In Kambodscha, auf dem Gelände eines ehemaligen KZ der Roten Khmer, steht ein Baum, an dessen Stamm Soldaten Kinder erschlugen, weil sie Kugeln sparen wollten. Diesen Baum gibt es wirklich. Er ist heute eine Art Gedenkstätte. Ich habe darüber nachgedacht, was dieser Baum uns sagen würden, könnte er sprechen. Dann habe ich dies geschrieben:
Ich bin ein Baum in Kambodscha
ich bin ein baum in kambodscha
ich stehe hier seit vielen jahren
ich bin in diese welt hinein gewachsen
und sie in mich
ich bin ein baum in kambodscha
an meinem stamm zerschlugen
männer kinderköpfe
um munition zu sparen
ich bin ein baum in kambodscha
an meiner rinde klebt
das blut das hirn die haut
von vielen kleinen menschen
ich bin ein baum in kambodscha
meine äste sind das schreien
meine blätter sind das weinen
meine wurzeln sind das bluten und das bersten
ich bin ein baum in kambodscha
ich stehe hier seit vielen jahren
ich wachse immer noch
vor entsetzen
Au Cambodge, sur le terrain d’un ancien camp des Khmers Rouges, il y a un arbre sur le tronc duquel des soldats ont tué des enfants parce que la munition leur manquait. Cet arbre existe vraiment. Aujourd’hui, il est une sorte de mémorial. J’ai essayé d’imaginer ce que cet arbre dirait s’il pouvait s’exprimer dans la langue des (in)humains. Puis j’ai écrit ceci :
Je suis un arbre au Cambodge
je suis un arbre au cambodge
je suis ici depuis des années
j’ai poussé dans ce monde
et lui en moi
je suis un arbre au cambodge
sur mon tronc, des hommes ont brisé
des têtes d’enfants
par manque de munition
je suis un arbre au cambodge
sur mon écorce colle
le sang la cervelle la peau
de nombreux petits êtres humains
je suis un arbre au cambodge
mes branches sont les cris
mes feuilles sont les pleurs
mes racines sont le sang et l’éclatement
je suis un arbre au cambodge
je suis ici depuis des années
je continue de pousser
poussé par l’épouvante
Trauerarbeit
denk nicht dass das alles ist
wenn man täglich dich vermisst
denk nicht dass das reichen mag
ans grab zu kommen jeden tag
denk nicht wenn die sonne scheint
dass es sich dann leichter weint
dass dann nicht die ganze zeit
nach einem wiedersehen schreit
denk nicht dass die jahre gehn
und wir irgendwann verstehn
denk nicht dass ein leben reicht
denk bis bald bestimmt vielleicht
denk nicht dass das alles ist
Sankt Martin reloaded
Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin fuhr durch Schnee und Wind,
sein SUV, der trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin fuhr mit leichtem Mut,
im SUV, da war’s ihm warm und gut.
Im Schnee saß, im Schnee saß,
im Schnee, da saß ein armer Mann,
hat Kleider nicht, hat Lumpen an:
„Oh helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!“
Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin hält den Wagen an,
das Fenster auf zum braven Mann.
Sankt Martin wirft ne Decke raus
da lag sein Hund noch gestern drauf.
Sankt Martin, Sankt Martin,
der denkt, er sei ein guter Mann ,
weil er so herrlich teilen kann.
Sankt Martin gibt jetzt richtig Gas,
denn Geben macht doch so viel Spaß.
Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin legt sich müd zur Ruh,
da tritt im Traum der Herr hinzu.
Er trägt die Hundedeck’ als Kleid,
sein Antlitz strahlet Zornigkeit.
Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin sieht ihn staunend an,
der Herr spricht ihn jetzt zornig an:
„Die Decke half dem Armen nicht,
er starb im frühen Morgenlicht.
Sankt Martin, Sankt Martin,
Decke schenken reicht nicht aus
bei all der Armut großem Graus.
Der Armut Grund, der liegt bei dir,
bei deinem Reichtum, deiner Gier.“
Sankt Martin, Sankt Martin,
Wacht auf aus diesem bösen Traum,
erleichtert, weil allein im Raum.
Ein Gott mit solch’ Gerechtigkeit ,
das geht dem Martin echt zu weit.
Heißer Herbst 22
es sind 24 grad
und die bäume wissen
nicht wohin mit ihren blättern
es sind 25 grad
und die winterreifen stöhnen
leise auf den schweißbedeckten felgen
es sind 26 grad
und die meisen amseln finken sitzen
feixend auf den futterhäuschen
es sind 27 grad
und auf den Café-Terrassen ist
noch mal viel nackte haut am start
es sind 28 grad
und die schokoweihnachtsmänner schmelzen
in den supermarktregalen
es sind 29 grad
und wir warten
zähneklappernd auf den winter
Hiroshima, mon Amour ?
schau geliebte, dort, im herz der stadt
ein blendend weißer blitz
der horizont steht auf
der himmel ächzt
spürst du, geliebte, wie ein stöhnen durch die steine zieht
und hitze uns die poren schließt?
später sind die straßen dann
von kaltem schweiß bedeckt
sieh doch, geliebte, sieh zum fluss hinab
der drohend gegen aufgeweichte ufer schäumt
wasser verdampft
auf glühendem asphalt
sag, geliebte, welche farbe hat der wind
der asche aus ruinen bläst?
und wer von uns beiden ist
der schwarze brandfleck an der wand?
Alter Hund
die blonde nachbarin
soziale kompetenz in draller korpulenz
lockt jeden morgen ihren alten kranken hund
mit liebevollen worten vor die tür
gassi geht da schon lang nichts mehr
es schleppt sich nur die kreatur
zur notdurft und zurück nach hause
ja, deren gibt es immer mehr
es werden eben
nicht nur die menschen alt