Ode an einen alten Fußball

zerzaust
liegt er hinten im gebüsch
halb hat er noch luft
es reicht für die erinnerung

tausendmal getreten
tausendmal gestoppt
mit fuß und brust
tausendmal geflankt
von links von rechts
halbhoch oder banane
hauptsache rein
auf den freien mann
oder als steilpass
in die schnittstelle
weitergeleitet mit dem kopf
mit der hacke
geschlenzt geschnibbelt
geschnitten gedribbelt
außenrist innenrist
vollspann und volley
oder ganz raffiniert
oben ins eck
tausend tore
tausend jubel

zerzaust
liegt er hinten im gebüsch
halb hat er noch luft
es reicht für die erinnerung
an seine große zeit
im hinterhof


Das Schweigen der Lämmer

es war einmal eine herde lämmer – gut behütet von einem schäferhund.

eines tages war ein wolf unter den lämmern.
„ich tu nichts!“, schrie der wolf.
„der tut nichts“, schwiegen die lämmer.

dann waren mehr wölfe unter den lämmern.
„wir tun nichts!“, schrien die wölfe.
„die tun nichts“, schwiegen die lämmer.

dann wurde ein lamm gebissen.
„wir warn’s nicht!“, schrien die wölfe.
„da war nichts“, schwiegen die lämmer.

dann wurde ein lamm gerissen.
„wir warn’s nicht!“, schrien die wölfe.
„da war nichts“, schwiegen die lämmer.

dann, eines tages, war der schäferhund verschwunden.
„wir warn’s nicht!“, schrien die wölfe.
„da war nichts“, schwiegen die lämmer.

dann schrien die wölfe.
dann schwiegen die lämmer.


An der Straße von Gibraltar

an der straße von gibraltar
schaut man nicht rechts nicht links
um zu überqueren
blickt man zurück auf die hunde
die lechzen
sieht man hinauf zum stacheldraht
der blut geleckt
starrt man hinüber nach europa
das noch in afrika liegt

an der straße von gibraltar
gibt es keine ampeln
keine zebrastreifen
vorfahrt hat der schnellere
der frechere der clevere
es gibt keine regeln
außer denen die man bricht
kein recht außer dem
des stärkeren

an der straße von gibraltar
haben viele kaum eine chance
und die meisten keine
es herrscht schiffsverkehr
aus tankern frachtern und kreuzfahrtschiffen
dazwischen die seelenverkäufer
aus schrott altholz und verrottendem gummi
an die sich so viele klammern
vor allem die hoffnungen

an der straße von gibraltar
schaut man nicht rechts nicht links
der blick geht richtung norden
kompassnadel für eine besseres leben
für arbeit wohlstand sicherheit
man schreit laut:
und wir?
und europa schreit stumm zurück
nein!


Nachtwache

sanft ist die tür ins schloss gefallen
wir sind allein
ich komme
sagte die ärztin
später noch einmal vorbei

wortlos treffen sich unsere blicke
wir wissen beide
auch diese nacht
wirst du kämpfen
und nicht gewinnen

irgendwann nimmst du meine hand
und du fragst
wann soll ich aufhören zu atmen
wenn du keine kraft mehr hast
hör‘ ich mich sagen

dann sind wir ruhig
bis zum morgen


Einfaches Gedicht

einfach tun, was richtig ist
einfach lassen, was nichts bringt
einfach sagen, was man denkt
einfach leben, was man fühlt
einfach lieben, wen man mag

einfach ist nicht leicht
einfach ist am schwersten

(Mit einem kleinen Dankeschön an die TBWA Werbeagentur für den letzten, guten Satz.)