Garzweiler Zwei

das land liegt wie vergessen in der sonne

der wind bläst aus dem nichts

und man wird das gefühl nicht los

dass irgendetwas hier nicht stimmt

das auge findet keinen halt

wegweiser wissen nicht wohin

die dörfer menschenleer

die häuser fensterlos

die türen offen und die mauern blind

ein birnbaum steht uralt

die früchte sind bedeckt vom staub

der aus ruinen weht

und schmecken dennoch süß

zum allerletzten mal

holen die allerletzten bauern

die allerletzte ernte ein

noch steht der hof wie eine festung

seit hunderfünfzig jahren steht er so

so lange werden die nicht leben

die seinen tod beschlossen

 

wer weit genug nach osten schaut

beginnt zu ahnen was da kommt

was sich da langsam näher schaufelt

der große gleichmacher

der große reichmacher

die abbruchkante

 

 


Gelbe Hähne

gelbe hähne treiben kieloben im fluss
säen den schrecken stromauf und stromab
sie tanzen auf misthaufenflößen
vorbei an dörfern und städten
sie prügeln mit berstenden flügeln
auf eierlose flugzeugträger ein

gelbe hähne toben im watt
gestrandet in häfen ewiger ebbe
molen zerstieben, kräne sacken zusammen
nur kirchtürme bleiben zurück
ragend aus den ruinen
gotische mittelfinger gottes

gelbe hähne ziehen durchs land
brüllend trippeln sie nieder
was nicht in bunkern verschanzt
ihr krähen zerdonnert die wälder
bergen geben sie die sporen
aus mitternachtsblut


Genderday...

sehr vieles war sehr ungerecht
drum sagten wir uns: also echt –
das muss sich ändern
und fingen mächtig an zu gendern
am ende hat sich das gerächt:
wir wurden schrecklich selbstgerecht


Wetterlyrik

Wetter 1

nebel
hellgraue bügelfeuchte
klammer wickel
umhüllt die stadt
luft! luft!

 

Wetter 2

regen
wolkenbruch
alle himmelswasserrohre platzen
urbane seenplatten
auf der versiegelung

 

Wetter 3

sonne
tückisches gestirn
erst scheint sie
dann brennt sie
uns nieder

 

Wetter 4

schnee
nur noch von gestern
heute verzweifelt gesucht
fragen wir uns
wohin mit all den schaufeln?

 

Wetter 5

frost
krachend immer seltener
überraschend immer noch
kälte wird zum luxus
wenn es immer wärmer wird


Kreuzfahrtschiff

es ist ein kreuz
mit der fahrt
und dem schiff
denn kommt das schiff
falsch in fahrt
ist schnell schluss mit gekreuz
dann hängt’s wie am kreuz
blöd am riff
dummes schiff
ohne fahrt


Dialektik einer Erbsensuppe

meine kleine zuckerpuppe
kocht heut’ lecker erbsensuppe
und morgen in der männergruppe
werd’ ich davon erzählen

meiner kleinen zuckerpuppe
ist das aber ziemlich schnuppe
denn morgen in der frauengruppe
werden die sie dafür quälen

(Dieses Gedicht beruht zum einen auf einer wahren und antizipiert zum anderen eine mögliche Begebenheit, deren extrem hohe Wahrscheinlichkeit empirisch belegt ist.)