Blindes Glück

herzlichen dank! sagte
der mann mit den drei punkten
und dem weißen stock
als ich an der ampel
neben ihm losfahrend
es ist grün! rief
er konnte mein lächeln danach
nicht sehen
schade eigentlich

 


Infrastrukturnotiz

unter allen straßen
kanäle labyrinthe
ungesehenes überlebenswichtiges
zivilisationsgedärm

kabel rohre leitungen
wasser gas und strom
i – n – t- e – r – n – e – t
und sehr sehr viel fäkalien

es mäandert im verborgenen
es zischt es summt es rauscht
ab und zu ein blubbern und ein platschen
wie aus einer anderen welt

doch manchmal fällt brutal ein licht
in als dies warme dunkel
dann reißt der mensch das alles auf

staunend stehe ich am grubenrand
und schreibe heimlich mit

 


Als der Weiße Riese noch klein war…

als der weiße riese noch klein war
als die wäsche nicht nur sauber sondern rein war
als unsere welt noch scheinbar
funktionierte

da gab es keine zweifel
da gab es formel 1 in der eifel
da gab es unbegrenztes immer mehr
und die autos waren groß und schwer
und sind es immer noch

als der weiße wirbelwind durchs haus fegte
als sich glanz auf alle möbel legte
als man man sich über vieles noch nicht aufregte
hätte man besser mal

doch die autobahnen wurden immer breiter
und die reisen führten immer weiter
und der himmel wurde immer voller
und wir trieben es noch immer toller
wohin treiben wir

als die ganze weiße welt noch groß war
als das ganze machen machen machen einfach nur famos war
als wir einander zunehmend unnahbar
wie stehen wir nun heute da

winzlinge im größenwahn
mit perfektem selbstvernichtungsplan
die menetekel an der zukunft weißer wand
stammen nicht von geisterhand
wir schreiben selbst

als der weiße riese noch klein war
als unser gewissen noch gut und rein war
als alles noch mit allem vereinbar

waren wir es schon längst nicht mehr


Centre de Distribution

à moi mon amour
à toi ton labour
à lui son tort
à elle son corps
à nous nos rêves
à vous vos trêves
à eux leurs haines
à elles leur peine
à moi mes blessures
à toi tes ordures
à lui ses complexes
à elle son sexe
à nous nos devoirs
à vous vos espoirs
à eux leurs pensées
à elles leurs idées

à moi ma vie
et mon accompli

 

 


Liebe in Zeiten von Corona

sie liefen einander über den weg
fast über den haufen
sie blieben kurz stehen
lachend
lächelnd
und dann gingen sie eine zeitlang zusammen weiter
einfach so
blieben stehen
mal hier mal dort
setzten sich schließlich
für lange zeit
und fühlten plötzlich
dies sehnen
und hofften so sehr
sie beide
und dann
irgendwann
trennten sie sich
für ein wiedersehen
und jetzt
und jetzt und jetzt und jetzt
fragt sie dieser einsame strich:
seid ihr euch schon zu nahe gekommen?

 

 


Karnevalsspätnachmittag

karnevalsspätnachmittag
der umzug in der stadt
ist gerade zu ende gegangen
grotesk grellen die kostüme
durch die nieselregengraue luft
narren kehren heim
und andere kehren zusammen
was sie hinterlassen
erschöpft wälzt sich
ein weiblicher hydrant
rotweiß aus dem fond eines pkws
verloren taumelt ein clown
durch den feuchtkalten februar
ein als ghostbuster verkleidetes ehepaar
mit kind unmaskiert
strampelt in schmutzigweißen übergrößenoveralls
richtung hochhaus
der vater glasigen blicks
aktiviert immer wieder
die sirene auf seinem helm
üüüühiiiiiii üüüühiiiiiii
die mutter hält schweigend den kurs
kein lächeln verdirbt ihr die stimmung
nur das kind
das unverkleidete ruft

papa papa hör auf
üüüühiiiiiii üüüühiiiiiii
immer wieder