagte der Hund, die letzte Strecke müsst ihr allein schaffen. Und beeilt euch bitte, ich habe noch eine Verabredung.
Schnell kamen alle kleinen Mönche samt Gepäck aus dem Fell gekrabbelt. Skeptisch sah Ulhasa die Wand hinauf:
– Da sollen wir hoch?
Während jetzt auch die übrigen Mönche die Wand hinauf starrten, unterhielt sich der Meister noch kurz leise mit dem Hund. Dann verneigte er sich vor dem Riesenköter, der wedelte freundlich mit dem Schwanz, verkniff sich ein Bellen und war mit einem Satz in der Nacht verschwunden.
– Und er erinnert mich trotzdem an unsere Ziege in Tibet, brummelte ihm Ulhasa hinterher. Wenn er kein Hund wäre…
– Was dann? unterbrach ihn Meister Alhasa, was, wenn die Ziege gar keine Ziege war, sondern ein Hund, und was, wenn es Wesen gibt, die mal Hund, mal Ziege sind, ganz so, wie sie mögen oder wie es am besten ist, was dann?
– Ja, aber, stotterte Ulhasa, während die anderen Mönche gespannt lauschten, ja, aber, (er fing sich ein wenig), was, wenn dieser Hund unsere Ziege ist, wie ist er, ich meine, sie denn dann von Tibet hierher gekommen. Doch wohl nicht zu Fuß, oder?.
– Wie sind wir denn hierher gekommen? Doch wohl nicht im Fisch, oder?
Das war die Stimme von Elhasa gewesen. Alle sahen ihn an: Er nun wieder! Meister Alhasa lächelte:
– Ich freue mich sehr, wie die Dinge euch dazu bringen, über sie nachzudenken. Doch im Augenblick sollten wir uns mit etwas Anderem beschäftigen.

Er zeigte auf die graue Mauer. Stumm schauten die vier kleinen Mönche erneut nach oben. Sehr weit nach oben. Dann ein Nicken im Chor, dann vier fragende Blicke. Meister Alhasa hob seine rechte Hand und blies etwas Glitzerstaub in die Luft.
– Schauen wir uns erst einmal an, was heute nachmittag hinter dieser Mauer geschah.
Der Glitzerstaub bildete eine Kugel, und in der war jetzt so etwas wie ein Film zu sehen – in Farbe, aber ohne Ton. (Was auch ganz gut war, sonst wären womöglich noch Leute geweckt oder aufmerksam geworden.) Und das sahen die kleinen Mönche in ihrem Glitzerstaub-TV:
Eine recht kleine, recht rundliche Frau mit lustigem Gesicht und dicken schwarzen Haaren schimpfte ganz fürchterlich mit einem kräftigen, mittelgroßen Mann mit Brille und lichten blonden Haaren. Beide gestikulierten heftig, aber es war ganz klar: Der Mann hatte schlechte Karten. Beide standen vor einem riesigen Haufen Kletterpflanzen, auf den die Frau immer wieder zeigte, um dann noch schlimmer und heftiger weiterzuschimpfen.
– Die haben aber ein schlechtes Karma, meinte Ulhasa, was ist denn da passiert, warum schimpft die Frau so mit diesem armen Kerl?
– Dieser arme Kerl ist der Mann der Frau, erklärte der alte Meister, und er ist für den Haufen Kletterpflanzen – man nennt diese Kletterpflanze hier übrigens Knöterich – verantwortlich. Er hat nämlich den ganzen Knöterich von der Mauer gerissen, ohne seine Frau zu fragen. Von dieser Mauer, genau hier, nur auf der anderen Seite.
– Und was haben wir damit zu tun?, fragte Elhasa.
– Wir, schmunzelte sein Meister, wir werden die Sache wieder in Ordnung bringen. Das hat viele Vorteile: Die Frau ist glücklich, weil ihr Knöterich wieder an der Mauer wächst. Der Mann ist glücklich, weil seine Frau glücklich ist. Der Knöterich ist glücklich, weil er wieder da ist, wo er hingehört, und weil er uns helfen kann, diese Wand hinauf zu kommen. Und wir sind glücklich, weil wir endlich zu den hellblauen Tempeln kommen, die da oben auf dem Dach des Gebäudes, an das die Mauer grenzt, auf uns warten.

Der Meister griff in die Glitzerstaubkugel. Die Bilder verschwanden. Die Hand des Meisters rührte im Glitzerstaub. Nachdem er alles gut umgerührt hatte, hob er seinen Arm und wies mit der Hand hinauf zum Rand der Mauer. Wie eine Schlange glitt der Glitzerstaub die Mauer empor, erreichte den Rand und verschwand aus dem Blickfeld der Mönche.
– Und jetzt?, fragte Elhasa.
– Abwarten, antwortete der alte Abt.
Nun ist abwarten nicht gerade die aufregendste aller Tätigkeiten. Deshalb verlassen wir jetzt auch für einen kurzen Augenblick die kleinen Mönche und düsen die Mauer hoch, der Glitzerstaubschlange hinterher. Die war nämlich inzwischen an der anderen Mauerseite wieder hinabgesaust und auf den Haufen Kletterpflanzen zu geschlängelt, auf eben jenen Knöterich, den der Mann am Nachmittag von der Mauer heruntergerissen hatte, sehr zum Ärger seiner Frau.

Der Glitzerstaub erreichte den Haufen, schoss hinein, wieder hinaus, drumherum, umgab ihn schließlich ganz und verließ ihn wieder. Und nahm beim Verlassen einen Trieb des Knöterichs mit sich, die Mauer hinauf bis zum Rand. Und dann geschah es: Blitzartig breitete sich der Knöterich über die ganze Breite und Höhe der Mauer aus, wobei der Haufen auf dem Boden immer kleiner wurde, fast könnte man sagen: der Haufen rollte sich ab wie ein zusammengelegtes Seil, immer schneller wurde die Mauer immer grüner, schöner und grüner und schöner als jemals zuvor. Ein leises Rascheln noch, dann war da kein Haufen mehr

Auf der anderen Seite der Mauer standen im dunklen Hof fünf kleine Mönche und starrten eine glatte, dunkle Wand hinauf. Dann sahen sie oben auf dem Rand ein Glitzern und dann etwas Grünes. Der Glitzerstaub sank langsam die Mauer hinab, und ein besonders kräftiger Trieb vom Knöterich wuchs ihm hinterher. Als der Knöterich den Boden erreicht hatte, begann er weitere Zweige auszutreiben, die wie Lianen aus einem Urwald aussahen. Der Glitzerstaub löste sich nach leisem Fingerschnippen des Abtes in Nichts auf.
– Stellt euch in einer Reihe auf, befahl Alhasa seinen Mitbrüdern. Stellt euer Gepäck vor euch auf den Boden. Kreuzt die Arme und lasst es mit euch geschehen.
– Was sollen wir mit uns geschehen la…, wollte Ulhasa fragen, da hatte ihn schon eine grüne Knöterichliane sanft aber fest umfasst. Eine zweite Liane kümmerte sich um sein kleines Bündel mit Habseligkeiten. Ulhasa schaute sich um: Seine Mitbrüder waren alle auch schon umschlungen, genau wie ihre kleinen Bündel und Köfferchen. Nur der alte, weise Meister Alhasa war nicht zu sehen.
– Meister, wo seid ihr?, rief Ulhasa besorgt und beunruhigt.
– Hier bin ich, hier! Die Stimme kam von oben. Ulhasa hob den Kopf. Da sah er den alten Abt hoch an der Mauerwand, fest und sicher im Griff des Knöterichs, der mit ihm stetig nach oben wuchs. Es tat einen kleinen Ruck, und schon ging es auch mit Ulhasa aufwärts. Und genauso mit Ilhasa, Olhasa und Elhasa. Und dem ganzen Gepäck. Der Knöterichaufzug leistete ganze Arbeit. Er hielt auch gar nicht erst an, als alle Mönche oben auf der Mauer angekommen waren. Nein, es ging gleich weiter, auf dem schmalen Sims bis zur Wand des Gebäudes, an das die Mauer grenzte. Hier ging es noch einmal ein Stück die Gebäudewand entlang nach oben, über die Dachkante hinweg. Noch ein Stück, dann hörte der Knöterich auf zu wachsen und gab Mönche und Material frei.
Sie waren auf dem Dach des Gebäudes. Vor ihnen erhoben sich drei hellblaue Tempel. Wunderschön im kühlen Licht des vollen Mondes.
– Wir sind da, sagte Meister Alhasa feierlich, hier werden wir erst einmal eine Weile bleiben können.
Sprach’s und war schon im ersten der drei hellblauen Tempel verschwunden. Die anderen Mönche rafften das Gepäck zusammen und folgten. Einer nach dem anderen verschwand in dem hellblauen Tempel. Nur Ilhasa, der Gärtner unter den kleinen Mönchen, drehte sich noch einmal um und verbeugte sich tief vor dem Knöterich.

 

Kapitel 8: Das neue Zuhause

Still und silbrig schien der Mond auf das Dach mit den drei kleinen, hellblauen Tempeln. Nichts rührte sich. Niemand in den Häusern um den Hof herum ahnte, dass das Dach des Straßenbahndepots ab jetzt bewohnt war. Auch wir – also Mama, Papa und ich – hatten da noch überhaupt keine Ahnung. Wir waren nämlich auch gerade erst eingezogen. In die Wohnung, die in der ersten Etage von genau dem Haus lag, in dessen Garten sich die Frau und der Mann wegen des Knöterichs gestritten hatten. Die Frau und der Mann wurden später Freunde von uns. Das nur nebenbei, falls die beiden diese Geschichte irgendwann mal lesen, dann haben sie‘s jetzt schriftlich, dass wir sie superdoll gut leiden können.

Während wir in dieser Nacht also alle tief und fest schliefen, war auf dem Dach des Straßenbahndepots noch eine Menge los. Denn die kleinen Mönche waren kein bisschen müde. Schließlich hatten sie während der langen Reise im Bauch des Lachses ausruhen und entspannen können. Jetzt galt es, sich so schnell wie möglich in den drei Tempeln einzurichten. Das Erstaunliche war: Diese drei Tempel waren wirklich perfekt getarnt – die Menschen hielten sie entweder für Lüftungsklappen oder für Kamine.

Beim Betreten der Tempel erlebten die kleinen Mönche eine weitere Überraschung (das heißt, ich bin mir nicht so sicher, ob der alte Meister wirklich so überrascht war): Es gab richtige Räume! Zwar alle leer, aber ansonsten ziemlich perfekt: sauber, mit guten Fußböden, soliden Wänden und Decken. Und jeder der drei Tempel hatte ein bestimmte Funktion: Es gab den Tempel des alltäglichen Lebens, den Tempel des Meditierens und den Tempel des Schlafens. Womit klar wäre, in welchem Tempel was gemacht wurde. Und bevor jetzt einer fragt – ja, es gab auch sowas wie Küche, Bad und Klo. Und fließendes Wasser, stellt euch vor. Doch die allergrößte Überraschung stand den kleinen Mönchen noch bevor, mit Ausnahme von Meister Alhasa natürlich. Denn der war für die Überraschung verantwortlich. Er öffnete nämlich eine Holztruhe, die zu ihrem Gepäck gehörte. Und was war darin? Der gesamte Hausrat ihres Klosters in Tibet. Von der Kücheneinrichtung bis zu den Betten, über Tische, Bänke, Stühle, Teppiche und so weiter und so fort. Alles, einfach alles, was sie brauchten, um auch hier auf dem Dach des Straßenbahndepots ein richtiges Kleinemöncheleben nach Tibeter Art führen zu können. Ach so, kleines Detail – fast vergessen: Der ganze Kram war extrem megawinzig klein, sozusagen doppelt und dreifach verkleinert. Jetzt wurde alles wieder vergrößert, bis es passend war zur Größe der kleinen Mönche und ihrer neuen Tempel.

So begann das stille, zurückgezogene, unauffällige Asylantenleben der kleinen Mönche auf dem Dach des Straßenbahndepots in einer großen Stadt am Rhein. Bis auf eine kleine nächtliche Begegnung zwischen drei kleinen Mönchen und einem kleinen Mädchen, die vor allem auf den Leichtsinn und die Abenteuerlust von Ulhasa zurückzuführen ist, gab es nichts, was hier erzählt werden müsste. Nun gut, vielleicht die Strafpredigt, die sich Ulhasa, Olhasa und Ilhasa vom alten, weisen Meister anhören mussten. Die hatte sich in der Tat gewaschen. Weder die Erklärung von Olhasa, er sei nur mitgegangen, weil er neue Kochrezepte zu finden hoffte, noch die Ausrede von Ilhasa, er habe doch nur wissenschaftliche Forschungen betreiben wollen, so wie in Tibet, und vielleicht hätten die Menschen hier ja auch etwas über Tibet gewusst, rettete sie. Vor allem Ulhasa bekam sein Fett weg, denn er hatte sich die ganze Sache schließlich ausgedacht. Einen winzigen Moment der Milde gab es lediglich, als er erzählte, wie er dem kleinen blonden Mädchen den Vergessen spendenden Glitzerstaub in die Stupsnase geblasen hatte.

Danach geschah lange Zeit nichts. Die kleinen Mönche lebten still, zurückgezogen und unauffällig. Sie beteten, meditierten und warteten. Warteten auf Nachricht aus Tibet. Auf den Tag, an dem sie ihr Asyl auf dem Dach des Straßenbahndepots würden verlassen können. Richtung Heimat. Richtung Tibet. Was sie nicht ahnten, ja, was noch nicht einmal der weise Meister Alhasa voraussah, geschah rund vier Jahre später. Und warf all ihre Pläne und Hoffnungen gründlichst über den Haufen.

 

Kapitel 9: Karoline braucht eine Pause

Es war mir zwar peinlich, aber ich konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken.
– Entschuldigt bitte, sagte ich und rieb mir die Augen, ich gähne nicht wegen eurer Geschichte, ich bin nur schrecklich müde. Wie spät ist das überhaupt?
Die kleinen Mönche wisperten miteinander.
– Du. Hast. Recht. Karoline. Es. Ist. Sehr. Spät. Geworden. Wir. Kommen. Morgen. Nacht. Wieder. Und. Dann. Erzählen. Wir. Dir. Warum. Wir. Hier. Sind.
– Ach, halt, Moment, rief ich, bevor ihr geht, hätte ich noch eine kleine Bitte.
Die kleinen Mönche sahen mich fragend an.
– Also, ich räusperte mich, es ist mir etwas unangenehm, und ich will ich auch nicht vorschreiben, wie ihr zu sein habt, aber…
– Aber…?, fragte Alhasa.
– Nun, also, wie ihr sprecht, nach jedem Wort so eine Pause, also, ich finde das sehr anstrengend, so beim Zuhören, ich mein, ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber…
Stotter, stammel, ich kam mir etwas blöd vor.
– Wir. Werden. Daran. Arbeiten., meinte Alhasa, Versprochen.
Dann hörte ich ein leise Schnipsen, worauf die Glitzerglocke verschwand. Dann kletterten die fünf flink und sehr geschickt vom Umzugskarton herunter und huschten über den Boden hinaus in den Flur ins Bad. Ich hinterher, aber ich war mal wieder nicht schnell genug. So sah ich nur noch, wie sie durch die kleine Metalltür hinter dem Klo wieder in der Wand verschwanden. Der letzte drehte sich aber noch mal um und winkte mir einen Gutenachtgruß zu.

Als ich dann endlich wieder im Bett lag und mir die Augen bleischwer zufielen, als ich schon dachte, jetzt würde ich nichts mehr denken, da, plötzlich, wurde ich schlagartig noch einmal hellwach: Die kleinen Mönche hatten mir zum Abschied keinen Zauberstaub in die Nase geblasen. Ich konnte mich noch an alles erinnern, was sie mir erzählt hatten. Ich würde am nächsten Morgen noch wissen, dass es sie gab. Da war ich sehr, sehr glücklich. Und fühlte gleichzeitig eine Verantwortung, die mich unwahrscheinlich stolz machte. Ich würde nichts verraten. Niemals. Niemandem. Auch nicht Mama und Papa. Aber da war ich eigentlich schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wusste ich tatsächlich noch alles. Große Erleichterung. Große Freude. Und immer noch ein bisschen Stolz.
– Sag mal, wieso lächelst du die ganze Zeit so ätherisch, fragte Papa beim Frühstück,
„Ätherisch“ ist eines dieser Wörter, die Papa gern benutzt, wenn er meint, ich müsse mal wieder was dazu lernen.
– Soll ich heulen?, hab ich zurück gefragt.
– Hey, hey, schon gut!, Papa hob die Arme wie ein Fußballspieler, der ein Foul begangen hat und es dann nicht gewesen sein will, war ja auch nur ne Frage.
Mama grinste, sagte nichts und dachte sich ihren Teil. Der weitere Verlauf unseres Frühstücks wie auch des gesamten Tages ist für diese Geschichte unerheblich.

Ich überspringe jetzt also rund 12 Stunden: Hops!

 

Kapitel 10: Wissenswertes über Elstern

Am Abend waren meine Eltern sehr schnell sehr müde. Um kurz vor zehn war bei ihnen im Schlafzimmer das Licht aus. Ich war natürlich noch wach. Ich wartete ja auf die kleinen Mönche. Kurz nachdem es dunkel geworden war bei Mama und Papa, zwitscherte es an meiner Zimmertür. Ich schlug die Bettdecke zurück – aus Zwecken der Tarnung hatte ich natürlich so getan, als würde ich schlafen – und öffnete. Augenblicklich kamen fünf winzige Gestalten herein gehuscht. Wie in der Nacht zuvor saßen wir bald wieder unter der Glitzerglocke.
– Also, begann ich, sagt ihr mir jetzt, wieso ihr hier seid und nicht in euren kleinen hellblauen Tempeln auf dem Dach vom Straßenbahndepot?
Der alte, weise Alhasa sah mich freundlich an, als gefalle ihm meine Ungeduld. Dann sagte er:
– Zuerst möchte ich dir mitteilen, dass wir unser kleines Sprachproblem gelöst haben, wie du unschwer hören kannst.
– Klasse, staunte ich, wie habt ihr das denn gemacht?
– Oh, antwortete Alhasa, wir mussten nur ein paar Feineinstellungen am Kommunikationsmodul vornehmen. Jetzt kannst du uns sogar ohne Glitzer und Vergrößerung gut verstehen.
Der alte Mönch überraschte einen immer wieder.
– Doch nun zu deiner Frage, fuhr er fort, kennst du dich mit Elstern aus?
Jetzt kam ich überhaupt nicht mehr mit und machte ein entsprechendes Gesicht:
– Ja, ähm, also, Elstern, das sind doch so Vögel, und die, äh,…
Der Abt seufzte und tat eine auffordernde Handbewegung:
– Ilhasa, bitte.
Ilhasa, der, wie ihr ja schon wisst, der gebildetste unter den kleinen Mönchen ist, legte los, mit seinem ganzen Klosterbibliothekswissen:
– Die Elster, lateinisch Pica pica, gehört zu den Rabenvögeln. Die Elster ist…
– Richtig, man kann sie übrigens auch essen, unterbrach in Olhasa, ich habe mal in einem alten chinesischen Kochbuch ein sehr interessantes Rezept gefunden, nach dem man Elstern in einer Mischung aus mildem Soja und Süßwein zubereitet. Nach dem Garwerden entfernt man die Federn und Beine und nimmt nur die Brust und das Kopffleisch. Mit der Brühe tut man sie in die Schüssel. Das soll sehr, sehr lecker sein.
Vier Mönche und ein Mädchen schauten ihn missbilligend an.
– Oooh, ich meinte ja nur, entschuldigte sich Olhasa.
– Ich sagte also, fuhr Ilhasa fort, dass die Elster zu den Rabenvögeln gehört. Sie unterscheidet sich von allen anderen Rabenvögeln vor allem durch ihren langen Schwanz. Dieser ist häufig so lang wie der gesamte Rest des Körpers. An diesem Schwanz und an ihrem schwarzweißen Gefieder kann man die Elster schon vom weitem gut erkennen. Ein weiteres Merkmal der Elster ist ihr Flug. Dabei flattert sie nämlich unregelmäßig, was auf den Betrachter unbeholfen und langsam wirkt. Auf dem Boden trippelt die Elster oder sie hüpft – nach vorn und auch gern zur Seite. Viele halten die Elster für einen schönen, intelligenten und interessanten Vogel. Andere wiederum sagen, sie sei eine Pest, ein Nesträuber und Vogelmörder, diebisch und geschwätzig.
– Das hab ich auch schon mal gehört, rief ich, Elstern sind ganz scharf auf alles, was blinkt oder glänzt, das klauen sie und schleppen es in ihr Nest!
– Wir nähern uns dem Problem, sagte Alhasa, bitte, Ilhasa.
Der Büchermönch fuhr fort:
– Elstern leben in einem gewissen sozialen System. Die Brutvögel bilden Paare, die ein Leben lang zusammen bleiben. Und sie besetzen ein Revier, um darin zu leben. Diejenigen Elstern, die nicht brüten, bilden größere Trupps. Zu denen gesellen sich, wenn sie mit dem Brüten und der Aufzucht ihrer Jungen fertig sind, auch die Paare.
– Ein Elsternrevier besteht also in der Regel aus mehreren Vögeln, ergänzte Meister Alhasa.
– Schön, und was hat das alles mit uns zu tun? Ich wurde jetzt doch langsam ein wenig ungeduldig. Rabenvögel, Elstern, Revier, Brüten Aufzucht, Bildung von Trupps – was sollte das alles? Nachhilfe in Bio, oder was?
– Mit uns, sagte Meister Alhasa und sah mich dabei sehr, sehr ernst an, mit uns hat das insofern zu tun, als dass unsere kleinen blauen Tempel…, er machte eine Pause und atmete einmal tief durch, … nun ja, sie stehen mitten drin in so einem Elsternrevier.
– Aber das ist noch nicht alles, platzte es aus Ulhasa heraus, sie verfolgen uns, sie jagen uns, sie wollen unsere Medaillons haben, weil die so schön glänzen.
– Aber woher wissen die das denn mit den Medaillons, fragte ich, ihr tragt die doch immer verborgen unter eurer Kleidung.
– Stimmt, antwortet Ulhasa, aber die Kleidung legen wir auch mal ab, zum Baden oder Waschen zum Beispiel, oder wenn wir unsere Sportübungen machen.
– Ich habe euch schon immer gesagt, dass diese viele Bewegung nicht gut für uns ist, sagte Olhasa.
Trotz des Ernstes der Lage mussten wir anderen wieder einmal lächeln über diesen kleinen, dicken, netten Mönch. Gerade Olhasa konnte Bewegung gut gebrauchen.
– Jedenfalls haben die Elstern irgendwann die Medaillons entdeckt, sagte Alhasa, und jetzt haben wir sie am Hals, im wahrsten Sinne des Wortes.
– Sie sind schlimm, sie machen uns das Leben zur Hölle!
Elhasa hatte bis jetzt noch gar nichts gesagt. Vielleicht lief mir deshalb bei seinen Worten ein eiskalter Schauer über den Rücken. In den Worten des stillen, sonst so schweigsamen Mönches lag Angst. Große Angst und Verzweiflung.
– Klar soweit?, fragte mich Alhasa.
Ich schluckte und nickte:
– Klar soweit.
Dann kam mir ein Gedanke:
– Sagt mal, warum benutzt ihr nicht euren Glitzerstaub? Mit dem könnt ihr doch mit allen Tieren sprechen. Oder ihr jagt mit seiner Hilfe die ganze Elsternbande einfach davon.
Ilhasa räusperte sich:
– Ich hätte da noch ein paar weitere, nicht unwichtige Informationen.
– Lass hören, sagte ich und versuchte, mich etwas entspannter hinzusetzen, was gar nicht so einfach war auf dem harten Holzfußboden in unserem neuen Haus (den dicken, schwarzen Teppichboden hatten wir nicht mitgenommen).
– Erstens: Wir können mit den Elstern nicht sprechen. Der Glitzerstaub funktioniert nicht.
Karolinengesicht wird zum Riesenfragezeichen. Ilhasa sprach weiter:
– Wir verstehen es selbst nicht. Wir haben es jeder allein und auch alle zusammen versucht. Aber diese Vögel sind immer in kleinen oder größeren Gruppen, nie allein. Zweitens: Diese Elstern verhalten sich nicht wie normale Elstern. Diese Aggressivität, mit der sie ihr Revier gegen uns, die wir für sie anscheinend Eindringlinge sind, verteidigen, ist ein Verhalten, das ich noch in keinem Buch erwähnt oder beschrieben gefunden habe. Und dass sie dermaßen gezielt hinter unseren Medaillons her sind, obwohl sie sie ja gar nicht mehr sehen können, weil wir sie seit dem ersten Angriff immer unter unserer Kleidung verborgen halten…
– Sie wissen einfach, dass die Medaillons da sind, unterbrach ihn Ulhasa.
Der alte Meister schüttelte den Kopf:
– Die Medaillons waren nur der Auslöser. Durch sie wurden die Elstern auf uns aufmerksam. Aber jetzt geht es ihnen nicht mehr um die Medaillons. Jetzt wollen sie uns.
Ich fand das alles ziemlich albern, und so ähnlich sagte ich das dann auch:
– Ich verstehe da was nicht. Das ist doch albern. Wieso könnt ihr euch nicht gegen die Elstern wehren, ihr habt doch den Glitzer, eure vielen Zaubertricks und, ja, warum hetzt ihr nicht euren großen Hund auf diese blöden Vögel? Für das Riesenvieh sind doch die paar Elstern ein Klacks. Der soll sie fertigmachen, aber so richtig!
Alhasa schüttelte traurig den Kopf:
– Ach Karoline, wenn es immer so einfach wäre. Aber den Hund auf die Elstern hetzen, das macht Lärm, und außerdem macht das der Hund nicht mit. Der Hund ist unser Freund, aber nicht unser Diener. Er würde uns natürlich jederzeit vor den Elstern beschützen, wenn die uns angreifen. Aber dazu müsste er den ganzen Tag bei uns sein, dort oben auf dem Dach des Straßenbahndepots, und dazu ist er einfach zu groß. Das würden sich die Leute sehr schnell fragen, was denn da so ein Riesenhund auf dem Dach macht. Und was unsere eigenen, durchaus vorhandenen Kräfte betrifft: Die dürfen wir nur benutzen, um Gutes zu tun. Wir dürfen sie niemals als Waffe einsetzen, auch nicht gegen noch so gemeine und böse Vögel. Wir können den Elstern dank unserer Kräfte ausweichen, aber die Bedrohung bleibt bestehen, und auch das Risiko, dass sie eines Tages doch einen von uns erwischen.
Er sah mich an:
– Verstehst du nun, Karoline, warum wir hier sind? Wir sind mit unserem Wissen, unserer Kunst am Ende. Wir verstehen diese Vögel nicht. Was meinst du, was kann das sein? Warum sind diese Elstern so anders?
Ach du meine Güte, jetzt war es raus. Diese mit unglaublichen Zauberkräften ausgestatteten Winzlinge wollten tatsächlich, dass ich ihnen half. So etwas kannte ich aus dem einen oder anderen Buch: Zauberdings verliert aus irgendeinem Grund die Macht und nur ein kleiner dummer Mensch kann helfen. Aber das hier war Wirklichkeit. Und der kleine dumme Mensch – war ich.
– Karoline? Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. Meister Alhasa sag mich fragend an:
– Willst du uns helfen?
– Na klar! (Oh nein, Karoline, halt die Klappe, was redest du da, wie willst du denen denn helfen? Also: zurückrudern!) Äh, da ist nur ein kleines, also, wirklich nur ein klitzekleines Problem: Ich habe keine Ahnung, wie.
So, jetzt hatte ich es gesagt. Gespannt sah ich die kleinen Mönche an, schaute von einem zum anderen. In keinem der kleinen, dunklen, runden Gesichter mit den schräg stehenden Augen sah ich Enttäuschung oder gar Zorn. Sie lächelten. Nicht traurig, nein, sie lächelten eigentlich fröhlich. Was war da los?
– Da haben wir schon wieder etwas gemeinsam, stellte Olhasa fröhlich fest.
Meister Alhasa erhob sich:
– Für heute Nacht soll es genug sein. Lasst uns schlafen gehen. Morgen abend um die gleiche Zeit treffen wir uns wieder. Dich, Karoline, möchte ich bitten, noch einmal in Ruhe über alles nachzudenken. Ich bin mir sicher, du wirst uns helfen können. Du weißt es nur noch nicht.
Die anderen Mönchen waren ebenfalls aufgestanden. Schnipp – die Glitzerstaubglocke verschwand. Ich ächzte meine eingeschlafenen Beine aus dem Schneidersitz. Bevor die kleinen Mönche mein Zimmer verließen, drehten sie sich in der Tür noch einmal um und verbeugten sich vor mir. Alle fünf. Als ich aus meiner ebenfalls sehr tiefen Antwortverbeugung wieder hoch kam, waren sie verschwunden.

Ein paar Minuten später lag ich im Bett und dachte nach. Über alles. So, wie es Alhasa mir gesagt hatte. Also dachte ich nach über Elstern. Mama sagte immer, dass Elstern so schick gekleidet seien. Ach, Mama, die hatte ja überhaupt keine Ahnung. Ein Satz von Papa über Elstern fiel mir nicht ein. Also dachte ich noch einmal an das, was Alhasa über die Elstern gesagt hatte: Wir verstehen diese Vögel nicht. Was meinst du, was kann das sein? Warum sind diese Elstern so anders?
Mit einem Mal saß ich aufrecht im Bett. Warum sind diese Elstern so anders? Das war es! Diese Elstern waren anders. So anders, dass die kleinen Mönche sie mit ihren Kleinemönchemitteln, die bei allen anderen Tieren funktionierten, nicht erreichen konnten. Also mussten wir heraus finden, warum diese Elstern da so anders waren. Das musste doch irgendeinen Grund haben! Ich legte mich wieder zurück und überlegte weiter. Menschen waren auch manchmal anders als normal. Wenn sie Alkohol getrunken hatten. Oder Drogen genommen. Papa war immer anders, wenn im Fernsehen Frankreich Fußball spielte. Mama war anders, wenn sie Schnecken sah. Ein Freund von uns hatte mal eine Hirnhautentzündung bekommen und war eine Zeit lang ganz anders, so verwirrt und so. Und Mamas beste Freundin war nach einem schweren Autounfall, bei dem ihr Gehirn verletzt worden war, sogar ein komplett anderer Mensch geworden, gar nicht mehr Mamas Freundin, sondern schon fast jemand Fremdes. Irgendetwas musste auch mit diesen Elstern passiert sein, etwas, dass dafür verantwortlich war, dass sie sich so benahmen. Das musste ich herausfinden. Das würde ich herausfinden. Ich fühlte mich plötzlich groß und schlau und mutig. Bevor mich die Wirklichkeit wieder auf den Boden zurückholen konnte, war ich eingeschlafen.

 

Kapitel 11: Der Schlachtplan

Der nächste Tag wollte und wollte nicht vergehen. Es war ja Sommer, die Tage waren lang und die Sommerzeit sorgte dafür, dass sie noch ein bisschen länger wurden. Außerdem hatten die großen Ferien begonnen. Normalerweise hätte ich also lange auf sein müssen. Draußen toben mit den neuen Freunden und so. Stattdessen ging ich nach dem Abendessen in mein Zimmer, setzte mich ans Fenster, schaute hinaus und wartete sehnlichst darauf, dass es endlich dunkel wurde. Unten auf der Terrasse hörte ich meine Eltern erzählen und lachen. Ach, wenn die wüssten. Langsam, ganz langsam zog die Abenddämmerung herauf. Plötzlich schaute Papa zur Tür herein:

– Warum sitzt du hier so alleine? Hast du Heimweh nach der alten Wohnung? Bist du traurig? Hast du was?

Papa konnte manchmal unheimlich viele komische Fragen ganz schnell hintereinander stellen.

– Nein, Paps, alles in Ordnung. Bin nur ein bisschen müde, weißt du. Ich glaub, ich geh ins Bett und lese noch.

– Na dann, schlaf schön und gute Nacht.

Schwups, war er wieder weg. Ich stand auf und schloss die Tür. Zwei Dinge, nahm ich mir vor, würde ich meinem Vater in der nächsten Zeit beibringen: Erstens anzuklopfen, bevor er mein Zimmer betritt, und zweitens die Tür zu schließen, wenn er es verlässt. Ich machte mich also bettfertig: Klamotten aus, Schlafanzug an, Zähne putzen, Zahnspangen rein. Dann legte ich mich mit einem Buch aufs Bett. Es war ja Sommer, es war warm, da schlief ich oft einfach so im Schlafanzug. Es klopfte an der Tür. Das war Mama. Der brauchte ich nichts beizubringen.

– Kind, du bist schon im Bett?

– Jaaah.

– Geht es dir gut, Kind?

– Hmmmh.

– Warum hast du die Vorhänge zugezogen. Und mach dir doch ein Fenster auf, die Luft ist wunderbar draußen.

Sprach’s und ging zum Fenster.

– Mama, bitte, ich kann besser einschlafen, wenn es dunkel ist. Und außerdem: Ich komm doch auch nicht in euer Schlafzimmer und sage euch, wie ihr das machen sollt mit eurem Fenster, oder?

– Wir machen das ja auch richtig, entgegnete Mama, frische Luft ist gut. Aber bitte, mach‘s in deinem Zimmer so wie du willst. Nur wundere dich bitte nicht, wenn es nachher riecht wie im Pumakäfig.

– Maaaaama…

– Gute Nacht, Kind.

Mama raus, Tür zu, endlich allein. Es folgten die üblichen Elterngehenzubettgeräusche, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Es dauerte endlos lange, bis endlich Ruhe herrschte. Ich legte mein Buch zur Seite, schloss die Augen und wartete. Wartete… wartete… warte…

– Karoline!

Jemand rief nach mir. Ein kühler Wind fuhr durch meinen dünnen Schlafanzug. Ich fror. Ich stand in einem dunkelgrauen Nebel, der um mich herumwaberte. Plötzlich streifte etwas mein Gesicht. Federn! Die Flügel eines Vogels! Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Da war etwas im Nebel vor mir. Und es kam näher. Es waren Vögel. Schwarzweiße Vögel mit langen, wippenden Schwänzen. Elstern! Sie wurden immer mehr, und sie kamen immer näher. Sie öffneten ihre Schnäbel und riefen „Karoline! Karoline! Wach auf! Wir sind da!“ Ich wollte mich umdrehen, weglaufen. Ich wollte meine Beine bewegen. Ich wollte mit den Armen rudern, um die Vögel abzuwehren. Ich wollte, ich wollte, ich wollte. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen.

– Karoline!

Wild im Bett mit Armen und Beine strampelnd wachte ich auf. Kein Wind. Kein Nebel. Keine Elstern. Aber am Fußende meines Bettes saßen die fünf kleinen Mönche aufgereiht wie die Hühner auf dem Holzrahmen und schauten mich lächelnd an:

– Hab keine Angst, Karoline, wir sind es. (Also, im Chor zu sprechen, das beherrschten die kleinen Kerle perfekt.)

– Was? Wie?, nur langsam fand ich in die Wirklichkeit zurück. Dann kam noch mal der ganze Schrecken zurück:

– Da waren Elstern, ganz viele! Sie haben mich gerufen.

– Das waren keine Elstern, Karoline, das waren wir. Du warst eingeschlafen und hast geträumt.

– Eingeschlafen? Ich habe doch auf euch gewartet. Wie spät ist es denn?

– Kurz nach zwölf.

Die Mönche fassten sich an den Händen und schwebten gleichzeitig hinunter aufs Bett. Zirkusreif, die Nummer! Wie immer setzten wir uns dann im Kreis zusammen. Über uns wölbte sich die Glocke aus Zauberglitzer. Sie sorgte wie immer dafür, dass wir uns in Ruhe unterhalten konnten, ohne dass außerhalb der Glitzerglocke davon etwas zu hören war. Ansonsten hätte ich auch auf sie verzichten können, denn ich konnte inzwischen die kleinen Mönche auch ohne Vergrößerung perfekt erkennen und auseinander halten. Und weil die kleinen Mönche jetzt auch nicht mehr so abgehackt sprachen und ihre Stimmen auch für uns große Menschen gut zu hören waren, konnten wir uns auch ohne Glitzer bestens unterhalten.

– Also, begann Alhasa, wir brauchen einen Plan.

– Genau, stimmte ich zu, einen Schlachtplan gegen die Elstern.

Alhasa lächelte milde:

– Ich denke, es geht auch etwas weniger martialisch, Karoline.

– Marti..was?

– Martialisch, erklärte Ilhasa, das bedeutet „kriegerisch“ und ist abgeleitet vom Namen des römischen Kriegsgottes Mars.

– Ach, sagte ich, für mich war Mars immer was zu essen. Oder ein Planet, fügte ich schnell hinzu, um zu zeigen, dass ich auch ein bisschen gebildet war.

– Mars? Essen?, wollte Olhasa wissen, gibt es da irgendwelche Rezepte? Römische vielleicht?

– Also, so weit ich weiß, dozierte Ilhasa mit Inbrunst, finden sich weder in der „Re ce coquinaria“ des Apicius noch in der „Cena Trimalchionis“ des Petronius irgendwelche Rezepte, bei denen der Name des Mars auftaucht. Selbst in den Quellen über den berühmten Lucius Licinius Lucullus steht nichts über Rezepte in Zusammenhang mit dem Kriegsgott. Und Lucullus war schließlich nicht nur Feinschmecker, sondern immerhin auch Feldherr.

Der alte Abt räusperte sich vernehmlich:

– Ihr Lieben, ich glaube, ihr schweift gerade etwas ab. Ich sagte, wir brauchen einen konkreten Plan. Eine Strategie, nach der wir vorgehen, um eine Lösung unseres Problems zu finden.

Jetzt war der Moment gekommen, um meine Überlegungen vom Vorabend an den Mönch zu bringen:

– Ich denke, wir müssen heraus finden, warum sich diese Elstern so anders verhalten als normale Elstern. Wir müssen also erstens den Grund ihres Verhaltens finden. Wenn wir den haben, können wir zweitens darüber nachdenken, ob wir das Verhalten der Elstern so ändern können, dass sie sich wieder normal verhalten. Wir müssen drittens also nach einem Weg suchen, den Grund des Verhaltens aus der Welt zu schaffen. Wenn wir das geschafft haben, könnt ihr viertens noch einmal versuchen, mit den Elstern zu sprechen, wie ihr auch mit anderen Tieren sprecht. Wenn das dann klappt, wird fünftens alles gut.

Es war ganz still im Zimmer. Kein Mönch sagte was, aber alle schauten mich an. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht mit den Erstens, Zweitens und so weiter durcheinander geraten war, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich da einen ziemlich guten Plan entwickelt hatte. Endlich sprach Alhasa:

– Karoline, das ist ein sehr guter Plan.

Strahlendes Karolinengesicht.

– Aber wie sollen wir den Grund für das seltsame Verhalten der Elstern finden? Wir können sie ja leider nicht fragen.

Angestrengtes Karolinengesicht. Meine Gedanken rasten. Das stimmte, wir konnten die Elstern nicht fragen. Sie verstanden die kleinen Mönche nicht, und außerdem waren sie zu viele und zu angriffslustig. Und da, ganz langsam, stieg ein neuer Gedanke in mir auf. Wir sprachen immer von DEN Elstern, also immer von allen. Was aber wäre, wenn…

– Bis jetzt hattet ihr es immer mit allen oder mindesten mit mehreren Elstern zu tun. Was aber wäre, wenn wir es schafften, eine einzelne Elster zu fangen, um mit ihr zu sprechen? Vielleicht ist das bei den Elstern ein wenig so wie bei euch: Ihr seid zu fünft ja auch viel stärker als einer allein.

– Ja, sagte Elhasa, wenn es uns gelänge, eine Elster alleine zu erwischen, könnten wir versuchen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Dann könnten wir uns in Ruhe auf diesen einen Vogel konzentrieren und müssten nicht immer aufpassen, dass uns die anderen nicht angreifen.

– Fünf ausgebildete Mönche aus dem letzten Lhasa-Kloster Tibets gegen einen blöden Vogel, schnaubte Ulhasa, das ist nicht ehrenvoll, das ist lächerlich, das mache ich …

– Lieber junger Bruder, unterbrach ihn der alte Alhasa freundlich, aber bestimmt, bitte denke, bevor du sprichst, und bedenke, dass wir nicht vorhaben, etwas gegen diesen Vogel zu unternehmen, sondern dass wir versuchen wollen, endlich mit einem dieser Vögel, und in der Folge dann vielleicht mit allen, vernünftig zu sprechen, um endlich eine Lösung unseres Problems zu finden.

Ulhasa senkte unter den Worten des weisen Abtes den Kopf:

– Verzeiht, Meister, ich habe mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen.

Ich war indes neugierig geworden und hakte nach:

– Sag mal, worin seid ihr denn ausgebildet, und wieso sprichst du plötzlich so wichtig von eurem Kloster? Ihr habt mir doch gesagt, es sei völlig unbedeutend.

Zum erstem Mal erlebte ich bei meinen kleinen, klugen Freunden so etwas wie ein betretenes Schweigen. Die vier jüngeren Mönche schielten zu ihrem Meister hinüber.

– Ihr Lieben, sagte Alhasa, und wieder umspielte dieses feine Lächeln seine Lippen, ihr Lieben, ich glaube, ihr schweift gerade wieder etwas ab.

Erleichterung in den Gesichtern von vier Mönchen, Enttäuschung im Gesicht von Karoline. Ich wusste, ich würde dazu heute nichts mehr in Erfahrung bringen. Alhasa fuhr fort:

– Die Idee, eine Elster von den anderen zu isolieren, um dann zu versuchen, mit ihr Kontakt aufzunehmen, ist sehr gut. Wie können wir sie verwirklichen? Wie fängt man eine Elster, die sich anders verhält als normale Elstern und die vor allem wesentlich aggressiver ist?

Er schaute von einem zum anderen Mönch. Viermaliges Kopfschütteln. Er schaute mich an. Einmaliges Achselzucken.

– Kennen wir jemanden, der uns helfen kann?, fragte Ilhasa in die ratlose Runde, ich meine, außer Karoline, denn das kann sie unmöglich alleine schaffen.

Autsch, das tat weh, aber das hat die Wahrheit manchmal wohl so an sich. (Papa hatte mir das schon öfter mal gesagt, aber erst jetzt verstand ich, was er damit gemeint hatte.) Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, eine lebende Elster zu fangen. Schon gar nicht eine von diesem Kaliber.

– Stimmt, räumte ich denn auch ein, aber wo gibt es einen Menschen, der uns helfen kann, dem wir das alles erzählen können, der uns das alles glaubt und dann auch keinem Menschen davon erzählt?

– Nun, grinste Elhasa, den letzten Punkt  kannst du uns und dem Glitzerstaub überlassen.

Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Die kleinen Mönche würden schon dafür sorgen, dass sich unser Helfer später an nichts mehr erinnerte.

– Ähm, entschuldigt mich, meine Brüder, verzeiht, weiser Vater, aber ich glaube, ich muss euch etwas sagen.

Das war Olhasa. Alle schauten ihn an mit einem Bittenichtwiedereinekochgeschichtegesicht. Alle, bis auf den alten Alhasa:

– Sprich, lieber Bruder, ich bin froh, dass du endlich den Mund aufmachst. Ich hatte schon befürchtet, du würdest es nicht mehr schaffen.

Dieser Alhasa. Was wusste er jetzt schon wieder, was wir nicht wussten, dass es Olhasa wusste? Alle spitzten die Ohren und schauten den kleinen, moppeligen Küchenmönch erwartungsvoll an.

– Ja, also, begann er, ich glaube, ich wüsste da jemanden. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber ich weiß, wo er lebt und was er so macht.

– Erzähle ruhig der Reihe nach und von Anfang an, Bruder Olhasa, du hast nichts zu befürchten.

Olhasa sah seinen Abt dankbar an. Dann holte er tief Luft und legte los:

– Wir waren noch nicht allzu lange in den kleinen hellblauen Tempeln, und mit den Elstern das hatte auch noch nicht angefangen, da ging ich eines Tages allein auf dem Dach spazieren. Es war kurz nach Mittag, ihr anderen ruhtet nach dem Essen, ich hatte gerade die Küche aufgeräumt und wollte ein wenig frische Luft schnappen nach all den Kochdünsten. Und wie ich da so umherschlenderte, stieg mir plötzlich ein köstlicher Duft in die Nase. Mir war sofort klar: Dies musste eine erlesene Speise sein, eine, die ich noch nicht kannte, denn so etwas hatte ich noch nie zuvor gerochen. Ich folgte dem Duft. Nach einer Weile erreichte ich eine Luke im Dach, die ein wenig offen stand. Aus der Luke stieg dieser unglaubliche Duft zu mir empor. Ich schaute zurück. Die Tempel lagen sehr weit hinter mir. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie lange und wie weit ich schon gegangen war. Ich war völlig verzaubert von diesem Duft. Ich beugte mich über den Rand der Luke, riskierte vorsichtig einen Blick – und sah hinab in einen riesigen, weiten Raum. Und in ein genauso riesiges Durcheinander aus vielen unterschiedlichen Dingen in zum Teil sehr grellen Farben. Ich sah Latten und Bretter aus Holz, Farbeimer, einen großen Arbeitstisch, alle möglichen Werkzeuge und Pinsel und eine Menge Dinge mehr, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Dazu an den Wänden entlang aufgereiht eine Reihe von Ungetümen, manche von ihnen auf Rädern. In der Mitte des Raums stand ein besonders großes Ungetüm, eine Art riesige Kutsche mit vielen verschachtelten Aufbauten. Vor diesem Ungetüm stand ein kleiner Tisch. Vor dem Tisch saß auf einem Stuhl ein Mann. Vor dem Mann auf dem Tisch sah ich schließlich die Quelle dieses köstlichen Duftes. Auf einem großen, zerknitterten Stück fast durchsichtigen Papiers stand eine Schale, ich glaube, aus Pappe. In dieser Schale erkannte ich eine rote, dampfende Soße, darin runde Stückchen von etwas, das aussah wie aus Fleisch gemacht. Mit einer kleinen Gabel spießte der Mann immer wieder eins von den runden Fleischdingern auf, tunkte es in die Soße, in der ich jetzt auch kleine Zwiebelstückchen erkannte, und stopfte sich das Ganze dann mit einem wohligen Seufzer in den Mund. In der anderen, der linken Hand hielt der Mann ein kleines Brot, das er ebenfalls in die Soße tunkte, bevor er ein Stück abbiss. Hmm, ich bekomme Hunger, wenn ich das hier so erzähle. Wenn ich bloß wüsste, was der Mann da gegessen hat.

– Das kann ich dir sagen, meinte ich, das war eine Currywurst, höchstwahrscheinlich die besonders scharfe Version mit Spezial-Zwiebelsoße.

– Und, fragte Olhasa eifrig, kennst du das Rezept?

– Olhasa, Karoline, bitte. Sanft rief uns der alte Meister zur Ordnung. Sag, Olhasa, was macht dich glauben, dass dieser seltsame Mann unser Helfer sein könnte?

– Nun, er versteht anscheinend was von gutem Essen, warf Ulhasa ein. Olhasa warf ihm einen bösen Blick zu, und sagte dann:

– Der Mann machte da unten in diesem großen Raum etwas, das etwas Künstlerisches, ja Phantastisches hatte. Deshalb glaube ich, dass er uns zuhören, uns glauben wird. Und vor allem glaube ich, dass er Spaß daran haben wird, uns zu helfen. Außerdem kann der Mann mit Werkzeug umgehen. Er hat nicht nur Phantasie im Kopf, er kann auch mit seinen Händen umgehen. So einer kann auch einen Vogel fangen.

Es entstand eine Stille, in der jeder nachdachte über das, was der Küchenmönch gesagt hatte. Dann nickte der alte Meister Lhasa:

– Mit dem Kopf in den Wolken, mit den Füßen auf dem Boden. Ja, dieser Mann ist der richtige für uns. Aber wie heißt er? Wie können wir Kontakt mit ihm aufnehmen?

Olhasa schüttelte den Kopf. Alle fünf schauten mich fragend an.

– Moooment mal, begann ich, ich weiß jetzt, dass da im Straßenbahndepot anscheinend ein Verrückter lebt, der irgendwelche Ungetüme auf Rädern baut und dazu scharfe Currywurst isst. Aber, liebe Leute, ich bitte euch, wie soll ich da hinkommen, alleine, und dann den Mann finden und auch noch dafür sorgen, dass er mir zuhört, mir glaubt und uns hilft? Das schaffe ich unmöglich allein!

– Brauchst du auch nicht, sagte Alhasa. Dein Vater wird dir helfen.

– Papa?!? Augenblicklich stand ich fast senkrecht im Bett. Ihr wollt Papa einweihen?

– Es wird notwendig sein.

– Aber, aber, er wird, er ist…

– Er ist der Vater seiner Tochter, sagte Alhasa eindringlich. Langsam dämmerte mir, was der alte Meister damit meinte.

– Schlaf eine Nacht drüber, Karoline. Diese Nacht.

Alhasa und die anderen verneigten sich.

– Für heute ist genug gesprochen, sagte er. Gute Nacht.

Schnips, die Glitzerglocke erlosch. Fünf kleine Lichtpunkte glitten von meinem Bett hinunter aufs Parkett. Durch die Tür. Hinaus ins dunkle Haus. Mit einem tiefen „Puuuuh“ ließ ich mich aufs Kissen zurückfallen. Und während ich mir langsam und immer genüsslicher das Gesicht von Papa vorstellte, wenn ich ihm die kleinen Mönche präsentierte, schlief ich breit grinsend ein.

 

DRITTER TEIL

Kapitel 12: Karneval und Currywurst

Am nächsten Morgen, es war Samstag, ging dann alles sehr schnell. Während des Frühstücks klingelte das Telefon, Mama sprach eine Weile, kam in die Küche zurück und eröffnete Papa und mir, dass sie gleich weg müsse, zu ihrer Freundin Heike auf dem Land, mit der sie eine gemeinsame Ausstellung plante. Da Heike über 100 Kilometer entfernt wohnte, sagte Mama, werde sie dort übernachten und erst am nächsten Tag wiederkommen. Und weil Papa ja heute nicht arbeiten brauchte, könnten er und ich uns einen schönen Vatertochtertag machen.

Eine Stunde später war Mama fort und Papa reif – für die Begegnung mit den kleinen Mönchen. Denn mir war sehr schnell klar geworden, dass dies eine einmalige Chance war, Papa nicht nur einzuweihen, sondern auch noch heute mit ihm zum Straßenbahndepot zu fahren und mit diesem Currywurstesser zu sprechen. Mama war zwar mit dem Auto unterwegs, aber wir konnten auch mit dem Bus und dann sogar mit der Straßenbahn zum Straßenbahndepot zu fahren. Das hatte was, fand ich. Aber: Noch waren wir nicht so weit.

Nachdem wir die Küche aufgeräumt und die Betten gemacht hatten, fragte Papa:
– So, und was machen wir beide nun aus diesem Tag?
– Ich muss mit dir was besprechen, antwortete ich, etwas sehr Wichtiges.
Mein Vater machte ein alarmiertes Gesicht:
– Na, dann schieß mal los.
– Nein, nicht hier in der Küche. Lass uns in mein Zimmer gehen, nein, lieber ins Bad.
– Ins Bad? Papas Gesicht zeigte Alarmstufe Gelb.
– Bitte Papa, es ist wichtig.
Ich weiß nicht, was mein Vater dachte, sein Gesicht jedenfalls hatte jetzt diesen besorgten onkeldoktorlichen Jawashatdennmeinkindausdruck angenommen, während er hinter mir die Treppe hinauf stieg zum Bad. Dieses Gesicht hatte noch ein paar Sekunden Bestand, während ich ihn bat, sich auf den Badewannenrand zu setzen und sich gut festzuhalten, während ich mich quer auf den geschlossenen Klodeckel setzte, mich dann hinunter beugte und ganz vorsichtig an die kleine Metalltür unten in der Wand klopfte.

Das Gesicht, das Papa machte, als sich dann die Tür von allein öffnete, hatte ich vorher noch nie bei ihm gesehen. Ich möchte hier jetzt gar nicht in allen Einzelheiten erzählen, wie diese erste Begegnung zwischen meinem Vater und den kleinen Mönchen verlief. So viel nur: Papa zeigte sich von seiner allerbesten Seite, nachdem er sich vom ersten Schock erholt hatte. Er verstand sich sofort glänzend mit allen. Aber er hatte auch sehr schnell den Ernst der Lage erkannt und übertrieb es nicht mit den „Schärrzen“, wie er seine manchmal etwas peinlichen Witze zu nennen pflegte. Und zu Meister Alhasa war er supernett, höflich und voller Respekt. Ich war richtig stolz auf meinen Paps.

Die kleinen Mönche hatten sich bestens darauf vorbereitet, meinem Vater in kürzester Zeit alles zu erzählen und zu erklären, was er wissen musste. Das war mehr oder weniger das, was ihr bis jetzt gelesen habt. (Hey, eigentlich ein guter Anlass, noch mal zurück zu blättern, um die eine oder andere Erinnerung aufzufrischen, was meint ihr?) Dieser Schnellkurs über kleine Mönche fand, wie könnte es anders sein, mit Hilfe des Zauberglitzers statt. Alhasa formte Glitzerstaub zu einer Kugel, und in der Kugel lief dann so eine Art Film für Papa ab. Als der „Film“ zu Ende war, nickte mein Vater:
– Dann fahren Karoline und ich am besten gleich zum Straßenbahndepot und schauen mal, ob wir diesen Karnevalskünstler finden und sprechen können.
– Karnevalskünstler?, fragte ich.
– Ja, sagte Papa, ich hab mal irgendwo gelesen, dass da im Straßenbahndepot so ein Künstler Karnevalswagen baut, die dann beim Rosenmontagszug zum Einsatz kommen. (Zu den kleinen Mönchen gewandt:) Das ist so ein Brauch hier bei uns. Jedes Jahr, so im Februar, wird die Hälfte der Bevölkerung wahnsinnig und feiert an einem langen Wochenende von Donnerstag bis Dienstag eine Riesenparty. Dazu wird gesoffen und ge.., (er räusperte sich mit einem Seitenblick auf mich), naja, gefeiert eben, und dazu verkleiden sich viele, damit man sie nachher nicht wiedererkennt. Ach ja, und schon während der Wochen davor gibt es jede Menge Fernsehsendungen und so.
– Karneval, der, italienisch carnevale, vermutlich eine Umdeutung von mittellateinisch carne vale »Fleisch lebe wohl« oder carrus navalis »Schiffskarren«, hob Ilhasa an. Papas Mund klappte auf und ging in den nächsten Minuten nicht wieder zu. Ilhasa dozierte weiter:
– Es bezeichnete den Sonntag vor Aschermittwoch, ursprünglich Sonntag vor der vorösterlichen Fleischenthaltung, an dem die Menschen noch mal so richtig das Leben genossen, bevor es in die Fastenzeit ging. Daher auch der Name Fastnacht. Fastnacht bezeichnet, wie ich schon sagte, ursprünglich den Abend vor der Fastenzeit, seit dem 15./16. Jahrhundert vor allem die letzten drei Tage. Diese lustige Zeit wurde dann nach und nach ausgedehnt, und seit dem 19. Jahrhundert herrscht vom Dreikönigstag bis Aschermittwoch eine Zeit des Frohsinns, verbunden mit Tanzveranstaltungen, Maskeraden und ähnlichen Vergnügungen, mit Höhepunkt und Ende am Fastnachtsdienstag.
Papa verzog das Gesicht zu einem grimmigen Grinsen und nickte:
– Genau, das ist der Karneval. (Und an Ilhasa gewandt:) Klasse Definition – aus dem Brockhaus?
Ilhasa nickte stolz:
– Den haben wir komplett in der Bibliothek unseres Klos…
Er verstummte. Alle Mönche saßen plötzlich seltsam erstarrt da. Die Stimmung schlug um. Gab es das Kloster überhaupt noch? Und wenn ja, was war aus ihm geworden?
Es vergingen ich weiß nicht wie viele bleischwere Minuten. Dann gab sich Papa einen Ruck und fragte Richtung kleiner Mönche.
– Wer von euch kommt mit?
Keine Reaktion.
– Hallo, Mönche, ich rede mit euch. Kommt mal wieder in die Wirklichkeit zurück!
Alhasa bewegte sich. Langsam drehte er den Kopf, schaute zum Himmel, dann in die Runde, dann auf mich, dann auf Papa.
– Entschuldigt, Karoline und Vater der Karoline, sagte er, wir waren für einen Augenblick zu Hause.
Auch die anderen kleinen Mönche erwachten langsam aus ihrer seltsamen Starre.
– Ulhasa und Elhasa, ihr werdet Karoline und ihren Vater begleiten. Ich denke, es ist das Beste, wenn unsere beiden Freunde von einem mutigen und einem besonnen Mönch begleitet werden. So ist alles im Gleichgewicht.

Zehn Minuten später standen Papa und ich an der Haltestelle und warteten auf den Bus, um in unsere alte Heimatstadt zu fahren. Vor dem Verlassen des Hauses hatte Papa noch aufs Klo gemusst. Das muss er immer, bevor er irgendetwas Wichtiges unternimmt. Ich nutzte die Gelegenheit, um etwas zu tun, was ich schon die ganze Zeit tun wollte: Ich zählte die kleinen Mönche. Es waren nur vier!
– Wo ist eigentlich Olhasa, fragte ich den alten Abt.
– Der hat zu tun, kam es knapp zurück, wobei Alhasa ein klares Fragbittenichtweitergesicht machte.

Wir standen also an der Haltestelle. Ulhasa und Elhasa steckten in meiner Zahnspangendose, die ich dazu mit Watte ausgepolstert hatte. Die Dose selbst steckte in meiner Lieblingsumhängetasche, die ich fest und vorsichtig an mich drückte. Was Papa allerdings nicht davon abhielt, mich alle naselang entweder zu ermahnen, die Tasche nicht zu fest zu drücken, oder mich zu ermahnen, sie ja nicht los zu lassen. In der großen Stadt am Rhein mussten wir einmal umsteigen, in die Straßenbahn. Mit der ging es dann bis zur Endstation: dem Straßenbahndepot.

Nachdem wir ausgestiegen waren, warteten wir einen Moment, bis die anderen Fahrgäste verschwunden waren. Die Straßenbahn, nun leer bis auf die Fahrerin, fuhr unter großem Gerumpel und Gequietsche ins Depot ein. Papa und ich schauten uns kurz an und marschierten dann hinterher. Aber so einfach kommt man in kein Straßenbahndepot. Auch hier nicht. Da gab es nämlich neben der Einfahrt eine Art Pförtnerhaus, ein wuchtiges kleines Stück Stein auf Stein. Und drinnen saß, fast genau so wuchtig, ein Mann in einer Art Uniform. Als er sah, wie wir uns hinter der Straßenbahn ins Depot mogeln wollten, öffnete er im großen Pförtnerhausfenster ein kleines Sprechfenster:
– Hallo! Sie da! Sie können hier nicht einfach rein! (Brüll. Motz. Wichtig.)
Papa und ich wechselten wieder einen Blick. Da gingen wir rüber zum Pförtner.
– Ah, gut, dass Sie da sind, sagte Papa mit seinem freundlichsten Lächeln. Wir haben Sie gar nicht bemerkt.
– Sie können hier nicht einfach rein! (Aufpluster. Wichtig. Motz.)
– Das haben wir uns gedacht, guter Mann, deshalb kommen wir ja auch zu Ihnen, säuselte Papa. (Schleim. Schleim.)
-Wir wollen zu dem Künstler, der die Karnevalswagen baut, machte ich dem Hinundher ein Ende, wir werden erwartet, wir haben einen Termin bei ihm.
– Bei dem Spinner?, der Pförtner schnaubte verächtlich, na dann pass mal auf, kleines Fräulein, dass der dich nicht zu seiner Karnevalsprinzessin macht, hahaha. (Megalustiger Witz.)
– Und wo finden wir den Spinner? Papas Stimme klang plötzlich etwas metallisch.
– Nehmen Sie den Eingang hier links, und dann überqueren Sie den Hof. Halle 1, das ist die erste rechts. Aber passen Sie auf, das ist hier ein stark befahrener Betriebshof.
– Danke, und helau auch, sagte Papa.
Peng! Der Pförtner knallte das Fensterchen zu.
– Hm, brummte Papa, jede Wette, dass der Karneval hasst.
– Ich glaube, der hasst nicht nur Karneval, sagte ich und hüpfte über die vielen Schienen, die den Hof des Straßenbahndepots durchzogen. Das riesige, graue Tor mit der einst weißen, nun verblichen grauen großen 1 stand leicht auf. Wir gingen hinein, weiter und weiter. Die Halle war wirklich unglaublich groß, mit vielen, langen Neonröhren an der hohen Decke. Die meisten leuchteten ein kaltes, klares Licht. Überall im Boden waren noch Schienen, aber Straßenbahnen standen hier keine mehr. Stattdessen etwas anderes, nicht minder großes: Karnevalswagen. Fertige, fast fertige und noch überhaupt nicht fertige. Alles war so, wie es Olhasa beschrieben hatte. Und ganz hinten, vor einem riesigen Karnevalswagen, ein Tisch mit einem Stuhl, und darauf ein Mann. Je näher wir Tisch, Stuhl und Mann kamen, desto besser konnten wir sehen, was er da gerade tat. Auch das kam uns bekannt vor. Sehr bekannt sogar: Der Mann aß eine Currywurst.
– Guten Appetit, sagte Papa zu dem Mann.
Ich sah hinauf zur Decke. Ganz oben, direkt über Tisch, Stuhl und Mann, erkannte ich ein Dachfenster, das einen Spalt geöffnet war. Von da oben musste Olhasa den Mann beobachtet haben.
– Danke, antwortete der Mann mit vollem Mund und stippte sein Brötchen in die rote, scharfe Soße. Waf kann if für Fie fun?
– Nicht mit vollem Mund sprechen, rutschte es mir heraus. Papa sah mich tadelnd an. Der Mann schluckte, wischte sich den Mund mit einem Fetzen Küchenpapier ab und lachte:
– Du hast wohl den Knigge auswendig gelernt, was?
– Den was?, fragte ich zurück.
– Erklär ich dir später, fuhr Papa dazwischen, dann, zum Mann gewandt:
– Erst mal schönen guten Tag. Ich heiße Mathias Lober und das ist meine Tochter Karoline. Ich hoffe, wir stören nicht.
– Mmh, machte der Mann, kommt drauf an, womit und wozu. Ich bin übrigens Fred Fortein.
– Klingt irgendwie niederländisch, sagte Papa.
– Das meinen viele. Aber eigentlich kommt es aus dem Französischen. Meine Vorfahren hießen ursprünglich Fortain, und dann ist irgendwann Fortein draus geworden, vielleicht, weil die Deutschen die französischen Nasale nicht so gut aussprechen können. Aber Sie sind doch wohl nicht gekommen, damit ich Ihnen das alles erzähle, oder?
– Nee, nicht wirklich, sagte ich, wir sind hier, weil wir ein Problem haben, das heißt, eigentlich haben nicht wir, also mein Papa und ich das Problem, sondern die klei…
– Wir brauchen Ihre Hilfe, unterbrach mich Papa, und zwar in einer, nun, sagen wir mal: äußerst ungewöhnlichen Angelegenheit.
– Klingt interessant, meinte Fred Fortein, stopfte sich das letzte Stück Currywurst in den Mund, wischte die Pappschale sauber mit dem Brötchen aus, stopfte das auch noch in den Mund, kaute, schluckte und spülte das Ganze dann mit einem großen Schluck aus einem Becher Kaffee hinunter. Dann kramte er aus der Brusttasche seines nicht mehr ganz sauberen Hemdes eine filterlose Zigarette hervor, fingerte aus der Tasche seiner farbbetupften Jeans ein Feuerzeug und lehnte sich behaglich seufzend zurück, während er den Rauch des erstens Zuges langsam in die Luft blies.
– Da hinten stehen noch ein paar Klappstühle. Bedienen Sie sich.
Ein paar Augenblicke später saßen Papa und ich auf wackeligen Klappstühlen um den Tisch herum. Papa hatte sich eine der Filterlosen von Fred Fortein angezündet und einen dicken Pott Kaffee vor sich, den Fred Fortein aus einer uralten Kaffeemaschine serviert hatte, die, in Steckdosennähe auf dem Boden stehend, vor sich hin sprotzte. Ich nuckelte an einer Limo, die der Karnevalswagenbauer aus einem Kühlschrank gezaubert hatte, der ziemlich weit hinten an der Wand stand und mit Sicherheit doppelt so alt und groß war wie ich. Meine Lieblingsumhängetasche mit Ulhasa und Elhasa hielt ich vorsichtig auf den Knien,
– Also…, Fred Fortein schaute von Papa zu mir und zurück.
– Tja, Papa räusperte sich und wies dann mit der Hand auf mich, meine Tochter zeigt Ihnen jetzt mal was. Bleiben Sie bitte ganz ruhig und warten Sie ab, was geschieht. Es ist auf jeden Fall nichts Schlimmes.
– Mann, Sie machen ja ein ganz schönes Theater, brummte der Künstler, aber meinetwegen, lass mal sehen, Mädchen.
Vorsichtig fasste ich in meine Tasche und holte meine Zahnspangendose heraus. Fred Fortein zog fragend seine buschigen Augenbrauen hoch. Ich stellte die Dose auf den Tisch und machte sie auf. Im selben Augenblick stieg Glitzer aus ihrem Inneren in die Luft. Der Glitzer formte um den ganzen Tisch eine Glocke, unter der wir nun saßen. Ulhasa und Elhasa waren aus der Dose geklettert und hatten sich wieder etwas vergrößert. Sie verbeugten sich vor Fred Fortein und sprachen wie mit einem Mund:
– Guten Tag, Fred Fortein. Wir freuen uns sehr, bei dir zu sein.
Fred Forteins Augenbrauen hatten inzwischen fast den Haaransatz erreicht. Seine Zigarette verglühte langsam zwischen seinen Fingern. Er ließ sie einfach in den Aschenbecher fallen. Papa lächelte:
– So ging’s mir auch beim ersten Mal.
Fred sah ihn verwirrt an:
– Was? Wann? Wie bitte?
Ich griff mal lieber ein:
– Also, begann ich, das sind Ulhasa und Elhasa. Sie und noch drei andere kleine Mönche haben das Problem, von dem mein Vater vorhin sprach. Wir, also die fünf kleinen Mönche, mein Vater und ich, haben uns überlegt, wie wir das Problem in den Griff bekommen. Und wir haben einen Plan. Damit der klappt, brauchen wir Ihre Hilfe. Klar soweit?
Fred nickte. Ich fuhr fort:
– Ulhasa und Elhasa werden Ihnen jetzt erklären, worum es geht. Das dauert nicht allzu lange, denn sie haben da eine ziemlich gute Methode.
Fred nickte erneut. Ich wandte mich den beiden kleinen Mönchen zu:
– Okay, ihr könnt anfangen.
Ulhasa und Elhasa formten Glitzerstaub zu einer Kugel, und in der Kugel lief dann der gleiche „Film“ ab wie schon am Morgen für Papa. Und auch Fred Fortein zeigte sich der Herausforderung gewachsen:
– Diese Elstern, ja, die sind mir auch schon aufgefallen. So viele auf einen Haufen, immer zusammen, immer laut und zänkisch.
– Wir haben, sprach nun Elhasa, einen Plan, der uns sehr erfolgversprechend erscheint. Die Elstern sind immer zusammen. Das macht sie stark und vor allem gefährlich für uns. Deshalb wollen wir versuchen, eine einzelne zu fangen. Mit der werden wir fertig – schließlich sind wir ja zu fünft.
Er warf Ulhasa einen warnenden Blick zu, aber unser Draufgänger blieb ruhig. Elhasa sprach weiter:
– Wenn wir also einen Vogel von den anderen isolieren, dann können wir uns mit unseren fünf Kharmas auf ihn konzentrieren und es vielleicht schaffen, mit ihm zu kommunizieren. Und wenn uns das gelingt, erfahren wir vielleicht auch, warum die Elstern sich so merkwürdig verhalten.
– Allerdings gibt es da noch ein Problem, ergriff jetzt Ulhasa das Wort, wir schaffen es nämlich nicht allein, eine Elster zu fangen. Wir brauchen dazu Hilfe.
– Und zwar, hakte ich jetzt ein, von jemandem, der Phantasie besitzt, zupacken kann und keine Angst vor diesen Viechern hat.
– Kurz: Wir brauchen Sie, mein lieber Fred. Papa grinste. Er liebte es, das letzte Wort zu haben.
Es entstand eine Pause. Und die dauerte. Und dauerte. Fred Fortein zündete sich eine neue Zigarette an.
– Rauchen ist…, begann ich. Papa machte das Reissverschlussmundzuzeichen. Ich schwieg. Die Pause dauerte an. Fred Fortein rauchte und schwieg. Papa spielte mit seinem Kaffeebecher und schwieg. Ulhasa und Elhasa hatten sich auf dem Tisch niedergelassen und schwiegen. Vielleicht meditierten sie auch.
– Rätsch! Rätschrätsch! Rätsch!
Zwei Männer, zwei kleine Mönche und ein Mädchen zuckten zusammen.
– Rätschrätsch! Rätsch! Rätsch!
Alle schauten nach oben. In dem Spalt, den das Dachfenster geöffnet war, erschien der Kopf einer Elster. Neugierig schaute der Vogel auf uns herab. Wir saßen da, wie erstarrt. Bis auf einen. Bis auf Ulhasa.

Im November geht es weiter mit:

Kapitel 13: Ein Sprint mit Folgen.